„Bloß niemals stehenbleiben!“

Meryl Streep

Interview

  • INTERVIEW FRANK SIERING

Hollywoods große Dame, kein bisschen müde: Meryl Streep spricht über ihre Vorbildfunktion, Methoden einer „Tiger Mom“ und ihre Liebe zu Geschenkkörben

Ms. Streep, ganz ehrlich, haben Sie nicht manchmal das Gefühl, dass Sie unfair sind?

Unfair? Das höre ich zum ersten Mal. Um Himmels willen, das möchte ich bestimmt nicht sein. Was meinen Sie denn damit?

Jede Schauspielerin in Hollywood weiß, dass sie keine Chance auf eine Rolle hat, wenn Sie sich auch dafür interessieren. Sie zählen nach wie vor zu den begehrtesten Stars der Welt …

Oh, wie nett von Ihnen, auch wenn das ­sicher etwas übertrieben ist. Ich kann mich zwar nicht beschweren, wenn es um Jobangebote geht, aber es gibt so viele tolle Frauen da draußen, die hervorra­gende Arbeit leisten, da nehme ich mit Sicherheit niemandem den Job weg.

Gibt es denn genug gute Rollen für Frauen in Hollywood, in allen Altersgruppen?

Das ist sicherlich noch immer ein Pro­blem. Es wird langsam besser, aber es ist noch längst nicht gut genug. Holly­wood ist weiterhin eine Industrie, die von Männern dominiert wird. Und die Rollen für Frauen sind oft noch limitiert: die sexy Freundin, die Mutter oder die Geliebte.

Zuletzt haben wir Sie als verhinderte Operndiva Florence Foster Jenkins im Kino gesehen, im kommenden Jahr werden Sie uns Ihre Variante der Mary Poppins zeigen. Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?

Nun, welches große Kind – und zu denen zähle ich mich noch heute – hat sich nicht irgendwann in Mary Poppins verliebt? Es ist einfach: Ich wähle aus, was mich anspricht, was mich sofort begeistert.

Meryl Streep mit Robert De Niro in „Die durch die Hölle gehen“

Schönes Filmpaar: Streep mit Robert De Niro in „Die durch die Hölle gehen“ (1978)

© ddp

Sie sind nicht bloß Star, sondern auch eine arbeitende Mutter. Heute sind Ihre vier Kinder erwachsen, aber wie haben Sie es geschafft, die Balance zwischen Arbeit und Familie zu finden?

Das Wichtigste ist Teamwork. Mein Mann Don Gummer war und ist ein entscheidender Faktor. Er ist auch etwas entspannter, wenn es um Familienangelegenheiten geht, ich bin eher die „Tiger Mom“.

Was meinen Sie damit?

Ein Beispiel: Als mein Sohn Henry klein war, wollte er Klavier spielen, aber die Lehrer, die wir anheuerten, waren nicht gut. So verlor er schnell die Lust. Ich habe gesagt, er muss weiter Unterricht nehmen. Mein Mann meinte, ich würde ihm meinen Traum aufzwingen. Aber ich wusste, wir sollten weitermachen. Heute ist mein Sohn 37 Jahre alt und Musiker. Tiger-Mom Meryl hatte also recht!

Das Wichtigste in einer Familie ist Teamwork

Was war am schwersten, als Sie Ihre Kinder großgezogen haben?

Man vergisst manchmal, dass sie älter werden. Man behandelt eine 14-Jährige wie eine 10-Jährige, rein aus Gewohnheit. Und das findet der Teenager natürlich ganz schrecklich. Dann treten, nun, sagen wir, Kommunikationsprobleme auf, die man lösen muss. Das war nicht immer leicht. Und man beschützt seine Kinder manchmal auch ein bisschen zu sehr. Kinder müssen lernen, aus dem Nest zu fallen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Planen Sie ständig Ihre Zukunft?

Früher habe ich schon darüber nachgedacht, was mal aus mir wird, wohin mich meine Reise führt. Aber heute, da ich älter bin, lasse ich mich gern mal treiben. Ich glaube, das ist ganz normal.

Sie strahlen nichts Divenhaftes aus, wirken fast unheimlich geerdet – macht Ihnen das Glamourleben keinen Spaß?

Es stimmt, mein Alltag ist furchtbar normal. Die meiste Zeit bin ich gar nicht in Hollywood. Und wenn ich dort bin, ist es für mich oft immer noch großes Kino, unwirklich, Traumfabrik eben. Ich freue mich sehr, wenn ich zu Preisverleihungen eingeladen werde und einen Geschenkkorb überreicht bekomme.

Schauen Sie sich diese Geschenkkörbe wirklich an?

Aber selbstverständlich. Da sind oft so viele tolle Produkte drin, die ich tatsächlich benutze. Viele Beauty-Produkte würde ich mir niemals kaufen, weil die viel zu teuer sind, aber einem geschenkten Gaul … die Cremes sind herrlich!

Meryl Streep bei der Oscarverleihung

Goldjunge für die „Eiserne Lady“: Streep gewann ihren dritten Oscar für ihre Darstellung der Margaret Thatcher

© InterTopics

Wenn Sie auf Ihre, Pardon, fast 40-jährige Karriere blicken, wie ist Ihr Fazit? Haben Sie alles richtig gemacht?

Jeder macht Fehler, hoffentlich keine allzu großen, aber die gehören dazu, sie sind sogar nützlich, wenn man daraus lernt. Ich habe ein tolles Leben und weiß, dass ich mich als sehr glücklich betrachten darf. Im Großen und Ganzen würde ich wohl alles wieder so machen.

Wenn junge Schauspielerinnen gefragt werden, wer ihnen als Vorbild dient, fällt sehr häufig Ihr Name. Ist Ihnen diese Bedeutung bewusst?

Ja, sicher, und es fühlt sich gut an. Aber ich bezweifle, dass ich eine konkrete Hilfe sein kann. Man weiß nie, wie steinig der eigene Weg sein wird, das Leben ist eine Abfolge von neuen Herausforderungen. Entscheidend ist, immer weiterzugehen, bloß niemals stehenzubleiben.

Können Sie sich selbst im Ruhestand vorstellen?

Ich könnte jetzt, mit 67 Jahren, tatsächlich meine Rente beantragen. Und ich versuche auch etwas kürzerzutreten. Aber die Kinder sind alle aus dem Haus, die Drehbücher kommen nach wie vor. Und ich lese halt sehr gern …

Am Bildschirm oder auf Papier?

Sie kommen meist auf Papier. Aber ich weiß, was Sie meinen. Es ist schon unglaublich, wie sehr uns das Internet heute beeinflusst. Ich gestehe, ich bin eine Frau der alten Schule, ich bin mit Büchern und Landkarten groß geworden. Aber ich glaube, dass die Zukunft in Bezug auf Technologie auch viele positive Veränderungen bringt. Die Welt ist kleiner geworden, wir können anderen schneller helfen, unsere einst kleine Gemeinde ist globaler – das finde ich schön.

Sind Sie ständig connected, oder nabeln Sie sich auch mal ab?

Oh, ich bin oft offline, das halte ich für sehr wichtig. Ich verbringe viel Zeit in meinem Garten zwischen meinem Gemüse und meinen Rosen. Und wie multikommunikativ die Zukunft auch sein wird: Ich brauche keine Google-­Brille auf der Nase, wenn ich die Läuse von meinen Rosen entferne!