Der Felsen Svolværgeita („Svolvær-Ziege“) 590 Meter über Svolvær und der Insel Austvågøya sehen aus wie zwei Hörner. Das Foto entstand um zehn Uhr abends, im Sommer bleibt es lange hell auf den Lofoten
© Malte Jäger

Nordische Kombination

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS MALTE JÄGER

Chris Burkard ist einer der berühmtesten Surffotografen der Welt. Eine Karriere, die ihm nicht in warmen Wellen gelang, sondern auf den Lofoten, mit Bildern in Eis und Schnee. An dem Ort, der ihn alles lehrte, stellt sich die Frage: Muss man leiden für den perfekten Moment?

Chris Burkard legt den Kopf in den Nacken. Da oben muss er also hinauf. Will er hinauf, aber weil alles, was sich Burkard vornimmt, zu einer Aufgabe wird, an der zu scheitern er sich nie verzeihen würde, muss er jetzt auch. Die Frage ist nur: Kann er denn? Burkard hat die ganze Nacht in Reine fotografiert und danach in den Wellen vor Ballstad, er ist müde, hat zwei Rucksäcke an Ausrüstung dabei, keine Helfer und kein Steigzeug. Eigentlich müsste er ruhen, endlich mal. Burkard will aber nicht ruhen. Es ist sein vorletzter Tag auf den Lofoten, und er ist angereist, um da oben zu schießen, am Berg Fløya, den beiden Felsen gegenüber, die sie Svolværgeita nennen, Svolvær-Ziege, weil sie wie zwei Hörner aussehen. 590 Meter über dem Meer. Mit bloßem Auge kaum auszumachen von unten. Der Aufstieg ist auch für erfahrene Kletterer anspruchsvoll. Einfach so, knurrt der Lofote, der Burkard hergefahren hat, geht das nicht. Burkard grinst und stapft los.

Es ist eine Szene, die zur Fehlinterpretation einlädt. Ein Mann, der mit dem Kopf durch die Wand will, ein typischer Chris-Burkard-Moment. Wer einige Tage mit dem Fotografen verbringt, merkt schnell, wie Unrecht man ihm damit täte. Burkard ist egal, was andere über ihn denken. Es geht ihm nicht um den Thrill. Er sucht Momente, die einzigartig sind, die sich nur einmal ergeben. Burkard glaubt, dass man leiden muss für ein gutes Foto. „Wenn mir jemand sagt, das geht nicht, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, erzählt er, zwischen riesigen Steinen rastend, der Gipfel ist noch weit entfernt. Zum ersten Mal bereist Burkard die Lofoten im Sommer. 80 norwegische Inseln, die ein gütiger Schöpfer nördlich des Polarkreises ausgestreut hat. Der Vestfjord trennt sie vom Festland. Sonst kommt Burkard im Winter. Die Reise dient ihm diesmal auch als Abgleich, um zu verstehen, welchen Qualen er sich bisher auszusetzen pflegte.

Chris Burkard mit Unterwasserkamera

Wichtige Utensilien für die Wellenreiter: Foto-Equipment und ...

© Malte Jäger
Ein Stapel Surfboards für die Eissurfer

... Surfboards in allen Variationen

© Malte Jäger
Das Zelt finnischer Surfer an der Küste von Unstad

Finnische Wellenreiter (im Zelt) an der Küste von Unstad. Gesurft wird hier schon seit den 1960er-Jahren ...

© Malte Jäger
Chris Burkard fotografiert an der Küste von Unstad

... allerdings nur im Sommer. Chris Burkard war der Erste, der hier auch im Winter freiwillig ins Wasser ging

© Malte Jäger
Der Hafen von Ballstadt

Am Hafen von Ballstad; das Dorf liegt östlich des Bergs Skottinden und hat etwa 800 Bewohner – das ergibt eine Einwohnerdichte von 1,091 Menschen pro Quadratkilometer

© Malte Jäger

  Chris Burkard, 31, gilt als einer der besten Surf-, Natur- und Reisefotografen der Welt. Er arbeitet für die großen Magazine, für Esquire, National Geographic und GQ, er hat sechs der sieben Kontinente bereist und an Fotopreisen gewonnen, was man nur gewinnen kann. 2,8 Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram. Man kann sagen, dass er in einer Szene, die nicht viele Stars zählt, ein Star ist. Und man kann sagen, dass sich all das ergeben hat, weil Burkard auf die Lofoten kam.

Der erste Trip, der wichtigste, der alles verändernde, liegt Jahre zurück. Ein Freund hatte von diesen Inseln im europäischen Nordmeer erzählt, einsam, wild und rau. „Aber ich hätte mir nicht ausmalen können, wie wild sie tatsächlich sind“, erinnert er sich. Bis dahin lebt Burkard ein kalifornisches Leben. Er fotografiert die Surfer in seiner Heimat und anderen Paradiesen. Unter Palmen, bei Sonne. Edle Hotels. Flüge mit Upgrade. Mit seiner Frau Breanne und den zwei Söhnen bewohnt er eine Ranch in Pismo Beach. Alles ist komfortabel, aber auch reichlich langweilig. Wohin er auch reist, die Szene ist schon da. Die Surfer, Hipster und Backpacker, mit ihren Coolness-Codes, unbedingt mit WLAN, im Gesicht gut gebräuntes Selfie-Lächeln. Auch deshalb entscheidet sich Burkard für die Lofoten. Er will etwas riskieren. Sich herausfordern. Ausbrechen.

Fünf Profi-Surfer überredet er zur Reise. Sie lockt, was ihn lockt: Wellen surfen, die noch nie gesurft wurden. Und davon Fotos schießen, die noch nie geschossen wurden. Es sind harte, gute Jungs, aber die Lofoten sind härter. Als sie ankommen, im März, im Winter, stürmt Schnee vom Himmel. Sie sehen keinen Meter weit im Nebel. Minusgrade, zweistellige. Mit Mühe kämpfen sie sich bis Unstad durch, zu Tommy Olsen, der hier ein paar Hütten vermietet. Heute ein trendiges Surfcamp, aber damals eine Notunterkunft. In Unstad wird seit den Sechzigern gesurft. Aber nur im Sommer. Burkard und seine Crew steigen in ihre Ganzkörper-Neoprenanzüge, kraulen ins arktische Meer und surfen. Und shooten. Und spüren ihre Glieder nicht mehr.

Chris Burkard beim Aufstieg am Berg Fløya, im Hintergrund Svolvær, die größte Stadt der Lofoten

Chris Burkard beim Aufstieg am Berg Fløya, im Hintergrund Svolvær, die größte Stadt der Lofoten

© Malte Jäger
Einsam gelegene Hütten säumen den Aufstieg am Berg Fløya

Einsam gelegene Hütten säumen den Weg

© Malte Jäger

  Da wusste ich, dass ich meine Aufgabe gefunden habe. Ich paddelte in dieser surrealen Landschaft und hatte einen absurden Moment zwischen Staunen und Erkenntnis“, erzählt Burkard, „zwischen Unglaube und dem gleichzeitigen Wissen, dass das, was ich gerade sehe und erlebe, real ist. So ein Moment ist selten. Das vergisst man nicht.“ Burkard, auf halber Strecke zum Svolværgeita, lächelt. An den Moment von damals hat er viele weitere gereiht, überall auf der Welt, manche noch härter. Mit oder ohne Surfer im Fokus. Allen gemein ist, dass sie in extremen Wettern stattgefunden haben. Bei Eis, Wind und Schroffheit. Burkard hat auf den Färöer-Inseln gegen Stürme angecampt, ist mit einem alten Militärhubschrauber in die unbesiedelten Zonen Sibiriens geflogen, hat die höchsten Berge Chiles bestiegen. Auf Island bodyboardete er zwischen den Eisbergen, um seine surfenden Freunde im Tube, im Wellentunnel, zu shooten.

Die Natur hat mir gezeigt, dass sie stärker ist, wenn sie es sein will. 

Einmal wäre er fast ertrunken, auch auf den Lofoten, auch am Strand von Unstad. Als sie ihn aus den Fluten zogen, delirierte er bereits. „Die Natur hat mir gezeigt, dass sie stärker ist, wenn sie es sein will. Aber ich habe ihr gezeigt, dass ich zäh bin. Die Bilder, die ich von den Lofoten nach Kalifornien brachte, waren mir viel wichtiger als alle anderen Bilder, die ich zuvor gemacht hatte. Weil ich wusste, mir war viel mehr abverlangt worden, um sie zu kriegen. Es ging mir nicht ums Geld. Die Bilder hatten einen körperlichen Wert.“

Burkard, nun wieder in der Gegenwart, im letzten Drittel am Berg, schnauft. Schwitzt. Stöhnt. Das Stativ alleine wiegt schon reichlich. Er setzt sich auf einen gestürzten Baum. Ab hier nur noch Steilklippe. Der Blick reicht jetzt schon über die Bucht. Die Kulisse der Lofoten ist schroff, fließt aber auch ineinander. Gewaltige Berge, weite Täler. Kleine Holzhäuser an polierten Fjorden. Im Sommer gibt es Nächte, die wie Tage wirken. Und im Winter Tage, an denen es Nacht bleibt. Es ist, als stünde man in einem Edvard-Munch-Gemälde. Man erkennt die Teile und sieht sie zugleich als Summe. Dazu das Expressionistenlicht. Und ein Himmel, der so tief hängt, dass man ihn mit gestrecktem Arm kratzen zu können glaubt. Endet der Aufstieg hier? Kapitulation? „Nein, nur Pause“, sagt Burkard.

Surfer Chris Burkard in den stürmischen Wellen der Lofoten

Meist im tiefsten Winter kehrt der Fotograf Chris Burkard immer wieder auf die Lofoten zurück

© Chris Burkard
Ein Eissurfer an der verschneiten Küste von Unstad

An jenen Ort, der sein Leben umkrempelte. Diese ­Bilder von 2014 ...

© Chris Burkard
Eissurfer trotzen den widrigen Bedingungen auf den Lofoten

... zeigen Eissurfer, die den ­widrigen Bedingungen trotzen

© Chris Burkard
Tommy Olsen betreibt das Arctic Surfcamp in Unstad

Tommy Olsen betreibt das Arctic Surfcamp in Unstad

© Malte Jäger

  Entweder er schafft eine Gegend. Oder eine Gegend schafft ihn. Das sind die zwei Optionen, und eigentlich ist die zweite natürlich keine, umgekehrt ist Burkard noch nie. Dafür hat seine Ästhetik die Surf-Fotografie geprägt, hat er den Spielraum erweitert, arktische Breiten abzulichten. Burkards Bilder verlängern Sekunden weiter, ohne sich daran zu berauschen. Sie sind in Bewegung, obwohl sie Bewegung einfrieren. Man sieht die Wellen brechen. Hört den Wind tosen. Es tropft. Mit einer fast schon buddhistischen Freude am Verschwinden vertieft sich der Fotograf in den Ort, an dem er gerade weilt, wenigstens für ein paar Tage. Schwerer werden, leichter sein. Darum geht es.

Fragt man Tommy Olsen, den Mann, der Burkard bei dessen erster Lofoten-Reise aufnahm, sagt er über ihn: „Ein harter Arbeiter, härter als alle anderen. Aber trotzdem ist er sich treu geblieben. Der Ruhm ist ihm nicht so wichtig.“ Auch in der Surferszene sagen sie: Der Chris hat einfach sein Ding gemacht. Und sein Ding hat ihn berühmt gemacht. Olsen steht im Hof des Surfcamps von Unstad, er wachst ein Brett, erzählt dann noch, wie es hier früher einmal ausgesehen hat: ein kleiner Ort, viele alte Leute, wenig Zukunft. Bis Burkard kam. Bis seine Fotos Unstad bekannt machten. Den Strand, das Panora­ma, sein Surfcamp. Jetzt ziehen sogar wieder Jüngere her, auf der Suche nach guten Wellen, ein bisschen Hang Loose und sich selbst. „Der Ort hat Chris verändert“, sagt Olsen nachdenklich, „aber Chris hat auch den Ort verändert.“ Chris Burkard unterscheidet auf seine Weise: „Ein Ort, an dem das Unvorhersehbare passieren kann, ist ein guter Ort. Er lässt dich wachsen, ob du willst oder nicht. Ich will die Leute aus ihrer Komfortzone reißen. Sie sollen erleben wollen, was ich erlebe.“

Ein letzter Sprung noch, dann steht er auf dem Plateau ganz oben am Fløya. Verschwitzt, aber mit breitem Das-wird-schon-Grinsen. Burkard hat es wieder geschafft. Er packt die Rucksäcke aus, baut das Stativ auf, die Sonne versinkt hinter den Bergen.Ihm gegenüber, auf den beiden Gipfelzacken des Svolværgeita, seilen sich zwei Kletterer auf. Und dann schlägt einer der beiden plötzlich ein Rad von einem Zacken zum anderen, über den Abgrund hinweg. Es ist ein Moment, den man nicht planen kann. Ein seltener Moment, ein unwirklicher Moment. Ein Moment, der alles ändern kann. Hier auf den Lofoten.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

 


Ich hätte nicht gedacht, dass ich es derart hoch im kalten Norden jemals so schön finden könnte. Zumindest an dem Tag, an dem die Sonne schien, wäre ich gern geblieben.

Malte Jäger lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. Und er liebt das Wasser. Die Lofoten, wo hinter jeder Kurve ein neues Gewässer wartet, würde er gerne noch einmal bereisen – dann mit seinem Hausboot.

maltejaeger.de