„Jimi Hendrix ist mein Vorbild!”

Christian Bale

Interview

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Kinderstar, Held mit Fledermausohren, schließlich Gauner und Agent: Christian Bale ist ein Könner der Verwandlung. Im Interview spricht er über zwei Oscars, Selbstzweifel und Lehren aus der Geschichte

Mr. Bale, Ihre ersten Kino-Hauptrollen liegen 30 Jahre zurück. Hätten Sie als Zwölfjähriger damit gerechnet, heute immer noch vor der Kamera zu stehen?

Niemals! Ich habe jeden Film, jede Reise, jede Party in dem Glauben genossen, es sei das letzte Mal. Ich hatte Spaß, mein Leben war zeitweilig wie ein großer Disneyland-Ausflug. Aber ich habe damals nicht viel an die Zukunft gedacht. Mein Vater hat mir stets geraten, nicht zu viele Pläne zu machen, weil sowieso alles anders kommt. Und ich war ein Kind! Da weiß doch kein Mensch, was er für den Rest des Lebens machen will.

Wann kam der Punkt, an dem Sie es wussten?

Gute Frage. Letztes Jahr mal kurz. Als ich Anfang 20 war. Immer wieder als Teenager. Und mit Sicherheit auch wieder in der Zukunft. Andauernd. Aber so erfüllend und befriedigend die Schauspielerei sein kann, birgt sie ja auch Enttäuschungen. Deswegen stecke ich auch immer mal wieder in der Krise.

Gibt einem ein Oscar-Gewinn nicht mehr Sicherheit?

Na klar, es ist eine wunderbare Erfahrung. Aber man muss die richtige Perspektive bewahren und aufpassen, wie man mit diesem Award-Trubel umgeht. Ist man zu ehrgeizig, vergisst man, dass es gar keinen Wettbewerb zwischen Filmemachern geben sollte. Nichts ist schlimmer als Künstler, die sich gegenseitig das Wasser abgraben statt einander zu unterstützen.

Christian Bale in The Dark Knight Rises

Abschied vom Heldentum: Bale in „The Dark Knight Rises” (2012)

© ddp

Ihr neuer Film „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ handelt vom Untergang des Osmanischen Reiches Anfang des 20. Jahrhunderts und von der blutigen Vertreibung des armenischen Volkes. Waren Sie mit diesem dunklen Kapitel der Menschheitsgeschichte vertraut?

Nein, ich wusste rein gar nichts. Auch hatte niemand, mit dem ich vor dem Dreh sprach, in der Schule oder sonst irgendwo etwas darüber gelernt. Als ich das Drehbuch las, jährten sich diese Gräuel zum 100. Mal. Plötzlich fingen Politiker auf der ganzen Welt endlich an, über die Ereignisse von damals zu sprechen. Und sie haben eine Bedeutung für die Gegenwart, denken Sie nur an die Tausende Jesiden, die im Nordirak von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ getötet wurden. Die Ähnlichkeiten zu dem, was ich im Drehbuch zu „The Promise“ über das Schicksal der Armenier las, waren erschütternd. Es ist fürchterlich, wie sich Geschichte immer aufs Neue wiederholt. Wenn ein Film auch nur ein bisschen dazu beitragen kann, dass wir als Menschheit dazulernen, ist schon viel gewonnen.

Bei allem Grauen erzählt der Film auch eine Dreiecks­geschichte. Sie und Oscar Isaac lieben dieselbe Frau …

Ehrlich, ich war unsicher, warum es Regisseur und Drehbuchautor Terry George so wichtig war, beides zu verbinden. Doch Terry erklärte mir, gerade bei einem so wenig bekannten Kapitel unserer Geschichte müsse man versuchen, ein möglichst breites und vor allem junges Publikum zu gewinnen.

Sind die Unterschiede zwischen Ihnen und Oscar Isaac in der Realität ebenso groß wie im Film?

Oscar ist toll und einer der besten Schauspieler seiner Gene­ration. Der Unterschied zu mir: Er ist ein echter Schauspieler, und ich bin das – ohne alle Koketterie – irgendwie nicht.

Wie meinen Sie das denn?

Ich kann Ihnen etwas darüber erzählen, wie ich Rollen spiele. Aber über die Schauspielerei, als Handwerk und als Kunstform, weiß ich nicht viel. Deswegen bin ich – anders als Oscar und viele Kollegen – beim Dreh auch nicht sehr gesellig.

Ein Amateur und Einzelgänger? Das müssen Sie erklären …

Für mich ist Schauspielerei etwas, das ich aus dem Bauch he­raus mache. Ich verfüge über keine Technik, die es mir erlaubt, von einer Sekunde auf die nächste umzuschalten und zurück in der Rolle zu sein. Also ziehe ich mich während der Arbeit meist zurück, das sorgt für eine gewisse Distanz zu den Kollegen und der Crew. Doch wenn ich die zu gut kennenlerne, will ich mich mit ihnen amüsieren und könnte mich nicht mehr da­rauf konzentrieren, vor der Kamera jemand anderes zu sein.

Christian Bale privat

Lässig, lustig, engagiert für Greenpeace und WWF: Christian Bale privat

© Peggy Sirota/Trunk Archive

Privat sind Sie nicht ganz so kontaktscheu?

Es gibt sicher größere Eigenbrötler. Aber ich fühle mich häufig wohler in der Gesellschaft von Kindern und Tieren als zwischen lauter smarten Erwachsenen. Das Gefühl, etwas Intelligentes zum Gespräch beitragen zu müssen, setzt mich unter Druck.

Mein Vater hat mir geraten, nicht zu viele Pläne zu machen, weil sowieso alles anders kommt.

Ansonsten scheinen Sie Druck gut aushalten zu können. Nur wenige Schauspieler überschreiten für ihre Rollen so radikal psychische und körperliche Grenzen. Ist das ein Spleen?

Für mich war Jimi Hendrix ein Vorbild. Den habe ich als Kind, vermutlich im Fernsehen, Gitarre spielen sehen – ich war wie vom Donner gerührt. Wie er aussah! Das wollte ich auch einmal im Leben fühlen. Dieser völlig selbstvergessene Gesichtsausdruck, diese Ekstase, die schon blutig gespielten Finger! Daran wollte ich in meinem Beruf wenigstens ansatzweise herankommen. Und das geht nicht ohne Hingabe und Opfer.

Eine Frage noch zu Ihrer „Batman“-Vergangenheit: Werden wir Sie jemals wieder in einem Superhelden-Film sehen?

Nein, damit bin ich durch. Ich bin sehr stolz auf die drei „Batman“-Filme, die ich mit Christopher Nolan gedreht habe. Wenn man schon Comic-Verfilmungen dreht, sollte man die besten drehen. Das ist uns gelungen. Aber Chris hat immer gesagt, dass es bei drei Filmen bleiben soll, und ich finde das auch. Kurz: Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, dass Sie mich je wieder in einem Superhelden-Kostüm sehen werden.