„Man muss hungrig bleiben!“

Anthony Hopkins

Interview

  • INTERVIEW FRANK SIERING

Bald feiert er seinen 80. Geburtstag, doch Anthony Hopkins ist fleißiger denn je. Im Interview spricht er über die Tücken des Ruhms und arrogante Kollegen, die Liebe zur Musik und seine Neugier.

Sir Anthony, was empfinden Sie, wenn man Sie als lebende Legende bezeichnet?

Zuerst fühle ich mich geehrt, und dann sage ich, sie sollen mich gefälligst Tony nennen. Ich bin keine Legende, das ist Blödsinn. Ich hatte einfach nur unglaubliches Glück im Leben.

Es ehrt Sie, dass Sie nach 60 Jahren im Showbusiness so bescheiden sind. Immerhin haben Sie als Hannibal Lecter eine der ikonischsten Kinofiguren aller Zeiten verkörpert …

Okay, Sie haben gewonnen, dann bin ich eben eine Legende. Trotzdem muss ich morgens aufstehen, mir meine Zähne putzen und meine Hose anziehen wie jeder andere Mensch auch. Ruhm ist eine sehr gefährliche Sache. In dem Moment, da man glaubt, man sei etwas Besonderes, ist man schon erledigt.

Sie sind auch mit fast 80 Jahren noch gut beschäftigt. Und Sie scheuen nicht zurück vor modernen Technologie-Franchises wie „Transformers 5“. Macht es Ihnen nichts aus, vor lauter Maschinen und Green Screens zu spielen?

Ach, wir Schauspieler müssen ja nur ein bisschen so tun, als ob. Kein großes Ding. Du lernst deine Zeilen, und dann musst du dich einfach nur trauen. Es hat alles mit Mut zu tun.

Warum arbeiten Sie noch, obwohl Sie es nicht müssten?

Ganz einfach: Es macht mir immer noch Spaß. Und ich mache keinen Blödsinn, wenn ich arbeite. Es hält mein Gehirn aktiv. Ich könnte nicht den ganzen Tag nur herumsitzen und nichts tun. Ich würde sterben, verwelken wie eine Rose ohne Wasser. Wissen Sie, Ende des Jahres werde ich 80 Jahre alt, was für eine erstaunliche Zahl. Und ich finde tatsächlich immer noch Arbeit.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten nach jedem Projekt Angst, nie wieder Arbeit zu finden. Hat sich das gelegt?

Ja, ich bin da jetzt ein bisschen entspannter. Hat aber auch lange genug gedauert. Seien wir ehrlich: Ganz so viele Jahre habe ich ja nicht mehr vor mir.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

„Transformers – The Last Knight“ läuft ab 22. Juni im Kino

© Paramount Pictures

Müssen Schauspieler ein Leben lang hungrig bleiben?

Ja, unbedingt. Der Hunger ist es, der einen vorantreibt, nicht der volle Magen. Wenn man zu entspannt oder gar faul wird, leidet die Performance. Nur wirklich hungrige und ehrgeizige Schauspieler können Großartiges leisten. Und ich habe immer noch den Anspruch, Großartiges leisten zu wollen. Auf der anderen Seite ist es heute, da fast jede Minute unseres Tages durchgeplant ist, noch wichtiger, auch den Moment zu genießen, innezuhalten, durchzuatmen – und nicht allzu hohe Erwartungen zu haben. Ich kann das.

Ist diese Gelassenheit das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Vielleicht. Man wird nicht so stark enttäuscht. Das ist eine ganz einfache Philosophie. Ich habe mich nie beschwert, und ich glaube nicht an Selbstbeweihräucherung und Arroganz. Habe ich nie getan, und damit bin ich immer ganz gut gefahren.

Gibt es heute zu viele arrogante Schauspieler, die zu hohe Ansprüche stellen?

Ja, diesen Eindruck habe ich häufig. Aber dann höre ich mich doch nur wie ein grummeliger alter Mann an – wer will das schon sein?! Ich habe viele tolle junge Kollegen kennengelernt, und einige, die nicht so toll waren, was ihre Einstellung anging.

Was machen Sie, wenn Sie einem solchen arroganten jungen Kollegen begegnen?

Zunächst beobachte ich ihn eine ganze Weile. Ich bin ganz still und sitze in meiner kleinen Ecke. Dann melde ich mich zu Wort. Ich frage den Kollegen, ob er auch gern so behandelt werden möchte, wie er andere behandelt. Das betrifft übrigens nicht nur Schauspielkollegen, sondern die gesamte Crew, die Leute vom Catering, Fahrer, Beleuchter, alle. Jeder Einzelne im Team hat es verdient, anständig, fair und professionell behandelt zu werden.

Sie sind nicht nur Schauspieler. Sie malen und komponieren auch. Was bedeutet Ihnen Musik?

Oh, sehr viel. Ich liebe George Gershwin, Frédéric Chopin, Franz Liszt. Und wenn ich komponiere, spüre ich das Wunder des Lebens, des Glücks. Ich versuche jeden Moment meines Lebens zu genießen, und beim Komponieren habe ich das Gefühl, dass die Zeit langsamer vergeht – ein schönes Gefühl für einen älteren Mann wie mich. Es ist, als würde mir eine innere Stimme sagen, dass alles friedlich und in Ordnung ist.

Jodie Foster und Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“

Legendäres Duell: Jodie Foster und Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“

© ddp

Sie scheinen ein Mensch zu sein, der niemals aufhört zu lernen. Stimmt das?

Ja, so bin ich, und ich habe gute Gründe. So können wir Teile unseres Gehirns benutzen, die wir sonst ignorieren und brachliegen lassen. Viele Menschen beschweren sich, die Dinge seien schwierig, nichts sei mehr einfach. Ich halte das für einen großen Fehler. Ich finde es gut, dass Dinge schwierig sind, dass es nicht zu jedem Problem eine einfache Lösung gibt.

Warum?

Ich bin davon überzeugt, dass man nur dann die wahre Bedeutung von Wissen erkennt, wenn man Dinge immer wieder neu erlernt. Die Wiederholung macht uns wissend. Es sollte nicht zu schnell geschehen. Ist es schwierig, dann ist die Belohnung umso größer. Doch Disziplin ist nicht jedermanns Sache.

Jeder im Team hat es verdient, anständig und professionell behandelt zu werden

Wie eignet man sich diese Art von Disziplin an?

Ich war nie schlau in der Schule. Aber als ich die Schauspielerei entdeckte, habe ich schnell gemerkt, dass Disziplin und Einsatz in diesem Job sehr nützlich sind. Und wenn man es richtig macht, kann man es weit bringen. Harte Arbeit hat mich noch nie abgeschreckt, und das ist auch heute noch so.

Was war die schwierigste Phase in Ihrem Leben?

Ich habe eine Zeitlang sehr viel getrunken. Es hat mich fast umgebracht, aber dann habe ich damit aufgehört. Ich musste lernen, mit Problemen anders fertig zu werden als mit Alkohol.

Wie gehen Sie heute mit Problemen um?

Ich versuche, nicht alles im Leben so ernst zu nehmen. Das macht es etwas leichter. Das liegt auch daran, dass ich in einem Alter bin, in dem man viele gute Freunde verliert. Okay, ich bin noch hier, doch Sterblichkeit ist jetzt eine reale Erfahrung.