„Gleich nach der Schauspielschule war ich arbeitslos!“

Benedict Cumberbatch

Interview

  • INTERVIEW DANIEL SCHIEFERDECKER, PATRICK HEIDMANN

Der Brite spielt mit Vorliebe exzentrische Genies wie den Detektiv Sherlock Holmes oder den Codeknacker Alan Turing in „The Imitation Game“ – und wurde so zum Weltstar. Im Interview spricht der 38-Jährige über die Tränen des Vaters, sein Faible für Hobbits und ein Rendezvouz mit einem Pottwal

Mister Cumberbatch, Sie sind leidenschaftlicher Taucher. Kommen Sie bei Ihrem vollen Terminkalender überhaupt noch dazu?

Stimmt, dafür bleibt wenig Zeit. Aber wenn ich es einrichten kann, steige ich ins Flugzeug und fliege irgendwohin, wo ich tauchen kann. Es gibt nichts, was mich mehr zur Ruhe kommen lässt, als unter Wasser zu sein.

Welches war der schönste Tauchspot, an dem Sie je waren?

In Kuba war es großartig, dort gibt es eine faszinierende Unterwasserwelt. In Mosambik habe ich meinen ersten Nachttauchgang gemacht, auch das war sensationell. Aber Südafrika war der Hammer! Bei meinem allerersten richtigen Tauchgang habe ich dort einen Pottwal samt Kalb gesehen, die zusammen höchstens zehn Meter von mir entfernt schwammen. Das war einer der beeindruckendsten Momente meines Lebens.

Stimmt es, dass Sie beim Reisen immer Übergepäck haben?

Ja, das kriege ich nie auf die Reihe. Ich habe meistens viel zu ­viele Bücher dabei und muss dann happige Aufschläge zahlen.

In den vergangenen Jahren haben Sie eine erstaunliche Karriere hingelegt. Was haben Sie, was anderen fehlt?

Ich weiß nicht, ob es da ein Erfolgsgeheimnis gibt. Ich arbeite einfach hart. Und gern. Und wenn ich mal eine Pause habe, dann versuche ich sie zu nutzen, um wieder Energie zu tanken. Beim Tauchen zum Beispiel.

Erfolgsgeheimnis? „Ich arbeite einfach hart. Und gern.“

Erfolgsgeheimnis? „Ich arbeite einfach hart. Und gern.“

© Matt Holyoak/Camera Press/Picture Press
Cumberbatch mit Ehefrau Sophie Hunter

Cumberbatch mit Ehefrau Sophie Hunter

© Danny Moloshock/Reuters
Als „Sherlock“ wurde der Brite bekannt

Als „Sherlock“ wurde der Brite bekannt

© Robert Viglasky/A.P.L. Allstar Pictrue Library/Bbc/Polyband
Für seine Hauptrolle in „The Imitation Game“ wurde er 2015 für einen Oscar nominiert

Für seine Hauptrolle in „The Imitation Game“ wurde er 2015 für einen Oscar nominiert

© ddp images

Vielleicht sind Sie einfach ein Genie, so wie einige der Männer, die Sie zuletzt gespielt haben …

Das wäre mir neu (lacht). Ich habe verdammt viel Glück gehabt. Deswegen versuche ich auch, das Beste aus den Chancen zu machen, die sich mir bieten. Und dabei eine nach der anderen zu betrachten, nicht alle auf einmal. Ich konzentriere mich ganz auf das Projekt, an dem ich gerade arbeite. Erst danach biege ich um die Ecke und schaue, was als Nächstes kommt.

Gab es eine Ecke, hinter der plötzlich alles anders war?

Nein, das war ein allmählicher Prozess. Natürlich hat „Sherlock“ einiges verändert, weil die Serie einen echten Nerv getroffen hat. Aber auch davor habe ich schon eine ganze Weile regelmäßig gearbeitet und auch tolle Rollen gespielt.

Gibt es Erfahrungen, die Sie gern ein paar Jahre früher gemacht hätten, um souveräner auftreten zu können?

Nein. Ich habe gelernt, dass man sich in diesem Job nicht zu viel Gedanken um Kleinigkeiten machen darf und außerdem über viele Dinge ohnehin keine Kontrolle hat. Aber das habe ich schon gelernt, als ich nach der Schauspielschule erst mal sechs Monate lang keinen einzigen Job bekommen habe.

Sie spielen häufig Charaktere, die ein bisschen anders sind, eigenwillig. Haben Sie sich auch privat schon mal als Außenseiter gefühlt?

Das Gefühl, anders zu sein oder irgendwo nicht hinzugehören, kennt doch jeder. Wenn man auf einer Party herumsteht und nicht weiß, was man da soll. Weil man an seinem Körper Haare entdeckt, wo früher keine waren, oder umgekehrt. Oder weil man sich einbildet, alle um einen herum seien besser, weiter, normaler, erfolgreicher als man selbst. Ich würde solche Erfahrungen aber nicht gleichsetzen mit den Erlebnissen von jemandem, der tatsächlich ausgegrenzt oder verfolgt wird, wie der homosexuelle Mathematiker Alan Turing, den ich in „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ spiele. Aber das ist ein Thema, von dem sich grundsätzlich jeder angesprochen fühlen sollte.

Warum?

Weil das heutzutage wieder gefährlich ist: Fundamentalismus, Ex­tremismus, Nationalismus – ich erschrecke jeden Tag darüber, wohin sich unsere Welt entwickelt. Der IS köpft Menschen, die nicht seinen Glauben teilen, in Russland muss man sein Schwulsein verstecken, und selbst in demokratischen Ländern wie Griechenland werden in Krisenzeiten die zu Sündenböcken gemacht, die anders sind. Angst und Ignoranz sind eine schreckliche Kombination. Als Schauspieler hoffe ich, dass ich ein wenig zeigen kann, wie sich Unterschiede überbrücken lassen, wenn man versucht, einander zu verstehen.

Ihre Eltern sind ebenfalls Schauspieler. Hat Ihnen Ihr Vater tolle Gutenachtgeschichten vorgelesen?

Und ob! Tolkiens „Der Hobbit“ war früh schon eines meiner Lieblingsbücher. Mein Vater war grandios darin, sämtliche Charaktere zum Leben zu erwecken. Ihm habe ich meine Synchronisation in den „Hobbit“-Filmen zu verdanken. Seine Art des Vorlesens hat mir gezeigt, wie viel Kraft in Worten steckt und wie man mit Buchstaben ganze Fantasiewelten zum Leben erwecken kann.

Das Gefühl, anders zu sein, irgendwo nicht hinzugehören, kennt jeder

Wie hat Ihr Vater reagiert, als er erfuhr, dass Sie beim „Hobbit“ dabei sind?

Er hat sich wahnsinnig darüber gefreut, meinte dann aber: ­„Warum haben die eigentlich nicht mich gefragt?“ (lacht)­

Gibt es eine Rolle, mit der Sie Ihre Eltern besonders beeindruckt haben?

Die beiden sind generell ungeheuer stolz auf mich. Ihnen habe ich alles zu verdanken. Sie haben mich als Kind mit Liebe überhäuft und mich bei allem unterstützt, was mir wichtig war, wirklich immer.

Das klingt nach einem tollen Verhältnis.

Es gibt eine Geschichte von mir und meinem Dad, als ich noch zur Uni gegangen bin. Ich spielte den Mozart-Widersacher ­Salieri in einer Theaterinszenierung von „Amadeus“, und als wir nach der Aufführung im Auto saßen, sagte mein Vater zu mir: „Junge, du bist besser, als ich es je war und jemals sein werde. Wenn du das beruflich machst, hast du eine große Karriere vor dir.“

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben beide angefangen zu weinen und uns gegenseitig in den Arm genommen. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens – neben dem Erlebnis mit den Pottwalen.