© getty

Das Geheimnis der 13 Kirchen

  • TEXT SOLVEIG FLÖRKE

Sie galt einst als reichste Stadt der Neuen Welt. Bis heute strahlt Ouro Preto im Glanz vergangener Tage, die prunkvollen Kolonialbauten sind Weltkulturerbe. Doch warum brauchen 100.000 Einwohner mehr als ein Dutzend Kirchen?

Schmiedeeiserne Nachtlaternen, hölzerne Türen mit kunstvoll verzierten Beschlägen, weiße Hausfassaden mit farbig umrahmten Fenstern. Die vielen Sprossen lassen jedes einzelne wirken wie das Fenster zu einer feinen Puppenstube. Auf dem Tiradentes Platz spürt man den Glanz vergangener Tage ganz deutlich. Er umgibt die Stadt Ouro Preto im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais noch immer. Prunkvolle Kirchen, barocke Figuren, kopfsteingepflasterte Wege. Es ist in Brasilien keine Selbstverständlichkeit so gut erhaltene Städte aus dem 18. Jahrhundert zu finden, umso mehr genießt man den Anblick und wird in die großartige Vergangenheit der Stadt versetzt.

Zu allen Seiten gibt es etwas Schönes zu sehen: Das Stadttheater, übrigens das älteste Theater Brasiliens, wunderschöne Herrenhäuser und prachtvolle Kolonialpaläste mit ihren verzierten Balkonen und überdachten Eingängen, barocke Brunnen wie der Chafariz dos Contos (Märchenbrunnen) und niedliche Lädchen. Das Stadtbild ist geprägt von der Architektur der Kolonialzeit. Die gut erhaltene Altstadt gehört seit 1980 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

So reich wie keine andere Stadt der Neuen Welt

Auf dem Höhepunkt seiner Blüte, vor etwa 300 Jahren, war Ouro Preto so reich wie keine andere Stadt der so genannten Neuen Welt. Dem Grund für diesen Reichtum verdankt die Stadt auch ihren Namen: „ouro preto“ bedeutet übersetzt „Schwarzes Gold“. Schwarz wegen der leichten Verfärbung des Gesteins durch Eisenoxid. Mit den ersten Funden wurde ab 1730 um die Wette geschürft. Ein regelrechter Goldrausch brach aus und so siedelten innerhalb kurzer Zeit 100.000 Menschen in der Stadt, so viele wie nirgendwo sonst in ganz Brasilien. Die Bewohner teilten sich auf in abenteuerlustige Europäer, meist aus Portugal, die von den vielversprechenden Goldfunden etwas abhaben wollten und Sklaven, die von den Kolonialherren aus Afrika nach Brasilien verschifft wurden. Auf der massiven Steinbrücke der Stadt wurden sie vor 300 Jahren zur Schau gestellt und verkauft, um für ihre Herren die kostbaren Bodenschätze von Minas Gerais zu heben.

Auch der Name dieses Bundesstaates verrät, wofür er bekannt ist, denn „minas gerais“ heißt so viel wie „Allgemeine Minen“. Neben Gold konnten in dieser Region nämlich auch Diamanten und Topase abgebaut werden.

Das Herz der Stadt: Sehen Sie den Praça Tiradentes in der 360°-Ansicht. Navigation am PC mit der Maus oder den Pfeiltasten. Für Vollbild: rechte Maustaste und Fullscreen wählen. Mobil navigieren Sie mit den gewohnten Fingerbewegungen

Das Herz der Stadt: Sehen Sie den Praça Tiradentes in der 360°-Ansicht. Navigation am PC mit der Maus oder den Pfeiltasten. Für Vollbild: rechte Maustaste und Fullscreen wählen. Mobil navigieren Sie mit den gewohnten Fingerbewegungen

© 360cities.com

 Valmir ist seit über 35 Jahren Fremdenführer in Ouro Preto. Er empfiehlt drei Tage, um seine Heimatstadt kennenzulernen und außerdem eine gute Kondition. Das knapp 1200 Meter hoch liegende Ouro Preto ist sehr hügelig und geprägt von sich abwechselnden Tälern und Bergen. Darum gehört das Kraxeln – mal bei Regen, mal bei schweißtreibenden Temperaturen – zu jeder Erkundungstour dazu. „Wer an Brasilien denkt, denkt an das Meer, den Strand, die Copacabana und Großstädte“, sagt Valmir. „Aber hier gibt es ein ganz anderes Brasilien.“ Wie Sand am Meer, gibt es in Ouro Preto Kirchen.

Zwar ist Brasilien als größtes katholisches Land der Welt bekannt, aber erklärt das 13 Kirchen in einer Stadt mit 70.000 Einwohnern? Valmir hat die Antwort: „Unter portugiesischer Herrschaft waren die Bewohner eigentlich gezwungen, das Gold an die Kolonialherren abzugeben. Es gab lediglich eine Ausnahme davon: Gold, das für den eigenen Kirchenbau benötigt wurde, konnte im Lande bleiben. Also bauten die Brasilianer eine Kirche nach der anderen, die sie aufwendig mit Gold ausschmückten.“ Ein Paradies für Künstler und Architekten, die sich hier verwirklichen konnten und den Bauwerken einen besonderen Stempel aufdrückten: den Barocco mineiro. Eine Mischung aus europäischer Architektur und der Kunstfertigkeit afrikanisch-stämmiger Arbeiter. Für die Sklaven bedeutete jedes neue Bauprojekt auch neue Schinderei. Allein in der Pfarrkirche Nossa Senhora do Pilar sind vom Boden bis unter die Decke über 400 Kilogramm Blattgold verarbeitet. Jedes Kilogramm musste von den Sklaven aus den Bergwerken geholt werden.

Hier gibt es ein ganz anderes Brasilien

Valmir, Fremdenführer

Trotz ihrer alten Architektur ist Ouro Preto eine sehr lebendige Stadt. Es gibt eine renommierte, staatliche Universität – unschwer zu erkennen an den vielen Studenten. Vor dem Rathaus sitzen sie auf den Treppenstufen in der Sonne, die Köpfe gemeinsam über ihre Bücher gebeugt. Die allabendlichen Partys in ihren „Studentenheimen“ sind legendär. Auch als Tourist kann es passieren, dass man kurzerhand eingeladen wird. Ein Besuch in den Räumen der Universidade Federal de Ouro Preto lohnt sich aber auch wegen des Mineralogie-Museums, das eine große Edelsteinsammlung beherbergt.

Auffallend freundlich und angenehm unaufdringlich sind auch die Souvenir-Verkäufer auf dem großen Markt. Man darf ungestört durch die angebotenen Tongefäße, Holzarbeiten, Bilder, Sonnenbrillen und Ketten stöbern. Auch die Preise sind vergleichsweise fair und keine Touristen-Abzocke.

Valmir lädt zu einem Erinnerungsfoto vor der berühmtesten Kirche Ouro Pretos ein. Die „Igreja da Ordem Terceira de São Francisco de Assis da Penitencia“ zieht wegen ihres Baustils Besucher aus ganz Lateinamerika an. Insgesamt wurde über 40 Jahre an ihrer Fertigstellung gebaut und zwar unter der Leitung eines der bedeutendsten Künstler Brasiliens: Antonio Francisco Lisboa, besser bekannt als Aleijadinho. Als Sohn einer Sklavin und eines Weißen, wurde er von seinem eigenen Vater ebenfalls wie ein Sklave behandelt. Der Architekt ließ ihn auf seinen Baustellen schuften. Als Aleijadinho 20 Jahre alt war, wurde er von seinem Vater an einen Bildhauer weiterverkauft. Dort überzeugte er so sehr durch seine künstlerische Fingerfertigkeit, dass er schließlich Anerkennung und Geld verdiente und sich und seine Mutter freikaufen konnte. Die Kirche São Francisco de Assis gilt als Lisboas Meisterwerk und lässt den Mann und sein schicksalhaftes Leben unvergessen werden.

Natürlich darf auch Valmis Lieblingskirche nicht fehlen. Ihm hat es die Igreja da Santa Ifigênia angetan, denn von hier habe man die beste Aussicht auf Ouro Preto. Eine Stadt, die Brasiliens nationale Identität geprägt hat. Eine Stadt, deren goldener Glanz ganz und gar schwarz ist.