Das fliegende Auge

  • TEXT ADRIAN GEIGES

Der Brasilianer Paulo Adario riskiert mit einer Handvoll erfahrener Buschpiloten am Amazonas sein Leben, um den Regenwald zu retten. Der Auftrag: aus der Luft Beweise sammeln, um kriminelle Holzfäller und Goldgräber zu jagen

Nur 200 Meter über der Erde kratzen wir schon an den Wolken. „Caution, terrain!“ (Achtung, Boden!), mahnt die Automatenstimme, dann „Warning, terrain!“ (Warnung, Boden!), immer wieder. Doch Pilot Fernando Bezerra lässt sich nicht beirren. Etwas höher, und wir würden nichts mehr sehen. Aber um freie Sicht geht es. Das Greenpeace-Flugzeug Amazon Edge fliegt nicht, um von A nach B zu kommen. Die Cessna 208 Caravan ist im Einsatz, um den Regenwald von oben zu beobachten. Das fliegende Auge der Umweltschützer sucht nach den Spuren krimineller Holzfäller. Die Crew dokumentiert illegalen Kahlschlag, um die Banden zu überführen – und den Regenwald zu retten.

Unter uns erstreckt sich Altamira im brasilianischen Bundesstaat Pará. Nur rund 105 000 Menschen leben in der Gemeinde, deren Fläche ist dabei aber knapp viermal so groß wie die Schweiz. Was von oben aussieht wie ein Meer mit bewaldeten Inseln, ist der Rio Xingú, ein gewaltiger Nebenfluss des Amazonas.

Das Erste, was man hoch oben fühlt, ist diese einzigartige Schönheit

Paulo Adario, Buschpilot

Wir fliegen weg vom Wasser, weiter über den Regenwald. Auf einem Hektar Land wachsen hier 200 verschiedene Baumarten nebeneinander, in ganz Nordwesteuropa gibt es nur 40. Neben Palisanderhölzern mit ihren Hülsenfrüchten stehen 50 Meter hohe Paranussbäume. Die „grüne Lunge der Erde“, hier atmet sie. „Das Erste, was man hoch oben fühlt, ist diese einzigartige Schönheit“, sagt Umweltschützer Paulo Adario, der selbst Pilot ist und die Einsätze seines Teams aus mutigen Buschfliegern koordiniert, „es gibt viele Stellen, die noch nie von einem menschlichen Fuß berührt wurden.“ Der 64-jährige Brasilianer hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Regenwald zu retten. Seit 15 Jahren fliegt er regelmäßig über Pará. Lange Zeit leitete er die Amazonas-Kampagne von Greenpeace, heute ist er für die weltweite Waldstrategie verantwortlich. Auch in Afrika und Asien ist er viel unterwegs, natürlich immer mit dem Flugzeug. „Wenn ich aus der Luft die Wälder erkunde, fühle ich mich wie ein Vogel“, schwärmt Paulo Adario. Das Fliegen hat für ihn nicht an Faszination verloren. In dem kleinen Flugzeug spürt man die Kräfte der Natur sehr direkt, die Auf- und Abwinde, die Turbulenzen, den Regen.

 Die grüne Schönheit des Regenwaldes ist gefährdet, man kann es von oben sehen: braune Erde, kahle Flächen, Wiesen, die den Bäumen den Lebensraum nehmen. „Dort wurde ein Weg verbotenerweise in den Wald gehauen“, hallt es aus dem Kopfhörer. Wegen des starken Fluglärms im Cockpit trägt jeder ein Mikrofon vor dem Mund. „Lasst uns dieser Spur folgen!“ Pilot Bezerra legt das Flugzeug scharf in eine Kurve und nimmt die Fährte auf, denn jeder mögliche Hinweis auf illegale Rodung wird geprüft und dokumentiert. Im Kampf gegen kriminelle Holzfäller, Goldgräber und Viehzüchter kooperiert Greenpeace mit der brasilianischen Regierung. Diese stellt zwar Satellitendaten über das Gebiet bereit. Doch oft verdecken Wolken die Sicht, und um Umweltschänder zu überführen, braucht man Belege und Fakten. Deswegen fliegt die Amazon Edge, eine Art Rainbow Warrior der Lüfte. Von  der ersten Spur bis zu verwertbaren Beweisen kann es Wochen dauern. Die kleine einmotorige Maschine ist dafür unersetzlich, denn nur von oben lassen sich die riesigen Gebiete kontrollieren.

Nach einiger Zeit kreisen wir über einem erdfarbenen Landstrich, Lastwagen und Baracken sind zu erkennen. Das ist die Baustelle für den Staudamm Belo Monte, der den Xingú zu zwei künstlichen Seen mit zusammen 668 Quadratkilometer Fläche aufstauen soll, weit größer als der Bodensee. Brasiliens Regierung begründet das Projekt mit den Energienöten des Landes, Greenpeace-Mann Adario bleibt aber skeptisch: „Ich habe nichts gegen Wasserkraftwerke, aber mehrere kleine wären für die Umwelt und die lokale Bevölkerung verträglicher.“

Als wir zur Landung ansetzen, ist nichts mehr zu sehen, nur noch graue Soße. Dichter Nebel umhüllt den Flugplatz. Kapitän Bezerra schaltet den Passagieren die Mikros ab. Er will jetzt bloß mit dem Kopiloten und dem Lotsen am Boden sprechen. „Manchmal stört es, wenn alle durcheinanderreden“, sagt er später. Zwei Anflüge sind nötig, dann landen wir weich. Links und rechts der Bahn liegt nichts als grüner Wald.

Die Holzfäller haben ein Kopfgeld auf Adario ausgesetzt

Der 52-jährige Bezerra gilt als einer der besten Piloten im Amazonas-Gebiet. „Ich habe ihn ausgewählt, weil er früher für Goldgräber geflogen ist und das überlebt hat“, erzählt Adario, „die müssen noch tiefer fliegen, und wer das schafft, der kann alles.“ Früher chauffierte Bezerra sogar einen Boss jener kriminellen Holzfäller, die er heute bekämpft. „Fliegen ist mein Leben“, sagt er, „doch jetzt fliege ich für eine gute Sache.“

Noch gefährlicher als die Tiefflüge sind am Amazonas die kriminellen Geschäftemacher. Vor seinem Seitenwechsel erhielt Bezerra von seinem Ex-Boss deutliche Warnungen, auch seine Frau bekam Drohanrufe. Sein jetziger Chef Adario trägt manchmal Perücke und oft eine kugelsichere Weste. Er arbeitet im Amazonas-Büro von Greenpeace in Manaus, der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt mitten im Regenwald. Wer in das Gebäude will, muss durch eine Schleuse gehen, die zweite Tür öffnet sich nur, wenn die erste geschlossen ist.

In der Garage stehen Jeeps mit Fenstern aus kugelsicherem Glas. Videokameras überwachen die Räume, in einem anderen Haus arbeiten rund um die Uhr Sicherheitsleute, die jede Bewegung beobachten. Die Holzfäller haben ein Kopfgeld auf Adario ausgesetzt. Den Betrag will er nicht nennen, „aber er ist hoch genug …“. Einige Jahre lang durfte Adario seine Wohnung nur in Begleitung von zwei Leibwächtern verlassen.

Etwas beruhigt hat sich sein Leben mittlerweile doch. Konzernchefs, die ihn früher bekämpften, treffen ihn heute zum Dinner. „Viele haben erkannt, dass nachhaltiges Wirtschaften dem Image dient und auf lange Sicht auch gewinnbringender ist“, berichtet Adario. Vor zwei Jahren teilte die brasilianische Umweltministerin mit, die Abholzung sei auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Satellitenaufnahmen 1988 gesunken.

Sechs Jahre zuvor, 2006, hatte die Regierung 16,4 Millionen Hektar Wald unter Schutz gestellt, ein Gebiet viermal so groß wie die Niederlande. Zeitgleich beschlossen die Sojahändler des Landes, den Verkauf der Hülsenfrucht aus dem Amazonas-Gebiet auszusetzen – befristet zwar, aber immerhin eine Einsicht, die wohl auch Adarios Einsätzen mit der Amazon Edge zu verdanken ist. Die Vereinten Nationen zeichneten ihn dafür 2012 aus, er trägt nun offiziell den Titel „Held des Waldes“. Gerettet ist einer der wichtigsten Lebensräume der Welt deswegen noch lange nicht. Seit der Erfolgsmeldung 2012 wurden bis Juli 2013 wieder 28 Prozent mehr Regenwald zerstört. Paulo Adario wird weiter fliegen.