Einer der spektakulärsten Bauten im Inhotim: die Galerie der brasilianischen Avantgardekünstlerin Adriana Varejao
© Malte Jäger/laif

Kunstparadies im Dschungel

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK

Inhotim ist eine Pilgerstätte für Kunstliebhaber aus aller Welt. Kein Wunder: Mitten im Dschungel hat der Milliardär Bernardo Paz ein wahres Wunderland erschaffen. Hochkarätigste internationale Künstler arbeiten hier unter traumhaften Bedingungen

Ein kühner Bau ragt aus der tropischen Vegetation heraus. Seine streng geometrische Form spiegelt sich in einem rechteckigen Teich, ein schmaler Steg führt zum verglasten Eingang. In der Eingangshalle steht eine weiß gekachelte, überwiegend eingebrochene Mauer. Sie ist nicht aus Ziegeln gebaut, sondern aus Fleisch und Gedärmen – gemalt zwar, aber sehr realistisch. Das Werk heißt Linda do Rosario und ist nach einem eingestürzten Freudenhaus in Rio de Janeiro genannt. Bei der Katastrophe sind mehrere Menschen ums Leben gekommen.

Die Galerie der brasilianischen Avantgardekünstlerin Adriana Varejao gehört zu den spektakulärsten Bauten im Inhotim, einem 1200 Hektar großen Park südlich von Belo Horizonte, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais. Der brasilianische Eisenerz-Milliardär Bernardo Paz hat hier ein altes Minengelände in einen botanischen Garten verwandelt und mitten in der tropischen Vegetation eines der weltweit spannendsten Museen zeitgenössischer Kunst installiert. Rund 120 Künstler stellen ihre Werke in der hügeligen Landschaft aus, manche unter freiem Himmel, andere in den 18 modernen Pavillons, die reizvoll in die Landschaft gesetzt sind.

Den Urwald im Kaleidoskop mit Olafur Eliassons „Viewing Machine“

Den Urwald im Kaleidoskop mit Olafur Eliassons „Viewing Machine“

© Anita Back/laif
Inhotim verdanken wir einem radikalen Sinneswandel von Bernardo Paz: Statt auf einem riesigen Geldberg zu sitzen, wollte er einen Traum realisieren

Inhotim verdanken wir einem radikalen Sinneswandel von Bernardo Paz: Statt auf einem riesigen Geldberg zu sitzen, wollte er einen Traum realisieren

© Malte Jaeger/laif
Spaziergang durch den „Narcissus garden“ von Yayoi Kusama

Spaziergang durch den „Narcissus garden“ von Yayoi Kusama

© Malte Jaeger/laif
Besucher kommen der Kunst sehr nah, wie hier im „Penetrável Magic Square # 5“ des Brasilianers Hélio Oiticica

Besucher kommen der Kunst sehr nah, wie hier im „Penetrável Magic Square # 5“ des Brasilianers Hélio Oiticica

© Nidin Sanches/Nitro/laif
Bernardo Paz lässt auch die Träume der Künstler wahr werden, etwa mit der sehr aufwendigen Installation „Desvio para o vermelho“ (Umleitung über Rot) von Cildo Meireles

Bernardo Paz lässt auch die Träume der Künstler wahr werden, etwa mit der sehr aufwendigen Installation „Desvio para o vermelho“ (Umleitung über Rot) von Cildo Meireles

© Malte Jäger/laif
„Rodoviaria de Brumadinho“ von John Ahearn und Rigoberto Torres

„Rodoviaria de Brumadinho“ von John Ahearn und Rigoberto Torres

© Malte Jaeger/laif
VW-Käfer in in Brasilien noch relativ verbreitet, Allerdings selten so farbenfroh wie in der Installation von Jarbas Lopes

VW-Käfer in in Brasilien noch relativ verbreitet, Allerdings selten so farbenfroh wie in der Installation von Jarbas Lopes

© Anita Back/laif

 Die Liste liest sich wie ein Who is Who der zeitgenössischen Kunst: Doug Aitken, Chris Burden, Matthew Barney, Paul McCarthy, Olafur Eliasson oder Dan Graham. Vertreten sind auch die wegweisenden brasilianischen Künstler wie Cildo Meirelles, Tunga, Hélio Oiticica, Miguel Rio Branco oder Adriana Varejao. Viele sind regelmäßige Gäste auf Biennalen in Venedig und anderen internationalen Ausstellungen. „Sie haben sicherlich von manchen ihrer legendären Kunstwerke gehört“, schrieb die New York Times über die Sammlung. „In Inhotim sind sie immer zu sehen.“

Der brasilianische Kunstpark liegt weit abseits der traditionellen Zentren moderner Kunst. Es sind vor allem große und aufwendige Installationen zu sehen, die kaum in ein normales Museum passen. Rund 500 Werke sind gegenwertig in Inhotim ausgestellt, doch ihre Anzahl wächst ständig: Bisher sind erst etwa 10 Prozent der zu Verfügung stehender Parkfläche erschlossen. Paz mischt sich nur selten in die Auswahl: „Ich verstehe nicht besonders viel von der Kunst“, kokettiert der Milliardär. „Mich interessiert vielmehr der Garten.“ Acht Jahre prägte der deutsche Kurator Jochen Volz die Kollektion, er war bis 2012 künstlerischer Leiter von Inhotim, bevor er nach London zog.

Paz machte sein Vermögen mit Eisenerz, baute in den 1990er Jahren den Minenkonzern Itaminas auf, der pro Jahr rund 3 Millionen Tonnen Eisenerz förderte. Nach einem Schlaganfall zog er sich aus dem Geschäft weitgehend zurück und beschloss, sich der Kunst zu widmen. Er schuf eine private Sammlung, die er dann 2006 in Inhotim für das Publikum öffnete. Manche brasilianische Medien spekulieren, dass das Projekt dafür diente, schmutziges Geld aus Minengeschäften zu waschen. Doch Paz winkt ab: „Absurd, alles Lüge“, schimpft er. Zwar sei niemand „völlig transparent“, doch die Zeitungen hätten ihm nie etwas nachgewiesen.

Es ist in erster Linie die Symbiose zwischen der verschwenderischen Natur und der modernen Kunst, die den besonderen Charme von Inhotim ausmacht. Sie fordern sich gegenseitig heraus – und ergänzen sich perfekt. In dem Park gibt es eine Reihe höchst ungewöhnlichen Installationen. Auf einem Hügel hat der New Yorker Künstler Doug Aitken einen tiefen Schacht gegraben und darüber das kuppelartige „Sonic Pavillon“ errichtet. Dort können die Besucher dem Atem der Erde lauschen, übertragen von hochempfindlichen Mikrophonen in 200 Metern Tiefe.

Den Atem der Erde hören: Im „Sonic Pavillon“ von Doug Aitken ist das möglich

Den Atem der Erde hören: Im „Sonic Pavillon“ von Doug Aitken ist das möglich

© Luiz Maximiano/laif

 In einem wunderschönen Pavillon am Teich stellt Tunga seine Installation „True Rouge“ aus – mit vielen roten Gegenständen und Glasbehältern, halbgefühlt mit einer roten Flüssigkeit. Um die Farbe rot geht es auch bei dem Brasilianer Cildo Meireles.  Sein „Desvio para o vermelho“ (Umleitung über Rot) zeigt ein Wohnzimmer mit Kochnische, Sitzecke und Regalen, das komplett in Rot gehalten sind. Auch alle Gegenstände sind rot, die Bücher, das Fernsehen und die Lebensmittel, die auf dem Tisch liegen. Die Grund dieser Verfärbung verbirgt sich im Nebenraum: Aus dem Hahn eines schiefhängenden Waschbeckens scheint rote Farbe zu schwappen, die auf dem Fußboden in den Nachbarraum läuft.

In Inhotim kommt der Besucher der Kunst sehr nah, er kann sie spüren und fühlen. Kinder spielen Versteck zwischen den bunten Wänden des „Penetrável Magic Square # 5“ des Brasilianers Hélio Oiticica, das an ein Mini-Stonehenge erinnert. Zwischen einer Schar gelb-rot-blauen VW-Käfers, ein Werk von Jarbas Lopes, fühlt man sich in die Phantasiewelt von Willy Wonka versetzt.

Inhotim hat es bereits geschafft, Akzente im weltweiten Kunstbetrieb zu setzen. Neben Orten wie London, New York oder Bilbao. Die Kuratoren laden Künstler ein, vor Ort zu arbeiten und neue Werke zu schaffen. Viele kommen, denn in Inhotim können sie Projekte realisieren, die woanders zu teuer oder zu aufwendig wären. „Hier gibt es keine Grenzen“, verspricht der Milliardär Paz. „Alles ist möglich.“

Über eine Viertelmillion Menschen haben den riesigen Park allein im vergangenen Jahr besucht und die Zahl steigt weiter. An Wochenenden ist das riesige Gelände meist voll. Golf-Carts huschen mit Besuchern über asphaltierte Wege, denn die Entfernungen zwischen den Pavillons sind groß. In Zukunft will Paz in Inhotim mehrere Hotels bauen, denn es ist schon jetzt kaum möglich, alle Werke an einem Tag zu besichtigen.

Der Milliardär will auch zur sozialen Entwicklung seiner Heimat beitragen. Er bemüht sich um eine Zusammenarbeit mit Grundschulen und Universitäten der Region, jede Woche werden Schülergruppen aus Belo Horizonte in den Kunstpark gefahren. Inhotim ist auch zum regionalen Wirtschaftsfaktor geworden. Die Hälfte der etwa 900 Angestellten – Gärtner, Führer und Hostessen – kommt aus der Nachbarstadt Brumadinho.