Die surreale Welt der Lençóis Maranhenses ist eine der sehenswertesten Landschaften Brasiliens
© Cyril Delettre/REA/laif

So weit die Füße tragen

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK

In Brasiliens Norden formt der Wind eine Wunderwelt aus Sand und Wasser. Unser Autor wollte die Lençóis Maranhenses genau kennenlernen. Eine Wanderung

Moacir Brito schaukelt sanft in einer Hängematte unter dem Dachgebälk seiner Hütte. Doch er schläft nicht, er lauscht dem Wind, der geheimnisvoll in den Palmwedeln auf dem Dach raschelt und durch Fensteröffnungen pfeift. „Ich kann das Treiben des Sandes hören“, sagt Brito, ein drahtiger Mann Anfang 50, das Gesicht von der Sonne gegerbt, das Haar lockig und grau. „Die Sandkörner sind ständig in Bewegung, sie reiben leise aneinander, prallen gegen alle Hindernisse.“

Ich versuche mich zu konzentrieren, strenge meinen Gehörsinn an und… Nichts, absolute Stille. Offensichtlich können nur die Einheimischen, die lange genug in der Wüste leben, den Marschschritt der Dünen hören.

Brito lässt ein Bein herunterhängen und stößt sich leicht vom Fußboden ab. Die Schnur, mit der die Hängematte befestigt ist, scheuert auf dem Balkenholz. Doch dann ist wieder nur der Wind zu hören.

Seit über 30 Jahren lebt Moacir Brito mit seiner Frau Rosedete in der Oase Baixa Grande, umgeben von riesigen Dünen, etwa sechs Marschstunden von der Zivilisation entfernt. Die Landschaft rund herum nimmt täglich neue Gestalt an, der Wind modelliert die Wüste um, er verschiebt die Lagunen und macht den Dünen Beine. Manche von ihnen können bis zu 20 Meter pro Jahr wandern. Auf den ersten Blick wirkt die Umgebung feindselig. Doch nicht für Moacir. „Es gibt einfach keinen schöneren Ort auf der Welt“, schwärmt der Mann. „Dieser Himmel am Morgen! Hier spürt der Mensch die Unendlichkeit.“

Reiz der Gegensätze: Sand und Wasser liefern sich einen Kampf um die Vorherrschaft

Reiz der Gegensätze: Sand und Wasser liefern sich einen Kampf um die Vorherrschaft

© F1online

 Große Wüsten mit hohen Dünen gibt es viele auf der Welt. Doch Lencois Maranhenses, wie der Landstrich an der Atlantikküste des brasilianischen Bundesstaates Maranhao genannt wird, ist einmalig. Der riesige Sandkasten mit einer Fläche von 1550 Quadratkilometer hat an diesem Ort eigentlich nichts verloren, denn in der Region regnet es fast doppelt so viel wie in Hamburg – und 300 Mal so viel wie in der Sahara.

Es sind die Gegensätze, die für den besonderen Reiz dieser Landschaft sorgen. Sand und Wasser liefern sich jedes Jahr einen Kampf um die Vorherrschaft. In der Regenzeit zwischen Dezember und Juni füllen sich die Täler zwischen den Dünen mit Regenwasser, es entstehen hunderte grünblaue Tümpel, kristallklare Wasseraugen und ausgedehnte Lagunen, einige mehr als 200 Meter lang und über drei Meter tief. Anfang Juli, nach einer regenreichen Saison, sind viele Lagunen miteinander verbunden, Flüsse wie der Rio Negro schneiden sich durch die Dünen.

Jeder Besuch des Nationalparks beginnt in Barreirinhas, einer Kleinstadt am Ufer des Rio Preguicas, des Faulen Flusses, weil er so träge vor sich hin mäandert. Hier gibt es zwei Dutzend kleine Hotels und mehrere Agenturen, die Bootsfahrten auf dem Fluss und Ausflüge zu den Dünen in unmittelbarer Umgebung organisieren. Wer die landschaftliche Schönheit von Lencois, das Wechselspiel von Sonne und Wolken, die Weite und Einsamkeit auskosten will, der muss in die Wüste hinein und die Dünen durchqueren. Dafür braucht ein fitter Wanderer etwa drei Tage. Der etwa 75 Kilometer lange Marsch, barfuß durch Sand und Wasser, bei prallender Sonne und heftigen Schauern, ist eine Strapaze. Er wird aber reichlich entlohnt: Die Wüste von Maranhao ist eine surreale Welt, voll magischer Landschaften, an denen man sich nicht sattsehen kann.

Wir starten in Canto do Atins, einem kleinen Weiler am Strand. Am Tag zuvor sind wir mit einem Geländewagen hierher gekommen, und haben uns bei Luzia Diniz Santos einquartiert, die hier ein kleines Restaurant betreibt und Hängematten an Wanderer vermietet. Wir sind zu viert, ein Deutscher, ein Franzose und eine Venezolanerin – und unser Führer Jefferson.

In den trockenen Zeiten gelangt man am besten per Jeep in die Lençóis Maranhenses

In den trockenen Zeiten gelangt man am besten per Jeep in die Lençóis Maranhenses

© Le Figaro Magazine/laif
Verschwindend klein erscheinen Menschen angesichts der gigantischen Dünenlandschaft

Verschwindend klein erscheinen Menschen angesichts der gigantischen Dünenlandschaft

© Andrzej Rybak
Moacir Brito hat sich mitten in den Dünen ein kleines Paradies erschaffen. Doch seine Häuser werden vom Sand bedroht

Moacir Brito hat sich mitten in den Dünen ein kleines Paradies erschaffen. Doch seine Häuser werden vom Sand bedroht

© Andrzej Rybak
Für Autor Andrzej Rybak sind die Ziegen ein Zeichen, dass er seinen Füßen bald eine Pause gönnen kann

Für Autor Andrzej Rybak sind die Ziegen ein Zeichen, dass er seinen Füßen bald eine Pause gönnen kann

© Andrzej Rybak

 Morgens um vier läuten die Wecker. Wir brechen früh auf, um vor der größten Hitze anzukommen. Wir stapfen  die ersten Dünen hoch. Vor uns liegt das verrückte Werk des Windes: Tausende von Dünen unterschiedlicher Form und Größe, ein Spiel mit geometrischen Mustern, perfekten Ovalen, weich geschwungenen „S“ und schnurgeraden Linien, gezeichnet nach Gesetzen der Aerodynamik, denen der Wind gehorcht.

Das Gehen fällt schwer. Meine nackten Füße versinken im Sand, immer wieder ziehe ich sie mühsam heraus. Nach ein paar Stunden spüre ich jede einzelne Sehne, die Fußsohlen schmerzen, an den Zehen, die immer wieder gegen den Sand scheuern, bilden sich Blasen. Der Schweiß läuft mir die Stirn runter, der starke Wind schafft es nicht, ihn zu trocknen. Ich ächze unter dem  Gewicht meines Rucksacks, in dem ich neben der schweren Fotoausrüstung noch zwei Liter Wasser trage.

Wir kommen an eine große, wunderschöne Lagune und springen hinein. Die Abkühlung tut gut. Das Wasser ist kristallklar, Schwärme von winzigen, silbrig glänzenden Fischen schwimmen herum und knabbern sanft an unseren Füßen. Unsere Haut scheint für sie ein Leckerbissen zu sein. Hier und da schweben Seerosen auf der Oberfläche.

Die Entdecker gaben der Landschaft den Namen Lencois, weil die weiß gebleichten Dünen mit ihren vielen Tälern und Rippen sie an ein zerwühltes Bettlacken erinnerten. Lange Zeit hat man gerätselt, wie die Wüste entstanden ist. Die Erklärung ist erstaunlich einfach. Das Meer spült die Sedimente, die von zwei großen Flüssen aus dem Landesinneren herausgespuckt werden, zur Küste zurück. Die Sonne trocknet die abgelagerten Sandpartikel, der stete Ostwind blasst sie dann bis 55 Kilometer landeinwärts und türmt den Sand auf. Auf einer Küstenlänge von 70 Kilometern findet eine besonders starke Dünenbildung statt.

Am frühen Nachmittag kommen wir in Baixa Grande an, der Heimat von Muaci und Rosedete Brito. Ihr Gehöft ist wie eine Lichtung mitten im Sand, umrandet von ewiggrünen Büschen und Bäumen. Im Schatten eines großen Cashew-Baumes steht ein niedriges, weiß gekalktes Haus mit einem Dach aus Palmwedeln, in dem sich auch die Küche befindet. Nebenan haben sie aus Brettern, Ästen und Palmwedeln eine zweite Hütte gebaut, in der ein Dutzend Hängematten für Touristen baumeln. Seit vier Jahren nimmt der Besucherstrom zu. „Unsere Dünen sind heute in der ganzen Welt berühmt“, sagt Rosedete stolz. „In den feuchten Monaten kommen jede Woche Touristen. Sogar Russen waren schon da!“

Moacir wirft den Generator an, um die Getränke in seinem Eisschrank zu kühlen. Ich springe unter eine Dusche, die mitten im Hof steht. Die Müdigkeit verschwindet wie weggezaubert, nur die Fußsohlen schmerzen. Doch spielt das eine Rolle?

Moacir Brito hat sich mitten in den Dünen ein kleines Paradies erschaffen. Doch seine Häuser werden vom Sand bedroht

„Diese Düne da kommt jedes Jahr näher", sagt Rosedete. In wenigen Jahren müssen sie wieder umziehen

© Andrzej Rybak

 Derweil laufen die Vorbereitung für das Abendessen auf vollen Touren. Moacir hat einem Huhn den Hals umgedreht, Rosedete Feuer in der Küche entfacht. In einem großen Topf kocht langsam der Reis, daneben brutzeln kleine weiße Bohnen in Kokosmilch. Das Huhn wird in Stücke zerhackt, in Öl gebraten und kurz gedünstet. Nach einer Stunde ist die lokale Spezialität fertig: Galinha Caipira.

Das kleine Paradies der Britos wird auch vom Sand bedroht. „Diese Düne da kommt jedes Jahr näher“,  sagt Rosedete und zeigt mit dem Finger auf das alte Gehege, das schon halb verschüttet ist. „Noch drei oder vier Jahre, dann müssen wir unsere Sachen packen und die Häuser woanders aufbauen.“

Kurz nach fünf Uhr morgens dämmert es. Die Wolken türmen sich dramatisch am Himmel, die Menschen im Sand werfen lange Schatten. Seit einer Stunde sind wir schon unterwegs, laufen an zwei Wasseraugen vorbei, in denen winzige Fische herumschwirren. Die beiden Tümpel trocknen jedes Jahr aus, doch irgendwie schaffen es die Fische zu überleben. Es heißt, einige Arten graben sich ein und überstehen auf diese Weise die Trockenzeit.

Der Sand unter meinen Füßen verändert sich ständig, mal ist er fein und leicht wie Puderzucker, mal grobkörnig, schwer und rau. Manchmal bricht er ein, wie Schnee im Frühling, die Füße versinken bis zu den Knöcheln, manchmal ist er fest und hart. An manchen Stellen durchziehen tiefe Rillen den Sand, farbige Schichten zeichnen sich ab, die an Ablagerungen in Sandstein erinnern. Woanders sind regelmäßige Verfärbungen und Muster zu erkennen, man könnte meinen es handle sich um Marmor.

Irgendwann taucht eine Ziegenherde zwischen den Dünen auf, ein Zeichen, dass wir in der zweiten Oase, Queimada dos Britos, angekommen sind. Etwa vier Dutzend Menschen leben hier, alles Nachkommen von Manuel Brito, der sich hier vor etwa 100 Jahren niederlies. Er war ein Hungerleider aus dem Bundesstaat Ceara, möglicherweise floh er vor dem Gesetz, doch darüber wollen seine Urenkel nicht reden.

Am nächsten Morgen brechen wir wieder sehr früh auf. Nichts stört die Stille in den Dünen, mit Ausnahme des Windes. Ich versuche die Schmerzen in den Gliedern zu vergessen und stapfe wie ein Roboter vor mich hin. Irgendwann taucht in der Ferne ein grüner Streifen Vegetation auf, er wird dicker und breiter, kommt immer näher. Wir haben es geschafft, sind müde aber glücklich. Ein Wagen bringt uns nach Barreirinhas zurück.