Ein wahres Weltwunder

  • TEXT SOLVEIG FLÖRKE

Die Wasserfälle in Iguaçu sind breiter als die Victoria-Fälle, höher als die berühmten Niagara-Fälle – und zweifelsohne schöner als alle beide. Ein Ortsbesuch

Schon von Weitem ist es zu hören: das laute Getöse der herunterkrachenden Wassermassen in Foz do Iguaçu. Es hallt bis zur Zubringerstraße, auf der ausschließlich autorisierte Busse fahren. Je näher man kommt, desto intensiver scheint das dumpfe Rauschen, bis es irgendwann zum tosenden Lärm wird.

An der vierten Haltestelle steigen die Wanderer aus aller Welt aus. Das Ziel kann man nicht verfehlen. Ein geteerter Pfad schlängelt sich durch den Wald. “Es ist jedes Mal aufs Neue faszinierend”, schwärmt Celine Bohn. Die Brasilianerin kommt aus Blumenau, eine der deutschstämmigen Siedlungen im Süden Brasiliens, ihre Urgroßeltern, einst aus Darmstadt kommend, hatten sich dort niedergelassen. Mit ihren drei Söhnen hat sie die berühmten Wasserfälle im Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay schon 1992 besucht – “doch einmal im Leben ist nicht genug”, sagt sie. Diesmal ist die Musiklehrerin mit ihrem Mann angereist.

Am nächsten Tag wollen sie von Brasilien aus weiter zum Einkaufen in das steuerlich günstigere Nachbarland Paraguay. Unweit der Wasserfälle von Foz do Iguaçu befindet sich nämlich das größte Einkaufszentrum Lateinamerikas mit mehr als 10.000 Geschäften.

Einmal im Leben ist nicht genug

Celine Bohn, Musiklehrerin

 Über die Ponte da Amizade, die Brücke der Freundschaft, gelangt man von der Stadt in das heruntergekommene Grenzstädtchen Ciudad del Este, das mit zollfreien Importgütern Touristengruppen und vor allem Brasilianer anzieht.

Vor dem Einkaufstrubel gilt aber alle Aufmerksamkeit den Wassermassen, die zwar nicht käuflich, für umgerechnet 20 Euro aber doch recht günstig zu bestaunen sind. Die Cataratas, wie die Wasserfälle in Brasilien genannt werden, sind breiter als die Victoria-Fälle und höher als die weltberühmten Niagara-Fälle. Mittlerweile wurden sie zu einem der “Neuen Sieben Weltwunder” gekürt, und ein Wunder der Natur sind die Cataratas ohne Zweifel.

In einem Panorama-Rund von über 2700 Metern stürzt das Wasser inmitten einer einzigartigen Urwaldszenerie bis zu 80 Meter weit in die Tiefe. 185.000 Hektar Regenwald liegen nördlich der Wasserfälle auf brasilianischer Seite, weitere 55.000 gehören zu Argentinien. Über 2000 geschützte Tier- und Pflanzenarten haben hier, im “Parque National de Iguaçu”, den die UNESCO 1986 zum Weltnaturerbe erklärt hat, ihr Zuhause.

Etwa zwei Stunden können die Besucher zu Fuß entlang der Wasserfälle schlendern. Während zu Beginn des Wanderweges alle noch trockenen Fußes unterwegs sind, wird es später immer feuchter. Feiner Sprühnebel sorgt nicht nur für schillernde Regenbögen, sondern auch für nasse Klamotten. Wer einen Regenumhang dabei hat, ist nun trotz heißer Temperaturen zu beneiden. Eine Gruppe von Japanerinnen spannt sogar ihre Regenschirme auf.

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© airpano.com

Die nützen allerdings Abenteurern, die sich für eine Bootstour unter den Wasserfällen entschieden haben, nichts mehr. Das Angebot, das wie ein waghalsiger Scherz klingt, meint die junge Frau im Büro des kleinen Safari-Unternehmens Macuco allerdings ganz ernst. Für umgerechnet 70 Euro bietet sie den Besuchern des brasilianischen Naturparks im Bundesstaat Paraná an, mit einem Schlauchboot ganz dicht an die Wasserfälle Foz do Iguaçu heran zu fahren.

„Es gibt auch einen zehnminütigen Hubschrauberrundflug“, ergänzt sie. Für umgerechnet 250 Euro. Der Großteil der Touristen erkundet die Wasserfälle über Wege und Stege auf eigene Faust, aber wer Betreuung und Extras wünscht, hat reichlich Auswahl bei der – für Südamerika eher untypisch – guten Organisation des Parks. Das Beste ist aber tatsächlich die Regenwaldroute bis ans Ufer des Iguaçu mit anschließender Tour im Turbo-Schlauchboot. Die Vorbereitung besteht lediglich im Anlegen einer Schwimmweste. Ein paar selbsterklärende Instruktionen wie „Passen Sie auf, dass Ihre Kameras nicht nass werden“, gibt der Steuermann des Bootes auf Portugiesisch und auf Englisch, denn die Gäste an Bord sind meist international. Dann geht es los, in zügigem Tempo. Vorbei an bizarren Fels- und Geröllmassen steuert das Schlauchboot direkt auf einen Wasserfall zu.

Schnell kommt das Wasser von oben. Mit aller Wucht prasselt der Wasserschwall auf das Schlauchboot ein, das nur dank seines extrastarken Spezialmotors durch das Wildwasser kommt. Da auf einer Länge von insgesamt mehr als zwei Kilometern ungeheure Mengen von Wasser in die Tiefe stürzen, hat der Bootskapitän die freie Auswahl: Irgendeine der insgesamt 300 Kaskaden ist immer frei, um den Touristen noch eine kalte Dusche zu verpassen. Auch Celine Bohn ist dabei. Die Brasilianerin klammert sich an die wildfremden Amerikaner neben sich, das Wasser rinnt von ihren nassen Haaren direkt ins Gesicht. “Das war der krönende Abschluss”, ruft sie. Klitschnass geht es nach einer halben Stunde zurück an Land.

Mehr als zehn Millionen Besucher schauen sich das Naturspektakel jedes Jahr an. Entstanden aus einer vulkanischen Eruption und der tektonischen Verschiebung der südamerikanischen Kontinentalplatte vor Millionen von Jahren, ist der so genannte “Teufelsrachen” die Hauptattraktion der Cataratas. Er vereint insgesamt 14 Wasserfälle und zählt so sagenhafte 13.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, die in die Tiefe donnern. Es hat sich einiges getan. Vor zwanzig Jahren konnte Celine Bohn mit ihrer Familie noch nicht bis in den Schlund des gigantischen Wasserfalls schauen, heute ist das dank verbesserter Zugangsmöglichkeiten möglich. Man schwebt buchstäblich über dem Wasser. “Ein wahres Weltwunder”, sagt sie beim Verlassen der Wasserfälle.