Alles am Fluss

Durch den Kautschukboom war Manaus einst reich geworden, nun erlebt die Dschungel-Metropole am Amazonas eine Renaissance – und ist Gastgeberin für vier Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft.

Wie Trauben an einer riesigen Rebe hängen hier die Amazonas-Dampfer am Steg, hektisch laufen schwer beladene Träger hin und her. André Peres Araújo, der 33-jährige Schiffseigner, treibt sie an. „Schon vor zwei Stunden wollten wir ablegen“, schimpft der hünenhafte Brasilianer, „doch die Fracht ist gerade erst eingetroffen.“ Nicht nur Araújo muss jetzt warten: Während die schwitzenden Arbeiter schwere Säcke voll Bohnen und Reis im Unterdeck verstauen, liegen die Fahrgäste weiter oben längst bequem in ihren mitgebrachten Hängematten. Die Nachricht von der Verspätung nehmen sie aber eher gleichgültig auf. Welche Rolle spielt die Zeit schon mitten im Dschungel?

Der Fluss ist die Lebensader der gesamten Region

André Peres Araújo, Kapitän

Manaus, einst Metropole des legendären Kautschukbooms und nun Austragungsort für vier Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft, ist ringsum von Urwald umgeben. Als einzige Verbindung zur Zivilisation – mit Ausnahme des Flughafens – dient der Amazonas; an den stetig erweiterten städtischen Hafenanlagen machen riesige Fracht- und Kreuzfahrtschiffe fest. „Der Fluss ist die Lebensader der gesamten Region“, sagt Araújo.

Die prächtige Oper von 1896 erinnert an die Zeit des Kautschukbooms

Die prächtige Oper von 1896 erinnert an die Zeit des Kautschukbooms

© Peter Gebhard/laif

 Schon in den 1870er Jahren strömten Tausende Abenteurer und Arbeiter nach Manaus. Denn Fabriken in aller Welt verlangten nach Gummi, und gewonnen wurde der wichtige Werkstoff aus dem Saft der Kautschukpflanze – die damals nur am Amazonas wuchs.

Plötzlich erlebte die zuvor verschlafene Dschungelsiedlung einen rasanten Aufschwung, sogar prächtige Paläste ließen die über Nacht reich gewordenen Kautschukbarone bauen. „Als erste brasilianische Stadt hatte Manaus eine zentrale Stromversorgung und -Kanalisation“, erzählt der 48-jährige Historiker Ibrahim Base. Auf dem Höhepunkt des Kautschukbooms beschloss die Metropole, ein opulentes Opernhaus zu errichten. Marmor und Kristall kamen aus Italien, die Möbel aus Paris – nichts war den Baronen zu teuer. 1896 wurde das Teatro Amazonas eröffnet, mit „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli. „Das Haus hat eine perfekte Akustik“, sagt Base, „doch die großen Stars blieben trotzdem fern, sie fürchteten sich vor tropischen Krankheiten.“ Und fast genauso plötzlich, wie der Boom begonnen hatte, fand er auch sein Ende: Ein britscher Naturforscher reiste an den Amazonas, wo er rund 70 000 Kautschuksamen sammelte. Sie wurden zum Grundstock großer Plantagen, die von den Briten bald in ihren südostasiatischen Kolonien angelegt wurden. Ab 1910 fiel der Preis für Kautschuk ins Bodenlose – und Manaus in einen scheinbar endlosen Dornröschenschlaf.

„Encontro das Águas“ nennen Einheimische das Zusammentreffen von Amazonas und Rio Negro

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© Sylvain Cordier/hemis.fr/laif
Einzigartig: Der Amazonasdelfin wird im Alter rosa-farben

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© picture alliance / Franco Banfi
Am Abend versammeln sich die Amazonasdampfer entlang der vielen Stege. Bereit für neue Fracht

Am Abend versammeln sich die Amazonasdampfer entlang der vielen Stege. Bereit für neue Fracht

© Ullstein Bild

 Rettung kam erst 1967, nachdem die Stadt zur Freihandelszone erklärt worden war. Langsam erwachte sie zu neuem Leben. Ihr Wahrzeichen, die Oper, wurde nach einer aufwendigen Sanierung 1990 wiedereröffnet. Für die WM hat sich Manaus nun weiter herausgeputzt. Viele historische Gebäude sind restauriert worden; in alter Pracht zeigt sich auch die von Gustave Eiffel entworfene Markthalle, der Mercado Municipal. Bei einem Marktbummel lässt sich hier die Artenvielfalt der Region bestaunen. Es gibt seltsame Fische und Früchte, deren Namen man vorher noch nie gehört hat: Pirarucu und Tambaqui, Cupuaçu und Bacuri.

Vor dem Markt von Manaus warten Wassertaxis. Nur etwa 20 Bootsminuten flussabwärts inszeniert die Natur ein spektakuläres Schauspiel: Der Amazonas und der Rio Negro treffen aufeinander, erst nach sechs Kilometern vereinigen sich ihre verschieden gefärbten Wassermassen. Die Amazonasdelfine, die diese Stelle zu ihrem Lieblingsplatz erkoren haben, tauchen in vielen Legenden auf. Sie können – so erzählt man sich – bei Nacht menschliche Gestalt annehmen und damit beinahe so erstaunliche Verwandlungen vollziehen wie die sagenhafte Stadt im Dschungel selbst.