Lufthansa Flotte

Ein unwiderstehliches Angebot

Die Flotte

  • TEXT EMANUEL ECKARDT
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Wenn Lufthansa seine Flugzeuge mit neuen Sitzen ausstattet, wirft das die Frage auf: Wo bleiben die alten? Die Antwort: Sie werden aufgearbeitet und verkauft. Die Nachfrage ist groß

Auch der ehemalige Bayern-Trainer Louis van Gaal gehört zur Kundschaft

Auch der ehemalige Bayern-Trainer Louis van Gaal gehört zur Kundschaft

© Stefan Wildhirt

Jürgen Rumstig residiert in einem unscheinbaren Hallenkomplex im hessischen Babenhausen. Der ehemalige Pilot hat einen spannenden Job: Er verkauft Sitzreihen aus Lufthansa Flugzeugen. Gabelstapler kurven durch die Hallen, in denen oft mehrere tausend Sitzbänke stehen, um für den Weiterverkauf aufgearbeitet zu werden. Die Dreier-Sitzreihen aus Lufthansa Jets, generalüberholt und unter schwarzer Stretchfolie staubdicht verpackt, sehen aus wie versandfertige Klaviere. „Viele Sitze sind erst drei Jahre alt, einige fast neu“, beschreibt Rumstig sein Angebot.

Es wird ihm aus den Händen gerissen. Lufthansa Sitze sind begehrt. Für Airlines ist das Angebot attraktiv, die Sitze sind sofort verfügbar, kosten ein Drittel des Neupreises. Und viele “Shipsets” – wie die Sitzgarnituren für einen Flieger heißen – sind wie neu. 90 Prozent der Kunden sind kleinere europäische Airlines und Fluggesellschaften in Nahost und Afrika. Nach Amerika wäre der Transport zu teuer und auch logistisch ein Problem, denn üblicherweise reisen Flugzeugsitze mit dem Lkw. Zu den Kunden gehören aber auch Reedereien, die mit den Sitzen Fährschiffe ausrüsten, oder ein Salzbergwerk, das die Sitze für den Transport unter Tage einsetzt. Oder Bayern München. Der Klub brauchte eine Trainerbank im Stadion, die auch emotionalen Beanspruchungen standhält.

Vom Skelett …

Vom Skelett …

© Jens Görlich
… über die Wiederaufbereitung …

… über die Wiederaufbereitung …

© Jens Görlich
bis zum perfekten Sitz.

bis zum perfekten Sitz.

© Jens Görlich

 Flugzeugsitze sind robust und haben allerhand auszuhalten. Pro Tag nehmen bis zu acht Personen auf demselben Flugzeugsitz Platz, pro Jahr sind das mehr als 2500 Personen. Von solchen Quoten können die Intendanten von Opernhäusern nur träumen. Wenn ein Passagier ein Durchschnittsgewicht von 75 Kilo auf die Waage bringt, haben pro Jahr Fluggäste mit einem Gesamtgewicht von rund 190 Tonnen das nur wenige Kilo schwere Leichtbaumöbel beansprucht.

Das ist aber nicht die härteste Prüfung. Der Sitz wird auf extreme Belastungen getestet, um sein Zertifikat zu erhalten. Er muss eine maximale Beschleunigung von 16g überstehen. Kein Mensch hält das aus. Im Kurvenflug eines Passagierflugzeugs fallen maximal 2g an. Mit 4g rauscht ein Formel-1-Fahrer in die Kurve. In Deutschland darf bei Fahrgeschäften, also Achterbahnen und ähnlichen Attraktionen, ein Grenzwert von 6g nicht überschritten werden.

Nun werden die Sitze auseinandergenommen. „Wir nehmen die Bezüge ab, sie werden gereinigt, wir tauschen den Schaum der Polster aus, wo es nötig ist.“ Lederbezüge sind doppelt so teuer, halten aber auch viermal länger als Stoffbezüge. Jürgen Rumstig ist überzeugt: „Wir verkaufen ein Premiumprodukt.“ Auch Privatkunden können die Sitze erwerben, fürs Heimkino – oder als Schreibtischsessel in Leder mit italienischem Fuß. Bürostühle verlieren allerdings ihre Flugtauglichkeit. Die Plakette mit Lizenz wird entfernt, damit erlischt die Zulassung für den Luftverkehr.