„Brasilien ist bunt, aber auch melancholisch“

Olaf Heine

Interview

  • INTERVIEW VERA PETERMANN

Brasilien in schwarz-weiß? Ja, das geht! Wie schön das Land auch ohne knallige Farben aussehen kann, zeigt Fotograf Olaf Heine in seinem Bildband „Brazil“

Woher kommt Ihr Interesse für Brasilien?

Seit jeher fasziniert mich die sechziger Jahre Generation Brasiliens. Zum einen der Fußball, die Mannschaft damals um Garrincha und Pélé. Davon war ich als kleiner Junge natürlich fasziniert. Später kam die Bossa-Nova-Musik von João Gilberto, Gilberto Gil, und Tom Jobim hinzu. Als ich angefangen habe mich mit Architektur zu beschäftigen, habe mich sofort für die Werke von Oscar Niemeyer und Mendes da Rocha begeistert. Weil sie einfach so viel luftiger und freier als die deutsche Architektur war. Mich hat das gefesselt. Ich hatte das Gefühl, es sollte immer alles so sanft, weich und sinnlich sein.

Man kennt Sie vor allem als Porträtfotograf. War es eine Herausforderung Architektur, Städte und Landschaften einzufangen?

Ich habe schon immer versucht Design und Architektur in meinen Portraits mitschwingen zu lassen. Aber natürlich ist es schon etwas anderes, reine Gebäude zu fotografieren. Mir war jedoch von Anfang an klar, dass ich kein Architekturband oder ein Buch über Oscar Niemeyer mache. Also bin ich im Grunde genommen auf die Spurensuche gegangen. Ich habe für mich versucht einen Weg zu diesem Land zu finden, versucht mir zu erklären, warum in Brasilien das Lebensgefühl sinnlicher, weicher und runder ist. Sei es in der Architektur, im Alltäglichen auf der Straße oder im Fußball.

Brasília: auch die Hauptstadt der Formensprache

Brasília: auch die Hauptstadt der Formensprache

© Olaf Heine
Die Hand der Moderne: eine Nahaufnahme von Oscar Niemeyer

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© Olaf Heine
Die Schönheit der Kurve findet Heine auch am Museu de Arte Contemporânea de Niterói

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© Olaf Heine
Capoeira-Tänzer in der Favela Vidigal. Das Viertel liegt über dem Strand von Ipanema

Capoeira-Tänzer in der Favela Vidigal. Das Viertel liegt über dem Strand von Ipanema

© Olaf Heine
Das Memorial JK in Brasília erinnert an den Präsidenten und Gründer der Hauptstadt Juscelino Kubitschek

Das Memorial JK in Brasília erinnert an den Präsidenten und Gründer der Hauptstadt Juscelino Kubitschek

© Olaf Heine

Sie zeigen das eigentlich so farbenfrohe Land in Schwarz-Weiß …

Brasilien ist bunt, ja. Aber zu dem Land passt auch Melancholie. Brasilien ist eines der wenigen Länder, in dem beispielsweise der Sehnsucht, Saudade im portugiesischen, ein Feiertag gewidmet wird. Und diesem Gefühl begegnet man dort überall. Wer bei Brasilien nur an die Copacabana, tolle Bikinis und türkisfarbenes Meer denkt, der kratzt nur an der Oberfläche. Das Land ist soviel tiefer. Es ist ein bisschen wie Heraklit sagte: Die eine Seite gibt es nicht ohne die Andere. So ist es auch bei Brasilien. Der Schönheit der Landschaft, der Künste, des Fußballs, der Frauen steht eine große Melancholie und Schwere in Form von Armut, Krankheit oder Kriminalität gegenüber.

Wenn man in Ipanema am Strand steht und hochblickt, dann sieht man eines der größten Favelas. Dort habe ich bemerkenswerte Menschen getroffen, die am Existenzminimum leben und doch erfüllt sind und auf kreative Art und Weise ihr Leben meistern. Das Schöne ist immer ganz nah an dem nicht so Schönen. Ich glaube dadurch, dass ich die schönen, knalligen Farben vermeide, und versuche mich ein wenig abseits der Klischees zu halten, kann ich vielleicht ein bisschen tiefer graben. Da lenkt nichts ab und der Inhalt wird direkter und puristischer transportiert. So kann ich mich in meiner Fotografie mehr mit der Formsprache beschäftigen.

Wie sind Sie Brasilien als Fotograf begegnet?

Ich bin auf gewisse Art und Weise sehr Deutsch, meistens sehr gründlich und sehr fokussiert. Ich plane meine Fotoshoots eigentlich immer und meistens komme ich mit festen Ideen im Kopf. Das habe ich eben auch bei meiner Arbeit in Brasilien versucht und musste ganz schnell feststellen, dass es so nicht geht. Dieses Land tickt einfach ganz anders, der Rhythmus ist ein anderer, der Fluss des Lebens ist ein anderer. Ich kann mich dort nicht hinstellen und mit meiner deutschen Mentalität erwarten, dass alles sofort klappt. Man muss sich immer auf sein Gegenüber und die Umstände einlassen. Das Buch ist visuell anders als meine bisherigen Bücher. Und das ist mit Sicherheit der Tatsache geschuldet, dass mich das Lebensgefühl dort auf viele Weisen beeinflusst hat.

Mit welchem Gefühl denken Sie heute an das Land?

Noch immer bin ich fasziniert. Ich habe so viel gesehen und entdeckt. Natürlich gab es auch traurige, weniger schöne Momente, aber das gehört für mich dazu. Gerade diese Vielschichtigkeit macht Brasilien für mich zu einem wunderschönen Land. All diese Metropolen sind so unterschiedlich, sei es Rio oder Sao Paulo, Brasília oder Recife. Oder die Städte im Norden, Fortaleza, Salvador…  Das Land ist riesig und genau das macht es am Ende des Tages auch aus. Wie gesagt, wer Brasilien nur auf die bekannten Klischees reduziert, der liegt weit daneben. Wer das Land jetzt gerade wegen des Weltmeisterschafft besucht, sollte auf jeden Fall die Chance nutzen, Brasilien ein bisschen zu entdecken und einen Blick hinter die Kulissen der tollen Strände zu werfen.

Was würden Sie einem Besucher in Brasilien zeigen?

Außer der grandiosen Architektur? Ganz im Norden, wenn man an die Staatsgrenze von Bahia fährt, gibt es den kleinen Ort Mangue Seco. Umgeben von riesigen Wanderdünen ist es dort fast wie in der Sahara – nur mit mehr Palmen. Überall laufen freie Esel herum, die Frauen waschen ihre Kleidung an den Flüssen. Ganz ursprünglich und wunderschön.