Maximale Beinfreiheit: Auch Priester begeistern sich für den Sport
© Christopher Pillitz

Spiel des Lebens

  • TEXT GUNNAR HERBST
  • FOTOS CHRISTOPHER PILLITZ

Kaum eine Nation ist so fußballverrückt wie Brasilien. Der argentinische Fotograf Christopher Pillitz ist durch das ehemalige WM-Gastgeberland gereist, um das Phänomen in seiner ganzen Vielfalt zu dokumentieren

Viel brauchen die Menschen in Brasilien nicht, um Fußball zu spielen, genau genommen nur einen Ball und etwas Platz: auf der Straße, im Hinterhof einer Favela oder im Sand einer der vielen Strände, auf einer Ölplattform oder einer saftigen Wiese am Amazonas. Im Augustiner-Kloster, in einem Hochsicherheitsgefängnis oder auf einer gesperrten Stadtautobahn. Fast überall spielen sie das Spiel, das ihr Leben ist. Wenn ein Ball fehlt, wird kurzerhand mit einer leeren Blechdose gekickt. Häuser und Leitplanken werden zu Seitenlinien, Plastikflaschen oder Hauseingänge markieren die Tore. Manchmal verzichten die Kicker sogar auf die. Dann halten sie minutenlang den Ball in der Luft oder versuchen den Gegner mit schnellen Dribblings auszutricksen.

Wie Samba und Karneval spiegelt der Sport die Verspieltheit und Kreativität ihrer Seele wider

Christopher Pillitz, Fotograf

Wenn England die Heimat des Fußballs ist, dann ist Brasilien seine riesige Spielwiese. Nirgendwo sonst hat der Sport eine solche Raffinesse, Leichtigkeit und Eleganz erreicht wie in dem südamerikanischen Land, in dem vom 12. Juni bis 13. Juli dieses Jahres die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Mit jedem Trick, mit jedem Pass feiern die Kicker die Magie des jogo bonito, des schönen Spiels – intuitiv, fantasievoll und oft technisch perfekt. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand Profi oder Amateur ist, Anwalt oder Straßenfeger, Mönch oder Krimineller. Die Begeisterung zieht sich durch alle Altersgruppen, Berufe und sozialen Schichten. Bei vielen hat sie fast religiöse Züge, auch bei den Zuschauern: Brasilianische Profis werden als Helden verehrt, Clubs bedingungslos geliebt.

Straßenkicker: Die Jugendlichen in der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiro brauchen nur etwas Platz für ihren Sport und einen Ball – notfalls tut es aber auch eine Blechdose

Straßenkicker: Die Jugendlichen in der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiro brauchen nur etwas Platz für ihren Sport und einen Ball – notfalls tut es aber auch eine Blechdose

© Christopher Pillitz
Trickreich und torlos glücklich: Am Strand von Ipanema versuchen junge Männer, den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten

Trickreich und torlos glücklich: Am Strand von Ipanema versuchen junge Männer, den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten

© Christopher Pillitz
Auf dem Bolzplatz im Favela Rocinha in Rio wird jeden Tag gespielt

Auf dem Bolzplatz im Favela Rocinha in Rio wird jeden Tag gespielt

© Christopher Pillitz
In Rio de Janeiro erinnern Graffiti an die Helden des Botafogo FC

In Rio de Janeiro erinnern Graffiti an die Helden des Botafogo FC

© Christopher Pillitz
Ein Land aus Fußballplätzen: Auch im Gefängnis in São Paulo wird gekickt

Ein Land aus Fußballplätzen: Auch im Gefängnis in São Paulo wird gekickt

© Christopher Pillitz
Traum vom Aufstieg: Wer wie der 17-jährige Luan Silva aus Rio in einfachen Verhältnissen aufwächst, hofft auf eine Karriere als Profi

Traum vom Aufstieg: Wer wie der 17-jährige Luan Silva aus Rio in einfachen Verhältnissen aufwächst, hofft auf eine Karriere als Profi

© Christopher Pillitz
Fussball Brasil von Christopher Pillitz, Prestel Verlag (192 Seiten, 175 Farbabbildungen; 29,95 Euro; randomhouse.de/prestel)

Fussball Brasil von Christopher Pillitz, Prestel Verlag (192 Seiten, 175 Farbabbildungen; 29,95 Euro; randomhouse.de/prestel)

© Christopher Pillitz

 „Fußball bedeutet den Menschen in Brasilien einfach alles“, sagt Christopher Pillitz, 55, „genau wie Samba und Karneval spiegelt der Sport die Verspieltheit und Kreativität ihrer Seele wider.“ Der argentinische Fotograf, der seit 35 Jahren in London lebt und für namhafte Magazine wie Time, Newsweek, The Observer, Stern oder Geo arbeitet, ist bereits als Kind mit seinen Eltern nach Brasilien gereist. „Mich hat dieses widersprüchliche Land immer fasziniert“, erinnert er sich.

Seit vielen Jahren ist Pillitz nun in Brasilien unterwegs, um Eindrücke von der nationalen Fußballbegeisterung zu sammeln. Seine Bilder führen das Massenphänomen in allen Facetten vor Augen; sie zeigen junge Talente auf dem Weg zum Profi ebenso wie obsessiven Fan-Kult. Der hat in Brasilien viele Gesichter: Manche Fans heiraten vor dem Stadion ihres Lieblingsvereins, andere tätowieren sich seinen Namen, sein Wappen oder Treueschwüre auf den Körper.

„Brasilianer leben für den Fußball“, sagt Christopher Pillitz, „und manche sterben sogar dafür.“ In seinem famosen Bildband erscheinen die besten Fotos – und beweisen, dass die Liebe zum Fußball in Brasilien auch nach der WM allgegenwärtig sein wird.