Brasiliens schöne Unbekannte

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK

Zugeben, wer an die Schönheit Brasiliens denkt, kommt nicht zuerst auf Curitiba. Dabei hat die reichste und zugleich grünste Metropole des Landes Einiges zu bieten. Ein Stadtrundgang

Es ist ein lauer Sommerabend und Curitibanos wie Touristen zieht es nach draußen. Genauer, in das alte Zentrum der Stadt. Hunderte Menschen stolzieren durch die Gassen, die von Kunstgalerien, Museen und Antiquitätenläden gesäumt sind. In den Straßenkneipen, Pubs und Restaurants am Largo da Ordem, benannt nach der ältesten Kirche der Stadt, sind alle Tische besetzt.

Rund um dem Platz schlägt das Herz der Zwei-Millionen-Einwohner- Metropole. In Laufweite befinden sich alle wichtigen historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt, die spätbarocke Kirche do Rosário am Garibaldi-Platz, das Museum von Paraná und die Universität, die neugotische Kathedrale und Paço da Liberdade, das alte Rathaus. Viele Curitibanos am Largo da Ordem haben blonde Haare, blaue Augen und hellen Teint. Die Stadt wurde zwar 1693 von Portugiesen gegründet, doch ihr Wachstum verdankt sie deutschen, italienischen, polnischen und ukrainischen Einwanderern, die im 19. Jahrhundert nach Paraná kamen. Ihr Einfluss wahrt bis heute: Curitiba gilt als die am besten organisierte Metropole des Landes. Die Müllabfuhr funktioniert, das öffentliche Verkehrsnetz ist effizient und gut ausgebaut. Curitiba ist die Großstadt mit der höchsten Lebenserwartung in Brasilien.

Grüner wird’s nicht

In keiner anderen Stadt Brasiliens gibt es so viele Parks wie in Curitiba, auf jeden Einwohner fallen laut Statistik 50m² Grünfläche. Zu den schönsten zählt der Parque Barigui – nicht nur weil man hier einen hervorragenden Ausblick auf Curitibas beachtliche Skyline hat. Wer Einheimische kennenlernen will ist im Barigui genau richtig. Vor allem an den Wochenenden kommen die Curitibanos zum Joggen, Radeln, Tratschen, Picknicken. Und noch einen ganz besonderen Einwohner Curitibas trifft man hier: das Wasserschwein (Capivara). Gemütlich grasen die größten Nager der Welt rund um den großen See im Süden des Parks.

Der älteste Park der Stadt ist der zentrale Passeio Publico, er wurde bereits 1886 eröffnet. In Erinnerung an die Einwanderer aus Polen legten die Curitibanos den Papst-Wald (Bosque do Papa) an, der vom polnischen Papst Johannes Paul II. eingeweiht wurde. Die Nachfahren der Ukrainer feiern ihre Volksfeste im Park Tingui, wo sie eine orthodoxe Holzkirche im ukrainischen Stil aufgebaut haben.

Zu Ehren der deutschen Einwanderer, die um 1833 nach Curitiba kamen,  wurde 1996 der Deutsche Wald, Bosque Alemão, eröffnet. In dem Park, der einst der deutschen Einwandererfamilie Schäffer gehörte, befindet sich der Konzertsaal Oratório Bach. Über einen Wanderweg gelangen die Besucher zum Verwunschenen Haus, das der Katte der Hexe aus dem Märchen von Hänsel und Gretel nachempfunden ist.  Das Haus beherbergt eine Kinderbibliothek, in der an Wochenenden Märchenlesungen stattfinden.  Auf dem Platz der Deutschen Kultur steht die Nachbildung einer prachtvollen Hausfassade, die einst das Palais der Mila-Familie schmückte. Vom 20 Meter hohen Philosophenturm kann man einen Blick auf die Stadt werfen.

Modernes trifft Moderne

Curitiba ist eine Stadt mit moderner Skyline, Dutzende Bürotürme und Appartementblocks sind schon von Weitem zu sehen. Die typischen brasilianischen Favelas sucht man indes vergeblich. Die Hauptstadt von Paraná ist die einzige Großstadt des Landes, in der keine Armenviertel wuchern. Für den Wohlstand sorgen ausländische Investoren wie die Autohersteller Audi, VW, Renault oder Volvo, die von Curitiba aus den südamerikanischen Markt beliefern. Sie profitieren von dem Pool gut qualifizierter Arbeitskräften, die Jahr für Jahr an den Hochschulen der Stadt ausgebildet werden. Die Universität von Curitiba wurde 1916 eröffnet und gilt als die älteste – und vielleicht beste – Universität Brasiliens. Auch die Grundschulen der Stadt schneiden im nationalen Vergleich immer ganz vorn ab. In solch einem Umfeld gedeiht auch die Kunst, in Curitiba gibt es unzählige Galerien und Museen. Zu den besten gehört das Oscar Niemeyer Museum (MON). Der berühmteste brasilianische Architekt hat das „Haus“ selbst gestaltet: Es besteht aus einem flachen rechteckigen Gebäude, neben dem ein riesiges Auge auf  einer 20 Meter hohen Säule balanciert. Die ersten Ausstellungsräume wurden bereits 1967 eröffnet, das spektakuläre Auge hat Niemeyer 2002 hinzugefügt. Das Museum beherbergt zahlreiche Zeichnungen und Projekte des Architekten, der im Dezember 2012 kurz vor seinem 105. Geburtstag gestorben ist.

Kulturliebhaber kommen außerdem in der Ópera de Arame auf ihre Kosten. Wie ein Ufo hängt das Gebäude über dem Abgrund am Rande des alten stillgelegten Steinbruchs von Curitiba. Das Konzert- und Theatersaal mit 2400 Sitzen, ist komplett aus dünnen Stahlrohren und durchsichtigen Kunststoffplatten gebaut. Eine 50 Meter lange Brücke führt zum „Opernhaus aus Draht“, sie überquert einen grünlichen See, der an Stelle des Steinbruchs angelegt wurde. Das fragil wirkende Bauwerk ist von tropischer Vegetation umgeben, nebenan fällt ein Wasserfall herunter. Die Oper wurde vom Architekten Domingos Bongestabs entworfen, einem Dozenten für Architektur an der Universität von Curitiba. Sie wurde 1992 eingeweiht, die Montagearbeiten dauerten nur 75 Tage. Jeden März verwandelt sich Ópera de Arame in die wichtigste Bühne Brasiliens, dann findet in Curitiba das Internationale Theaterfestival statt. Die besten Theatertruppen Brasilien und aus der ganzen Welt zeigen hier ihre Inszenierungen. Sonst finden in dem gläsernen Bauwerk oft Konzerte der bekannten brasilianischen Musiker statt. Tom Jobim, Chico Buarque und Marina Lima traten mehrmals auf der hiesigen Bühne auf.

Wo die Zeit im Flug vergeht

Für Touristen ist der Botanische Garten von Curitiba die größte Attraktion der Stadt, so steht es in einer Erhebungen der Tourismusbehörde. Doch auch die Curitibanos lieben den 28 Hektar großen Park, der jeden Morgen von Müttern mit Kinderwagen aufgesucht wird. Der Botanische Garten ist nach den Gesetzen der französischen Gartenkunst angelegt, er begrüßt die Besucher mit einem Blumenbeet gleich hinter dem Eingang und einer geometrischen Anordnung der Fußwege. In Zentrum der Anlage befindet sich das gläserne Hauptgewächshaus, das vom Architekten Abraham Assad nach Vorbild des alten Londoner Crystal Palace entworfen wurde. Die Eisen- und Glaskonstruktion gilt als das Wahrzeichen der Stadt. Im Botanischen Garten wachsen hunderte Pflanzen und Bäume, die für Brasilien typisch sind sowie viele exotische Gewächse aus anderen Ländern. Hinter dem Kristallpalast liegt ein halbrunder Pavillon, in dem Werke von Frans Kraycberg ausgestellt sind, eines brasilianischen Künstlers polnischer Abstammung. Die 114 Exponate sind ein Mahnmal für die Umwelt: Sie sind aus Baumstümpfen von Urwaldriesen hergestellt, die illegal gefällt wurden.