360° – Brasiliens Juwel im Atlantik

  • TEXT CHRISTINE WOLLOWSKI
360 Grad: Fernando de Noronha. Ein Traum von einer Insel: Sehen Sie die Fernando de Noronha in der 360°-Ansicht. Navigation am PC mit der Maus oder den Pfeiltasten. Für Vollbild: rechte Maustaste und Fullscreen wählen. Mobil navigieren Sie mit den gewohnten Fingerbewegungen

Ein Traum von einer Insel: Sehen Sie die Fernando de Noronha in der 360°-Ansicht. Navigation am PC mit der Maus oder den Pfeiltasten. Für Vollbild: rechte Maustaste und Fullscreen wählen. Mobil navigieren Sie mit den gewohnten Fingerbewegungen

© Marcio Cabral/360cities.net

Fernando de Noronha ist UNESCO-Welterbe und der Sehnsuchtsort vieler Brasilianer – und die wissen ihn zu bewahren: Die Natur des Archipels wird so gut geschützt, wie keine anderen Region Brasiliens. Ein Besuch im Paradies

„Warst du auch schon auf Noronha?“, fragen mich Brasilianer regelmäßig, wenn sie erfahren, dass ich viel reise. Die Frage klingt fast ehrfürchtig, denn die Insel Fernando de Noronha ist so etwas wie das brasilianische Paradies. Weil die Natur auf den 17 Quadratkilometern geschützt ist, weil es keine nennenswerte Kriminalität gibt und keine von Drogenbanden beherrschten Slums. Stattdessen begrenzte Touristenzahlen, ein Dutzend der schönsten Strände des Landes zum Schnorcheln mit Schildkröten oder Schwimmen mit Delphinen, eine Handvoll wirklich guter Restaurants – und beste Chancen, irgendwo einer Berühmtheit über den Weg zu laufen. Dieses Paradies ist nicht durch einen Sündenfall verloren gegangen.

Und jetzt bin ich also hier. Der Wind bläst heiß wie ein Fön vom türkisblauen Meer auf die Landepiste. Mit der kleinen Propellermaschine ist außer mir und den anderen Inselbesuchern mindestens je eine Kiste Champagner und Langusten geflogen – die gibt es heute Abend bestimmt im Restaurant Zé Maria, wo sich die High Society zweimal wöchentlich zum Gourmetbuffet trifft. Ich nehme als Taxi einen offenen Strandbuggy, ein Mietwagen wäre auch übertrieben für die Insel, deren einzige größere Straße sechs Kilometer lang ist. Während wir an verdörrten Büschen vorbeisausen, erklärt der Fahrer mir, dass die längste Strecke mit ihm umgerechnet zehn Euro kostet.

An welchen Strand gehe ich heute?

Er setzt mich vor einem blau gestrichenen Häuschen ab, in dessen Garten Hibiskus und Oleander blühen. Die Pension Verdes Mares sieht aus wie das Ferienhaus von Menschen mit ziemlich gutem Geschmack: minimalistische Holzmöbel, Kunst mit Inselmotiven an der Wand, ein Blumenarrangement auf dem Tisch und Bücher im Wohnzimmerregal. Drei Zimmer sind in dem ehemaligen Privathaus zu mieten, eines davon ist meins. Personal kommt nur morgens zum Frühstückmachen. Grillen zirpen, der Wind rauscht in den Blättern fremder Bäume, sonst ist es still.

Noronha hat zwei Seiten: die raue dem offenen Meer zugewandte für Surfer und Wellenfreaks, und die ruhige, dem Festland zugewandte Seite für die anderen. Ich entscheide mich für den wellenlosen Strand Atalaia, der zu einem Naturschutzgebiet gehört, für das ein Eintrittsgeld erhoben wird. Wie im Schwimmbad müssen die Gäste durch ein Drehkreuz, um in die malerische Bucht mit dem goldgelben Sandstrand zu gelangen. Auf einem Holzdeck mit Sonnenschirmen warten Tauchlehrer auf Kunden. Eine Blondine mit Sommersprossen ist mir auf Anhieb sympathisch: Xoxa bietet sich an, mir beim Schnorcheln die besten Stellen zu zeigen.

Glutrot versinkt die Sonne hinter den Fels-Brüsten, dem Wahrzeichen der Insel. Mehr Eindrücke von Fernando de Noronha in unser Bildergalerie

Glutrot versinkt die Sonne hinter den Fels-Brüsten, dem Wahrzeichen der Insel. Mehr Eindrücke von Fernando de Noronha in unser Bildergalerie ...

© José Henrique Moura
© José Henrique Moura
© Atlantis Divers
© Atlantis Divers
© Atlantis Divers
P. Müller
© P. Müller
© José Henrique Moura
© José Henrique Moura

Das Wasser ist badewannenwarm und glasklar. Ich darf mich in einen Rettungsring hängen und von Xoxa durch die Bucht ziehen lassen. Unter uns wiegen sich Wasserpflanzen in der Strömung. Da! Sie zeigt mir der Hand nach unten: Wir schwimmen direkt über einer Meeresschildkröte, die gerade zartes Gras äst. Minutenlang bewegen wir uns beinahe synchron zu dem archaischen Tier wie in einem uralten Tanz. Dann zieht mich Xoxa weiter. Zu gelb gestreiften Fischlein, die in Schwärmen herumtollen wie neugierige Kinder. Und dann zu glatten vielleicht halbmeterlangen Haien. Babyhaie seien das, hat sie mir vorher erklärt, vor denen müsse man keine Angst haben. Aufregend finde ich es trotzdem, die zackigen – zum meiner Beruhigung geschlossenen – Mäuler so nah neben mir zu erleben.

Viel zu schnell verfärbt sich der Himmel orange: Zeit für die Verabredung mit dem Sonnenuntergang an der Praia do Americano. Dort versinkt die Sonne glutrot zwischen den Fels-Brüsten des Wahrzeichens der Insel. Eine knappe halbe Stunde lang führt sie ihr tägliches Schauspiel auf. Ich lasse mir dazu in einer Open-Air-Bar Caipirinha und frittierte Fischbällchen servieren. Als es dunkel wird, dröhnen die Motoren der Strandbuggys und auch mein Fahrer lässt seinen Staub aufwirbelnd über die Buckelpiste tanzen. Zurück im Verdes Mares fühle ich mich schon wie zuhause, dabei bin ich noch nicht einmal einen Tag auf der Insel. Vielleicht macht das einen Teil des Reizes hier aus: Alles ist so klein, dass man schnell ins Gespräch kommt und sich wie in einer großen Familie fühlt.

Für heute Abend haben mir meine Sitznachbarn vom Sonnenuntergang eine Boutique mit Designerklamotten und Kunsthandwerk empfohlen, die gleichzeitig Restaurant und Lounge ist. Die eineinhalb Kilometer bis zum O Pico gehe ich in der lauen Nachtluft einfach zu Fuß. Im winzigen Garten duftet eine Basilikumhecke, und Musiker bauen gerade ihre Instrumente auf. Ich lasse mich auf einem Kaffeesack aus Jute nieder und gucke in den wohl schönsten Sternenhimmel des Nordostens. Dazu singt der Sänger mit seiner Samtstimme: „Viver e não ter a vergonha de ser feliz!“ Leben und sich nicht schämen, glücklich zu sein. Dafür ist hier genau der richtige Ort.