Die perfekte Nacht im Hafenviertel

  • TEXT CHRISTINE WOLLOWSKI

Zu den Olympischen Spielen wollen Rios Politiker das vergesse Stadtviertel Gamboa wiederbeleben. Ganz schön lebendig ist die chaotisch-kreative Gegend rund um den Hafen allerdings bereits. Eine Reise durch die Nacht

Der Eintritt in die Nacht ist eine schmuddelige Treppe zwischen Wolkenkratzern. Sie führt direkt aus dem Handelszentrum von Rio de Janeiro in eine andere Welt: Die Gamboa, Rios lange vergessenes Hafen- und Rotlichtviertel. Zu WM und Olympiade will die Stadtverwaltung daraus den „wunderbaren Hafen“ machen, ein hell erleuchtetes Vorzeigeprojekt mit Museen, Hotels und schickem Pier. An diesem Abend ist es noch dunkel in der steilen Kopfsteinpflasterstraße Rua João Homem mit den schmalen Einfamilienhäusern, Vorgärten und Blumentöpfen. Vor einem Hauseingang spielen ein paar Jungs Ball. Ist das wirklich Rio de Janeiro, die Millionenstadt? Auf einer Terrasse sitzen Menschen, klingt lautes Lachen, leuchtet ein Panamahut. Über der Tür steht: Imaculada.

19-20 Uhr: Imaculada

Bar, Restaurant, Galerie, Wohnzimmer – das Imaculada hat ein bisschen von allem. An einer Wand zeigen Schwarz-Weiß-Fotos die starken Gesichter alter Samba-Musiker. Ein kopiertes DinA4-Blatt erklärt die Ausstellung, die Bilder hängen ungerahmt und sympathisch unperfekt ein wenig schief. Genau über meinem Platz ragen die Brüste der Namensgeberin der Kneipe weit in den Raum: die Imaculada, die Jungfrau. Ob sie mich erschlägt, falls sie abstürzt? Ein Schild daneben beruhigt: die Dame ist aus mit Bronzefarbe bemaltem Styropor. Ich bestelle als Grundlage für den Abend frittierte Reis- und Stockfischbällchen und gucke, wer noch so hier ist. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe Künstler, erkennbar erstens daran, dass alle Männer Hut oder Schirmmütze tragen und zweites daran, dass einer gerade eine Serie Bleistiftzeichnungen herumreicht. Mit dem Pathos, das nur die richtige Menge eisgekühlter Getränke verleiht, erklärt ein anderer: „Du bist wie ein Bruder für mich!“. Vielleicht wegen meiner interessierten Blicke werde ich bald auch in die Familie aufgenommen. Bekomme ein Glas eisgekühltes Ambev und erfahre, dass der Brüderliche bildender Künstler und einer der Besitzer des Ladens ist. Nachdem ich ihm versprochen habe, dass ich wieder komme, verrät er mir, dass am Platz Mauá  in einer neuen Bar gerade Live-Jazz läuft. Ob der Glatzkopf, der allein in der Ecke sitzt, in sein Notizbuch kritzelt und aussieht wie Paulo Coelho, wirklich der Bestseller-Magier ist, frage ich dann doch nicht mehr.

Karte Rio de Janeiro, Brasilien

Nördlich von Santa Teresa beginnt das Hafenviertel Gamboa

© Cristóbal Schmal

20-22 Uhr: Casa Porto

Die Kolonialhäuser am Platz Praca Mauá stehen im Halbkreis wie eine Filmkulisse nach Drehschluss, von der die Farbe blättert. An einem schmalen Treppenaufgang hängt ein Pappschild: Casa Porto. Oben bläst Miles Davis seine Trompete durch einen langen Saal mit hellem Holzboden und dunkler Holzdecke. Alles minimalistisch: kleine Bistrotische, keine Bilder an den weißen Wänden, in einer Glasvitrine warten drei, vier verschiedene Snacks, aus der Kühltruhe fischt ein kleiner Bärtiger eiskalte Bierdosen und Wasserflaschen. Der Laden ist genau so voll, dass es noch angenehm ist. Die Leute sind um die 30, die meisten sehen aus wie Intellektuelle, Werber, Kulturmanager. Hinten auf der Bühne bereiten sich Bassist, Gitarrist und Trompeter auf das nächste Set vor.  Ihr Jazz ist cool und zeigt keine Spur von Bossa. Muss ja auch nicht, nur weil wir in Rio sind. In der Casa Porto ist es leicht, sich zuhause zu fühlen, egal ob eine aus Rio kommt, aus Berlin oder Barcelona.

22-24 Uhr: JazzIn

Im JazzIn zittert der Boden unter den Sprüngen der Tanzenden. Vor langer Zeit mag der Laden mal eine Lagerhalle gewesen sein: die unverputzten Wände sind aus unregelmäßig geformten Natursteinen, das Gewölbe reicht weit in die Höhe, an einer Seite laufen Videoprojektionen. Wer nicht tanzt, fläzt auf roten Sofas oder Sitzkissen und sieht wie durch Zugfenster gefilmte Tulpenwiesen vorbeiziehen. Dazu spielt der DJ brasilianische elektronische Musik. Die Stimmung ist übermütig, viele scheinen seit der Happy Hour hier. Das JazzIn macht schon um 18 Uhr auf, wenn die Angestellten der Büros in der Innenstadt Feierabend haben. Von den 60 Schaumweinen sind natürlich nicht alle echte Champagner – aber auch ein brasilianischer Sekt ist ein guter Begleiter für ein Lachs-Temaki. Gestärkt ziehe ich weiter die Straße Sacadura Cabral entlang und komme dabei an einem erstaunlichen Laden vorbei: PM steht in verschnörkelten Buchstaben auf dem Gitter, dahinter tanzt eine Menge knapp gekleideter Mädels zu Rio Funk und den größten Sommerhits der Stadt, als würde morgen die Welt untergehen. Vielleicht ein anderes Mal. Heute zieht es mich weiter in weiter ins Trapiche – eine der beliebtesten Sambakneipen der Stadt.

Mondän, urban, jung und poliert: das Pier wird zum Aushängeschild des restorierten Hafenviertels

© imago

0 -2 Uhr: Trapiche Gamboa

Samba ist die ultimative Ausdrucksform für Lebensfreude. Das merke ich beim ersten Schritt über die Schwelle des Trapiche. Nicht, dass ich vorher schlecht gelaunt gewesen wäre, aber jetzt fühle ich mich wie schwebend vor Glückseligkeit. Das Trapiche ist ein langgezogener bestimmt zehn Meter hoher Raum mit Fliesen, die so ausgetreten sind, als würde hier schon seit Jahrhunderten getanzt. Ziemlich lässig sitzen eine Handvoll Musiker an einem langen Tisch und bedienen eine Menge Rhythmus- und einige wenige Melodieinstrumente. Daneben steht eine Frau, die sich ihre krausen Haare nicht glätten lässt, und die auch keinen Diätwahn mitmachen muss, weil so eine riesige Stimme einfach ein Minimum an Körpervolumen braucht, um sich richtig zu entfalten. Die Truppe am Tisch macht alle glücklich im Trapiche. Sogar ein graumelierter Herr, der aussieht, als sei sein restliches Leben bitterernst, wiegt sich in den Hüften – vielleicht ohne es selbst zu merken. Eine langmähnige Schönheit tanzt selbstvergessen – mit dem iPhone in der Hand. Erzählt sie jemandem, wie perfekt ihre Nacht ist? Ich höre auf zu denken und lasse mich ebenfalls auf die Tanzfläche treiben. Hoje é o melhor lugar  (heute ist der beste Ort), singt die Frau mit der großen Stimme. Recht hat sie.