„Man muss sich seinen Ängsten stellen”

Ben Stiller

Interview

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Im Kino ist Ben Stiller oft der nette, aber tollpatschige Kerl. Im Interview spricht er über Images und Neid, die Lehren seiner Eltern und Spaß mit alten Freunden

Mr. Stiller, Ihr Image ist das des sympathischen, unbeholfenen Softies. Haben Sie nicht Lust, mal richtig fies zu sein?

Es liegt mir einfach nicht, gemein zu sein, das ist mir zu billig. Ich weiß noch, wie ich mich mal von einem Magazin überreden ließ, ein paar freche Sätze über Fotos von roten Teppichen zu schreiben. Als ich das gedruckt sah, habe ich mich fast geschämt. Was geht es mich an, was irgendein Popstar anhat?

Betrachtet man Ihre Rollen der vergangenen Jahre, nun auch die in „Im Zweifel glücklich“, glaubt man, Sie seien Midlife- Crisis-Experte. Ist das Zufall oder Absicht?

So habe ich das noch nie gesehen. Ich stecke meine Figuren nicht in Schubladen, ich sehe sie als einzelne Personen. An diesem Film hat mich fasziniert, dass er so genau hinsieht, dass er alle Höhen und Tiefen des Lebens auslotet. Brad, meine Figur, hat es versäumt, sich mit ein paar Dingen in seinem Leben auseinanderzusetzen. Das hat Folgen für all seine Beziehungen. Aber hey, ist das schon eine echte Midlife-Crisis? Für mich ist das eher der Beginn einer milden Depression.

Drei Jungs mit drei Streifen: Stiller in „Die Royal Tenenbaums“ (2001)

Drei Jungs mit drei Streifen: Stiller in „Die Royal Tenenbaums“ (2001)

© ddp

Was hat Sie an einer Rolle gereizt, die Sie so ähnlich ja schon häufiger gespielt haben?

Ich fand das Drehbuch smart, witzig und clever strukturiert. Au­ßerdem gehört Mike White zu den gefragtesten Komödienschreibern. Dass er das Drehbuch selbst inszenieren wollte, war ein klarer Hinweis darauf, dass die Geschichte besonders ist.

Brads Sorgen sind aber ziemlich harmlos …

Ich weiß schon, was Sie meinen. Natürlich könnte man sagen, dieser Mann soll sich mal nicht so anstellen. Woran er leidet, sind Erste-Welt-Probleme, Jammern auf hohem Niveau. Aber für ihn sind es trotzdem echte Sorgen. Ich finde, einige von Brads Gedanken lassen sich leicht nachvollziehen.

Welche denn?

Zum Beispiel, dass er sein eigenes Leben ständig mit dem von anderen vergleicht. Das tun doch die meisten von uns täglich.

Sie selbst auch, als erfolgreicher Schauspieler?

Natürlich, immer wieder. Wie könnte ich nicht? Gerade im Filmgeschäft ist es kaum möglich, solche Gedanken abzustellen. Warum spiele ich diese Rolle nicht? Warum hat mein Film nicht so viele Zuschauer? So etwas gehört doch zur menschlichen Natur. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht, wie nah man das an sich heranlässt.

Wenn es echter Neid wird, ist es nicht mehr so lustig, oder?

Sicher, vor allem, wenn man es in sich hineinfrisst. Ich habe ei­nen guten Freund, er ist ein gefragter Regisseur und Filmpro­duzent – und vergleicht sich ständig mit Kollegen. Schimpft auf die „Star Wars“-Filme, weil die so erfolgreich sind – und er noch keinen gedreht hat. Oder er ist sauer, wenn sie Preise gewinnen und seine nicht. Aber er macht das lustig und direkt, er zeigt Gefühle, die sich die anderen nur heimlich eingestehen.

Mal ganz schlicht gefragt: Worauf kommt es denn im Leben an, wenn man glücklich sein will?

Schlicht gefragt? Das ist doch die Frage schlechthin! Ich wünsch­te, ich hätte die Antwort. Mit dieser Frage beschäftigt sich doch jeder Mensch sein ganzes Leben lang, oder? Auf jeden Fall sollte man sich bemühen, sein Leben wirklich zu leben und nicht nur an sich vorbeiziehen zu lassen.

 Man sollte sein Leben wirklich leben, nicht nur an sich vorbeiziehen lassen 

Ben Stiller, Schauspieler

Leicht gesagt, es ist ja nicht jeder seiner selbst stets sicher. Wussten Sie immer, was und wohin Sie wollen?

Nein, natürlich erinnere ich mich an Momente der Unsicherheit. Als Jugendlicher von zu Hause wegzugehen und auf sich allein gestellt zu sein hat mir durchaus ein mulmiges Gefühl bereitet. Doch ich bin diesen Erfahrungen nie ausgewichen. Genau das ist es doch, was Erwachsenwerden bedeutet. Wer sich seinen Ängsten stellt, reift als Persönlichkeit. Gerade angesichts von Schwierigkeiten lernt man viel, auch über sich selbst.

Aber positive Erfahrungen können einen Menschen doch auch verändern, sei es beruflicher Erfolg oder Eltern zu werden …

Ja, klar, es ist die Summe ganz unterschiedlicher Einflüsse, die einen ausmacht. Doch die wichtigste Erfahrung ist immer die, als Kind geliebt und gefördert zu werden. Für meine ­Entwicklung war nichts so wichtig wie die Unterstützung meiner Familie. Mir ist sehr bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit ist, gerade wenn man einen künstlerischen Weg einschlägt.

Was haben Sie von Ihren Eltern gelernt?

Hingabe und Leidenschaft für den Beruf. Und von meiner Mutter vor allem, wie wichtig es ist, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Leute, die das taten, hatten in unserer Familie keine Chance: Meine Eltern haben wichtigtuerischen Bullshit meilenweit gegen den Wind gerochen. Ein anderer Rat war, sich nicht zu ver­biegen, um anderen Leuten zu gefallen.

Lange Zeit haben Sie auch als Regisseur gearbeitet. Zieht es Sie nicht zurück zu diesem Beruf?

Ich wollte Regisseur werden, seit ich zehn Jahre alt war. Die Schauspielerei war mir nicht so wichtig, aber dann gewann sie plötzlich die Oberhand. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn sich das wieder ändert. Keine Angst, ich hänge die Schauspielerei nicht an den Nagel. Nichts ist lächerlicher als Kollegen, die sagen, sie würden in Rente gehen. Da hält sich eh keiner dran!

Wo wir bei Rückblicken sind: Haben Sie noch Freundschaften aus Ihrer Kindheit und Jugend, die Sie pflegen?

Vor rund fünf Jahren wurde das 30-jährige Jubiläum unseres Highschool-Abschlusses gefeiert – und ich bin hingegangen. Da habe ich eine Menge Freunde wiedergetroffen, mit denen ich jetzt wieder regelmäßig Kontakt halte. Vor allem meine alten Band-Kumpel will ich nicht wieder aus den Augen verlieren.

Sie haben in einer Band gespielt?

Oh ja. Sie hieß „Capital Punishment“, und wir haben sogar ein Album aufgenommen. Es hieß „Roadkill“, finanziert von der Mutter unseres Lead-Sängers Chris. Wir waren nicht besonders gut. Aber seit dem Wiedersehen haben wir jetzt ein paar Mal gejammt: Es macht viel Spaß, wieder am Schlagzeug zu sitzen!