Die treiben’s bunt!

  • TEXT JAN HENNE

Der „Caminho do Grafite“ bringt Farbtupfer, ach was, eine Farbexplosion ins Alltagsgrau der Favela „Morro dos Prazeres“. Wir stellen Rio de Janeiros spektakulären Graffiti-Pfad im Video vor

 Dieser Blick ist, nun ja, wow trifft es wohl am besten. Vor uns entfaltet sich die Bucht von Rio de Janeiro, in der Ferne erhebt sich mächtig der Zuckerhut, hinter uns ragt Cristo, umschwirrt von winzigen Wolken, in den blauen Himmel.

Wir treffen Charles Siqueira hoch oben über dem bekannten, dem touristischen Rio. Genauer: Wir stehen mitten in der Favela „Morro dos Prazeres“, was übersetzt „Berg der Vergnügten“ bedeutet. Und tatsächlich, obwohl hier Rios Ärmste wohnen, sieht vieles nach Vergnügen aus: Auf einem Bolzplatz mit Traumaussicht kicken ein paar Jugendliche. Das Lachen alter Männer, die sich brasilientypisch ein großes Bier aus kleinen Gläsern teilen, schallt durch die engen Gassen. Und dann sind da noch die knallbunten Wände, wegen derer wir eigentlich den Hügel von Santa Teresa hinaufgestiegen sind.

Siqueira hat gemeinsam mit einheimischen Künstlern das Projekt „Caminho do Grafite“ ins Leben gerufen: ein Graffiti-Pfad, der sich durch die Favela schlängelt. Die Idee ist, durch den Pfad Touristen und mit ihnen auch etwas Geld nach „Morro dos Prazeres“ zu bringen. „Wir möchten die Favela attraktiv für Besucher machen. Der Eingang liegt direkt an der Zufahrt zu Cristo. Hunderte Menschen kommen hier vorbei, aber sie bleiben draußen stehen. Unser Ziel ist, dass sie hereinkommen“, sagt Siqueira.

Mehr als 50 Sprayer haben sich bereits hier verwirklicht, manche von ihnen sind echte Berühmtheiten in der Szene. „Márcio SWK“ stellte seine Bilder zuletzt in den Metropolen Europas aus, war in Paris, London, Berlin. Seine Heimat bleibt trotzdem die Favela. Dieser Ort habe ihm zum Mann gemacht, sagt er. Bei unserem Dreh treffen wir Márcio bei der Arbeit an seinem neuen Werk für den „Caminho do Grafite“. Und darüber weiß der Künstler natürlich einiges zu erzählen…