Wenn der Motor Samba tanzt

  • TEXT CHRISTINE WOLLOWSKI

Fünf Tage, vier Nächte, 600 Kilometer: Ein Roadtrip von Rio de Janeiro nach São Paulo

Rio de Janeiro

Am ersten Tag unserer Reise von Rio nach São Paulo lockt uns der Samba in die Gassen von Rios Hafenviertel und verführt uns mit einem Lächeln.

„Rio 40 Grad, wunderbare Stadt, Fegefeuer für Schönheit und Chaos“, singt Fernanda Abreu, 52. Das hätte es früher nicht gegeben: Den Film „Rio bei 40 Grad“ (1955) zensierte die Bundespolizei später mit der Begründung, dass die Temperatur maximal 39,6 Grad erreiche. Und jetzt brennt hier der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Der Asphalt dampft. Am Strand von Copacabana köpft ein Bärtiger uns eine Kokosnuss, wir wühlen die Füße in den Sand und gucken den Schönen beim Schwitzen zu. Am Horizont stehen die Hügel wie Beschützer der Guanabara-Bucht. Oben breitet der Christus die Arme aus: Kommt, Leute, ja, es ist heiß – aber das hier ist Rio de Janeiro.

Unsere Route von Rio nach São Paulo: 1 Rio de Janeiro: Im Hafenviertel vom Samba verführt | 2 Ilha Grande: Erholung in unberührter Natur zwischen Mandelbäumen und schwarzen Riesenkieseln | 3 Paraty: Ein Ort zum Heiraten | 4 Maresias: Auf eine Limo mit Weltklassesurfer Gabriel Medina | 5 São Paulo: Reichlich Buntes zwischen Hochhausschluchten

Unsere Route von Rio nach São Paulo: 1 Rio de Janeiro - Im Hafenviertel vom Samba verführt | 2 Ilha Grande - Erholung in unberührter Natur zwischen Mandelbäumen und schwarzen Riesenkieseln | 3 Paraty - Ein Ort zum Heiraten | 4 Maresias - Auf eine Limo mit Weltklassesurfer Gabriel Medina | 5 São Paulo - Reichlich Buntes zwischen Hochhausschluchten

© Cristóbal Schmal

„Die Hauptstadt des heißen Bluts, des Besten und des Schlimmsten, was Brasilien zu bieten hat“, singt Brasiliens Funk-Diva weiter. Wenn die Sonne versinkt, hört man das Beste von Rio im Szeneviertel Lapa: den Samba mit seinen Texten von großer Liebe und noch größerem Schmerz. Zu Hause ist er in Bars namens Rio Scenarium, Mangue Seco oder Carioca da Gema – und eines seiner Gesichter, eine seiner Stimmen gehört Ana Costa.

„Anfangs habe ich nur zugehört“, erinnert sich die 44-Jährige mit dem ansteckenden Lachen, „aber dann hat er auch mich gepackt.“ Längst hat sie in fast allen Bars gespielt und kennt beinahe jeden Meter der Rua Lavradio, Hauptschlagader des Viertels. Mit dem Samba de Raiz, der Urform von Brasiliens Nationalrhythmus, feiert es seine Renaissance. „Lapa ist der richtige Ort, an dem Fremde verstehen können, wie das Leben in Rio ist! Hier vergessen die Cariocas den Alltag, ihre Begeisterung reißt alle mit.“

Ilha Grande: Naturpark mit Karibikflair

An Tag 2 verzichten wir nach einigen blumengesäumten Kilometern auf unser Auto und begegnen der Unberührtheit einer ehemaligen Außenseiterin: der Ilha Grande.

Wenn es in Rio zu heiß wird, fahren die Stadtbewohner in die Berge oder in den Küstenort Angra dos Reis, 150 Kilometer südöstlich von Rio. Nach einigen Stunden Autofahrt stehen wir am Kai. Hier schmelzen uns zwar immer noch beinahe die Flipflops, aber das Wasser in der Bucht leuchtet karibisch. Reichen Männern wie Schönheitschirurg Ivo Pitanguy und TV-Moderator Luciano Huck gehören hier eigene Inseln. Wir setzen mit der Fähre zur Ilha Grande über. Da ist es auch schön: Goldgelber Sandstrand trennt den Hauptort Vila do Abraão vom Meer, dahinter erheben sich Berge, die von Regenwald bedeckt sind. Wir kehren den Souvenirshops den Rücken und laufen bis zum alten Dorfplatz, wo ein leiser Wind die Blätter der Mandelbäume wiegt und die Naturparkverwaltung ihren Sitz hat. Es ist Mittagszeit, der Platz liegt wie ausgestorben da. Aus einer Nebenstraße radelt Parkwächter Leonardo Bacelar heran, ein sehniger Typ, dem die Hitze nichts auszumachen scheint.

Bacelar ist auf der Ilha Grande geboren – und er ist zum Umweltschützer geworden. „Früher habe ich Kopfhörer aufgesetzt, wenn ich mal ein Stück zu Fuß gehen musste“, erinnert sich der 34-Jährige. Auf der Suche nach einem Job heuerte er schließlich als Aufseher im Naturpark an, der mehr als die Hälfte der Insel einschließt.

„Da bin ich von morgens bis spät auf den Wanderwegen unterwegs, kontrolliere, ob jemand wild campt oder Müll wegwirft, dabei höre ich den Vögeln und den Brüllaffen zu.“ Das Beste an seiner Insel? „Dass ich hier kein Geld brauche, um glücklich zu sein. Die Wellen, die von schwarzen Riesenkieseln gesäumten Buchten, die Wanderwege – das alles ist kostenlos!“

Historische Altstadt
© Isabela Pacini

Paraty: Kulissen aus der Kolonialzeit

Tag 3: Geblendet von der Schönheit kolonialer Kapellen, begegnen uns die Bewohner einer malerischen Stadt. Ihr Rhythmus wird von der Geschichte geschrieben.

Die Nachmittagssonne leuchtet auf den unregelmäßigen Pflastersteinen und den bunt gestrichenen Fassaden der im Kolonialstil erbauten Altstadt von Parati. Es wirkt wie eine Filmszene, als die Frau im geblümten Kleid aus dem Haus gegenüber der Barockkirche tritt. Cynthia Tarrisse kommt aus Rio, sie hat ein Jahr lang in dem historischen Bau gewohnt: Als Leiterin des Büros der Behörde für Denkmalschutz durfte sie die Dienstwohnung nutzen. „Hier lebt man mitten in der Geschichte. Die Kirchenglocken läuten einen morgens wach, erinnern einen an die Mittagspause und bestimmen den Rhythmus des Tages“, sagt die Architektin, die mehrere Projekte in der Altstadt betreut.

Bei einem versucht sie gerade, den ursprünglichen Grundriss zu rekonstruieren, damit der Umbau sich daran orientieren kann, „die reinste Detektivarbeit“. Ihr Lieblingsgebäude ist die weiße Kapelle Nossa Senhora das Dores am Ende der Straße, fast am Meer, hier hat sie auch ihre Tochter taufen lassen. „Es kommen viele Leute zum Heiraten nach Parati“, sagt Tarrisse, „die Kapelle mögen sie besonders.“ Auch wenn sie inzwischen nicht mehr mitten in der Altstadt wohnt, ist die Architektin jeden Tag viele Stunden in ihren Gassen unterwegs, plant Renovierungen, plaudert mit dem Restaurantbesitzer, gibt dem Maler ein paar Tipps, wie er sein Haus besser belüften kann, oder schaut, was die Kunsthandwerkerin zuletzt im Atelier angefertigt hat. Gar kein Heimweh nach Rio? „Kein bisschen! Ich muss nicht nach Rio fahren, wenn ich Kultur erleben will. Hier ist ständig etwas los – vom Jazzfest bis zum Literaturfestival. Mindestens ein Ereignis im Monat, und fast alles gratis.”

Der Strand von Maresias: Portrait vom Surfer Gabriel Medina
© Isabela Pacini

Maresias: Salzige Träume

Tag 4: Anderswo träumen die Jungs von einer Karriere als Profifußballer, in Maresias wollen sie Surfer werden.

Dank der Klimaanlage bläst ein kühler Wind, während wir auf der Straße Rio Santos an der Küste entlangfahren. Der Film vor dem Fenster: violett blühende Bäume, bewaldete Gipfel und Bergwiesen auf der einen Seite, einsame Strände auf der anderen – so viele, dass man nicht sagen könnte, welcher der schönste ist.

Wir halten in Maresias, einer fünf Kilometer langen Bucht mit weißem Sand und perfekten Wellen. Anderswo in Brasilien träumen die Jungs von einer Karriere als Profifußballer, doch hier wollen sie fast alle Welstklasse-Surfer werden. Zwischen den roten Fahnen, die vor dem Baden warnen, tollt ein Mann mit zwei Hunden im Sand, wie ein kleiner Junge – dabei ist er 1,80 Meter groß und muskelbepackt: Gabriel Medina ist einer der besten Surfer der Welt. Er genießt die letzten Ferientage.

Den Dezember und Januar verbringt er bei seiner Familie und den Hunden. An manchen Tagen sieht er nicht einmal sein Board an, weil er am Vorabend ausgegangen ist. „Den Rest des Jahres bin ich jeden Tag im Wasser“, sagt er und grinst, „ich halte es einfach nicht lange aus, nicht zu surfen.“

Noch ein paar Tage darf er ein fast normaler 20-Jähriger sein. Das neue Haus in einer Wohnsiedlung direkt am Strand genießen, das er gerade für die Familie gekauft hat. Vor laufender Kamera die Limo seines Sponsors trinken. Ohne Kamera mit Kumpel Dan in den Clubs Morocco oder Sirena abhängen. Ab Ende Februar ist er wieder unterwegs, zuerst geht’s nach Australien, dann nach Hawaii, endlich den Titel holen. Er war elf, als er seinem Vater verkündete, er wolle Weltmeister werden. „Aber insgeheim wusste ich das schon lange vorher“, sagt Medina.

Graffiti Künstler Tinho in der Nähe der Avenida Paulista
© Isabela Pacini

São Paulo: Die Maler-Metropole

Der letzte Tag führt uns in die Hochhausschluchten der Megacity São Paulo. Und siehe da: Zwischen all dem Beton begegnet uns reichlich Buntes.

Mit jedem weiteren Kilometer stehen die Häuser dichter beieinander, dafür dünnt die üppige Landschaft aus, bisa nur noch einzelne Bäume den Straßenrand säumen. Wir nähern uns São Paulo. Größer, wilder, avantgardistischer als alle anderen Städte. Ein großes Herz, durch dessen Adern der Verkehr pulsiert. An Tunnelwänden, Hausmauern, Pfeilern stehen die urbanen Zeichen der Sprayer – für manche sind sie Graffiti-Künstler, für die anderen bloß Schmierfinken.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Riesige aufgerissene Augen, die uns verfolgen, überlebensgroße Margariten und Bienen, die zwischen den Autos beinahe zu summen und zu duften scheinen. Geduckte Kinder, die von den Erwachsenen scheinbar nicht beachtet werden. Wir lassen uns durch die Straßen treiben und in den Bann der Zeichen ziehen.

„Mein bescheidener Beitrag ist es zu zeigen, dass niemand machen muss, was die anderen von ihm erwarten, um zu überleben. Und ich male bis heute, wo der Wind mich hinweht, wenn es mich packt!“ Sein Kollege Tinho, klein, kräftig, asiatische Züge, erzählt von den Anfängen, damals nach dem Ende der Militärdiktatur, als er Punk und Junkie war und die Welt verändern wollte. Inzwischen ist Tinho 41 Jahre alt, hat einen Sohn und ein Atelier – und die Welt ein wenig verändert: „Freie Meinungsäußerung ist möglich, auch wenn es immer noch Zensur gibt – aber das Grau hat jetzt bunte Tupfer.“