Anmut auf Asphalt: schmale Säulen tragen das Vordach des Palácio do Planalto, dem Sitz der Präsidentin in Brasília
© Leonardo Finotti

Der Tanz mit dem Beton

  • TEXT DOROTHEA SUNDERGELD

Die Bauten von Oscar Niemeyer waren stilbildend für das moderne Brasilien. Doch auch die Nachfolger des legendären Architekten erweisen sich als wahre Betonkünstler. Ein Architekturrundgang auf der Spur der schönen Formen

Wer an Brasilien und Architektur denkt, hat sogleich Oscar Niemeyers futuristische Betonkurven vor Augen. Als der Baumeister 2012 in Rio de Janeiro mit 104 Jahren starb, hatte er etwa 600 Gebäude fertiggestellt: Museen, die mit ihrer überbordenden Schönheit von der Kunst ablenken, die sie ausstellen. Eine Stadt vom Reißbrett mit Regierungsbauten, die direkt aus einem Science-Fiction-Film zu stammen scheinen. Wohnhäuser, die Natur und Gebäude miteinander verschmelzen.

Der kühlen Ästhetik des Maschinenzeitalters hatte Niemeyer die Sinnlichkeit der fließenden Form hinzugefügt. „Der rechte Winkel zieht mich nicht an und auch nicht die gerade Linie, die der Mensch geschaffen hat“, schrieb der Baumeister 1996. „Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau. Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht. Das gekrümmte Universum Einsteins.“ Niemeyer brachte das Material Beton zum Tanzen und schuf Formen, die zum Ausdruck eines nationalen Selbstverständnisses wurden: zukunftsgewandt, fortschrittlich und optimistisch – ohne elitär zu sein.

Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht

Oscar Niemeyer, Architekt

Es war einer der produktivsten Momente der brasilianischen Geschichte, als Niemeyer in den 50er Jahren den Regierungssitz Brasília errichtete. Im Eiltempo hatte sich das Land von einer agrikulturellen Gesellschaft in eine Industrienation entwickelt – und feierte nun seine Erfolge. Antonio Carlos Jobim und João Gilberto hatten den Bossa Nova erfunden, Brasilien gewann zwei Fußball-Weltmeisterschaften und die ersten „Volkswagen do Brasil“ rollten über frisch geteerte Straßen. Niemeyers Architektur war Ausdruck dieses Moments und identitätsstiftend für ein Land, das sich selbstbewusst von der Kolonialzeit abwendete, den Blick nach innen richtete und seine eigene, progressive Form fand.

Auf die Aufbruchstimmung der 50er folgte die Militärdiktatur (1964-1985) und die Wirtschaftskrise der 70er Jahre. In São Paulo setzten Vilanova Artigas, Paulo Mendes da Rocha und Lina Bo Bardi der kurvigen Moderne ihren „Beton Brut“ entgegen: Technische Raffinesse und Rationalität brachten eine neue, wuchtige Formensprache mit Beton hervor. Lina Bo Bardi hängte das Kunstmuseum MASP (1968 eröffnet) an breiten roten Stahlbügeln auf und schuf darunter einen Freiraum, der Blickachsen in der so dicht bebauten Metropole ermöglicht.

Und heute? Das DAM Architekturmuseum in Frankfurt widmete im vergangenen Jahr der zeitgenössischen brasilianischen Architekturszene die Ausstellung „Nove Novos“ („Neun Neue“) und zeigte, dass sich die Architekten der aktuellen Generation von den expressiven Betonschwüngen des Oscar Niemeyer und dem „Brutalismo Paulista“ verabschiedet hat. Große Gesten gibt es noch heute, zum Beispiel das Hotel Unique, das wie ein Ozeanriese im Häusermeer von São Paulo schwimmt. Wieder ist es eine wirtschaftlich dynamische Zeit, die eine neue Architektur hervorbringt. Anders als in den 50er Jahren sind es heute Privatleute, die Museen, Sportstätten und großzügige Residenzen in Holz, Glas und Beton errichten lassen. Wer die innovativsten Bauten der neuen Architektengeneration sehen will, findet sie nicht nur in Rio und São Paulo, sondern auch im Landesinneren. In Inhotim, einem Kunstzentrum in der Nähe von Belo Horizonte, hat der brasilianische Multimillionär Bernardo Paz junge Architekten eingeladen, Räume für Installationen internationaler Künstler zu entwerfen. Auch sie tanzen mit Beton, geben ihm Falten und Kanten. Aber ihre Bauten ziehen nicht mit exaltierten Formen die Aufmerksamkeit auf sich, sondern nehmen sich dezent zurück, um Natur und Kunst miteinander sprechen zu lassen.

Klare Aufteilung: Im Konkaven der Senat, im Konvexen das Abgeordnetenhaus. Dazwischen die Büros in denen Entscheidungen vorbereitet werden - Brasiliens Congresso Nacional

Klare Aufteilung: Im Konkaven der Senat, im Konvexen das Abgeordnetenhaus. Dazwischen die Büros in denen Entscheidungen vorbereitet werden - Brasiliens Congresso Nacional

© Christian Heeb / laif
Der Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur: Oscar Niemeyer

Der Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur: Oscar Niemeyer

© João Pina / Redux / laif

Oscar Niemeyer: Brasília

1956 beschloss der frisch gewählte brasilianische Präsident Juscelino Kubitschek, der wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchstimmung in seinem Land ein Zeichen zu setzen: die Regierung sollte umziehen aus dem von portugiesischen Kolonialherren gegründeten Rio de Janeiro in die neue Hauptstadt Brasília, gelegen auf einem öden Hochplateau im Herzen des Landes. Mit einem Masterplan von Lucío Costa in Form eines Kreuzes, und einer Reihe von extravagant geschwungenen Betonbauten von Oscar Niemeyer wurde die Idealstadt in nur vier Jahren Bauzeit errichtet. Die Regierungsbeamten akzeptierten die neue Hauptstadt nur widerwillig – aber die arme Landbevölkerung, für die in der Kapitale keine Unterkünfte vorgesehen waren, siedelte sich in Satellitenstädten an. Brasília wurde zum Symbol für die Spaltung des Landes in Arm und Reich – Niemeyers Bauten aber, von der Catedral Metropolitana Nossa Senhora Aparecida mit ihren bumerangförmigen Rippen über den Nationalkongress bis zum Präsidentenpalast sind bis heute Ikonen der tropischen Moderne.

Wer im Glashaus wohnt ... hat entweder wenig Privatspähre oder blickdichte Vorhänge. Lisa Bo Bardis erstes Werk in Brasilien, die Casa de Vidro, erlaubt Einblicke in das Leben und Schaffen der Architektin

Wer im Glashaus wohnt ... hat entweder wenig Privatspähre oder blickdichte Vorhänge. Lisa Bo Bardis erstes Werk in Brasilien, die Casa de Vidro, erlaubt Einblicke in das Leben und Schaffen der Architektin

© Leonardo Finotti

Lina Bo Bardi: Casa de Vidro

Als junge Frau war die gebürtige Italienerin eine der wenigen ihrer Generation, die Architektur studierte. Sie arbeitete im Studio von Gio Ponti, schrieb und illustrierte für die Zeitschrift Domus. 1946 lernte sie Pietro Bardi kennen, heiratete und verließ mit ihm das vom Krieg verwüstete Italien in Richtung Brasilien. In São Paulo wurde sie bald zu einer der prägenden, eigenwilligen Architekten: die kühle Glas- und Betonästhetik bereicherte sie um traditionelle lokale Elemente, verzierte zum Beispiel Betonfassaden mit Kieselsteinen. Sich selbst baute sie ein Haus aus Glas auf einem urwaldbewachsenen Hügel mit Blick auf São Paulo. Die Wohnräume sind ringsum verglast, in der Mitte liegt ein Innenhof, durch den tropische Pflanzen ranken. Das Haus, in dem Lina Bo Bardi bis zu ihrem Tod 1992 lebte, ist die perfekte Synthese von Baumhaus und transparenter Moderne. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Architektin wurde auch der Sessel „Bowl Chair“ wieder aufgelegt, den Bo Bardi für ihr Casa de Vidro entworfen hat.

Massive Anmut: Das Hotel Unique bietet Architekturliebhabern ein besonderes Hotelerlebnis

Massive Anmut: Das Hotel Unique bietet Architekturliebhabern ein besonderes Hotelerlebnis

© Courtesy of Hotel Unique

Ruy Ohtake: Hotel Unique

Im Jardin, einem wohlsituierten Wohnviertel von São Paulo, baute Architekt Ruy Ohtake 1999 bis 2002 das spektakulärste Hotel der Stadt. Ein mit patiniertem Kupfer verkleideter Bogen hängt zwischen zwei schlanken Scheiben und soll mit seinen kreisrunden Fenstern an einen Ozeanriesen im Trockendock erinnern. Die 80 Standardzimmer sind teilweise recht klein, die Räume am Rand des Gebäudes nehmen die kurvige Architektur als gestalterisches Mittel auf und verleihen dem Interieur einen passenden Space-Age-Look. Die eigentliche Attraktion des Gebäudes aber ist die Dachterrasse. Wer einen Tisch in der Skye Bar reserviert, blickt über den roten Pool hinweg auf das Meer der Wolkenkratzer, und hat für einen Moment lang wirklich den Eindruck, mit einem luxuriösen Raumschiff in der Betonwüste von São Paulo zu landen.

Über die opulenten Brücken gelangen Besucher zum Produktionsbereich der Schokoladenfabrik. Verschiedene Farben, Materialien und Soundtracks bestimmen den Rundgang

Über die opulenten Brücken gelangen Besucher zum Produktionsbereich der Schokoladenfabrik. Verschiedene Farben, Materialien und Soundtracks bestimmen den Rundgang

© Leonardo Finotti

Metro Arquitetos: Nestlé Schokoladenmuseum

Schon vom Présidente Dutra Highway aus sind die gläsernen roten Türme des Museums gut zu sehen. 115 km von São Paulo entfernt liegt die Schokoladenfabrik von Caçapava, deren Industriebau aus den 60er Jahren die jungen Architekten von Metro Arquitetos 2011 um eine Museumsfunktion erweitert haben. Das junge Büro aus São Paulo wurde 2000 gegründet, baut Schulen, Ausstellungsräume und Wohnhäuser – und ist durch seine enge Kooperation mit Pritzker-Preisträger Paulo Mendes da Rocha bekannt geworden. In Caçapava zieht sich ein Laufsteg durch die Werksstraßen, von dem aus die Besucher wie auf einem Lehrpfad die Schokoladenfertigung beobachten können. Der Weg führt durch zehn Produktionsphasen, von der Lagerung der Rohstoffe bis zur Verpackung der fertigen Schokoladen. Die einzelnen Phasen sind durch Farbe, Klang und Kulissen voneinander abgehoben. Von Aussichtspunkten aus können Besucher den Mitarbeitern per Teleskop sogar genau auf die Finger gucken – nur naschen dürfen sie nicht.

Wie metallische Seifenblasen liegen die Edelstahlkugeln in "Narciso's Garden" auf der Wasseroberfläche. Die Installation auf dem Dach des Zentrums ist ein Werk von Yayoi Kuzuma

Wie metallische Seifenblasen liegen die Edelstahlkugeln in "Narciso's Garden" auf der Wasseroberfläche. Die Installation auf dem Dach des Zentrums ist ein Werk von Yayoi Kuzuma

© Malte Jäger / laif

Arquitetos Associados: Burle Marx Education Center in Inhotim

Zu den magischsten Orten für zeitgenössische Kultur zählt Inhotim, ein Kunstpark in der Nähe von Belo Horizonte, den der brasilianische Stahlmagnat Bernardo Paz ins Leben gerufen hat. Paz entwickelt das 300.000 Quadratmeter große Areal seit über zehn Jahren und lädt internationale Künstler ein, hier Werke mit Bezug zur Landschaft und Architektur  zu realisieren. Matthew Barney baute hier eine Waldzerstörungsmaschine, Olafur Eliasson eine Sehmaschine, die den grünen Dschungel in kaleidoskopische Geometrien zerlegt. Das junge Architekturbüro Arquitetos Associados lud Paz ein, ein Bildungszentrum für Inhotim zu bauen. Alexandre Brasil und Paula Zasnicoff entwarfen ein eingeschossiges, U-förmiges Gebäude mit Bibliothek, Ateliers und Hörsaal. Auf dem Dach schwimmen hunderte von Edelstahlkugeln und bewegen sich im Wind – eine Installation der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama.

Inhotims Pflanzen umschlingen jeden Gegenstand und lassen selbst Beton zu einem organischen Teil des Parks werden. Hier: die Galeria Lygia Pape

Inhotims Pflanzen umschlingen jeden Gegenstand und lassen selbst Beton zu einem organischen Teil des Parks werden. Hier: die Galeria Lygia Pape

© Leonardo Finotti

Rizoma: Lygia Pape Galerie

Wie eine gefaltete und in sich verdrehte Schachtel duckt sich die Galerie Lygia Pape in die üppige Vegetation von Inhotim. Thomaz Regatos und Maria Paz von Rizoma Arquitetos entwarfen den Betonkubus eigens für eine Installation der 2004 verstorbenen Künstlerin Lygia Pape. Besucher treten aus dem gleißenden Tageslicht in den hermetisch gehaltenen Bau, dessen Eingangsbereich nur von einem kleinen Lichtschlitz beleuchtet ist. Haben sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt, geht man weiter ins Innere der Galerie und sieht „Ttéia1C“, eine Installation aus Goldfäden. Die sind so im Raum gespannt und illuminiert, das sie wie schwebend wirken.