© Leo Aversa
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Marisa Monte zeigt ihre Heimat

  • TEXT SILKE BENDER

Marisa Monte ist mit ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro bis heute eng verbunden. Auf einem Spaziergang durch die Stadt zeigt uns die Sängerin ihre Lieblingsplätze. Als erstes zieht es die 46-Jährige an den Fischerhafen von Urca – dort verbrachte sie ihre Kindheit.

Sie wartet auf der Kaimauer des kleinen Fischerhafens von Urca. Hier ist es nahezu autofrei und ungewohnt, fast unheimlich still. Winzige bunte Kähne schaukeln behäbig im Wasser. Ein ungewöhnlicher Treffpunkt in dieser 6,5-Millionen-Metropole, in der es sonst ohrenbetäubend laut ist, deren Verkehrsadern stets verstopft sind. Links breitet in der Ferne die 30 Meter große Christusfigur auf dem Corcovado ihre Arme aus, gleich rechts erhebt sich die Steilwand des Zuckerhuts. Ein magischer Ort, wo Rio wie ein verträumtes Dorf erscheint. „Hier bin ich aufgewachsen, mit dem Blick auf unsere zwei Wahrzeichen“, sagt Marisa Monte und zeigt auf den zweiten Stock eines modernen Apartmenthauses. „Die Fischer im Hafen waren das Publikum, als ich im Wohnzimmer meine ersten Gesangsstunden nahm. Von ihnen bekam ich meinen ersten Applaus. Manchmal begleiteten sie mich auch auf der cavaquinho, der typischen Samba-Gitarre.“

Hier begann auch die Geschichte Rios, wie Marisa erzählt. Portugiesische Seefahrer entdeckten die Bucht am 1. Januar 1502 und hielten sie für ein großes Flussdelta. „Deshalb heißt Rio de Janeiro auch so, Fluss des Januars. Können Sie sich vorstellen, dass der Zuckerhut damals noch mit dem Fuß im Wasser stand?“ Das heutige Stadtviertel Urca ist durch Landaufschüttungen in den 1920er Jahren entstanden, wohlhabende Menschen ließen sich hier nieder. Elegante Villen, der Jachtclub und im Bauhaus-Stil erbaute Residenzen rund um den Hafen zeugen davon. „Ich hatte eine sehr behütete Kindheit“, berichtet Monte, „am Wochenende gingen wir meistens zum Segeln, oder ich bin mit meinem Fahrrad von einem kleinen Laden zum anderen gefahren – oft gab es eine Leckerei umsonst.“

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Die meisten Touristen kommen bloß nach Urca, um mit dem „Bondinho“, der Seilbahn, auf den Gipfel des Zuckerhuts zu fahren – danach ziehen sie gleich weiter. Ein Fehler, wie die Sängerin meint: „Neben Santa Teresa ist es eines der architektonisch schönsten Viertel von Rio.“ Sie empfiehlt zum Sonnenuntergang den Besuch der Bar Urca, wo sich die Cariocas, die Einwohner Rios, an der Kaimauer zum Aperitif treffen, mit schönem Blick auf die Christusstatue und die Fortaleza de São João, eine Militäranlage aus dem 16. Jahrhundert. Dort liegt auch der ruhige Strand Praia Vermelha, Marisas persönlicher Geheimtipp.

Und auch wenn Rios berühmteste Strände durchaus einen Besuch lohnen, sei das Vergnügen doch größer an ihren jeweils nördlichen Enden – in Leme, dem Anfang der Copacabana, und in Arpoador neben Ipanema: „Dort wird man nicht vom Autolärm gestört und kann den Surfern beim Wellenreiten zusehen.“

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Nächster Stopp: Das Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro

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Kunstvoll

Unsere nächste Station ist das Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro, kurz MAM. Der imposante Sichtbetonbau, 1959 eröffnet, stammt von Affonso Eduardo Reidy und gilt als Meilenstein moderner Architektur. MAM beherbergt eine der größten Sammlungen zeitgenössischer brasilianischer Kunst.

„Hier zeigen sie unsere größten Künstler, wie Adriana Varejão oder Luiz Zerbini“, erzählt Marisa, für die bildende Kunst „eine große Inspirationsquelle ist – so wie ich in meiner Musik die Genres vermische, sehe ich Show und Bühnenbild als Gesamtkunstwerk und arbeite dafür gern mit bildenden Künstlern zusammen. Was ich bei ihnen schätze, ist die Fähigkeit, konzeptuell zu denken, Ideen eine Form zu geben – da sind sie uns Musikern meist überlegen“. Während der vergangenen 27 Jahre hat Marisa Monte es selbst zu einer kleinen Kunstsammlung gebracht. „Wann immer ich Zeit habe, gehe ich in die Kunstschule des Parque Lage, um den Studenten beim Zeichnen und Malen über die Schulter zu schauen“, sagt sie.

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Entspannung pur im Botanischen Garten. Befinden wir uns wirklich in einer Millionen-Metropole?

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Entspannung in Grün

Nebenan, im Botanischen Garten, zieht sich Marisa Monte zum Lesen zurück oder beobachtet einfach nur die Affen oder Tukane, die in den Baumkronen turnen. Affen, mitten in der Stadt? „Ja“, sagt Marisa lachend, „sie können aber auch ganz schön nerven. Einmal haben sie uns so viele Ziegel vom Dach geklaut, dass es reingeregnet hat. Da gab’s zur Strafe kein Futter mehr für die nächsten Tage.“  Das Stichwort ist gefallen, der Hunger macht sich bemerkbar, Zeit zum Mittagessen. Marisa wurde mit 16 Vegetarierin, aber sie isst Fisch. Sie entscheidet sich fürs Aprazível, ein im Dschungelstil erbautes Restaurant, das Spezialitäten aus allen Regionen Brasiliens serviert, darunter viele vegetarische Klassiker wie gedünstete Palmherzen.

Der Weg vom Botanischen Garten nach Santa Teresa wird lang, für die zehn Kilometer brauchen wir fast zwei Stunden. Während sich das Auto vorankämpft, stöhnt die Lokalpatriotin: „Das Einzige, was einem Rio wirklich verleiden kann, ist der Verkehr.“ Aber am liebsten isst sie sowieso zu Hause. „Auf Tournee bin ich ja stets in Restaurants. Zu Hause genieße ich es, selbst zu kochen. Frische und schnelle Sachen, Fast Food im besten Sinne.“

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Rios Künstlerviertel

Der lange Weg zum Restaurant lohnt sich: Der Hügel Santa Teresa ist so etwas wie das Montmartre von Rio de Janeiro. Alte Kolonialhäuser, steile, kurvige Straßen, auf denen sich die gelben Tramwagen wieder hinaufquälen.

Nach einem schweren Unfall war der Betrieb fast drei Jahre lang eingestellt. Ein Relikt ist der ausrangierte Wagen, in dem Getúlio Damado seine Recycling-Kunst verkauft. „Er ist das Original des Viertels“, sagt die Künstlerin und springt kurz aus dem Wagen, um dem alten Bekannten einen beijo auf die Wange zu drücken, „und die beste Adresse für Souvenirs.“

Nach dem verspäteten Lunch will sie nach Hause, schnell ihre beiden Kinder von der Schule abholen. Familienzeit ist ihr heilig. Und wenn die Sängerin doch mal einen kinderfreien Abend hat? Dann geht sie am liebsten in den Clube dos Democráticos: In dem alten Ballhaus tanzen alle Altersgruppen zwischen neun und neunzig Samba – und das so sexy und lebensfroh, dass allein das schon ein Grund ist, warum Monte in dieser und keiner anderen Stadt alt werden will.