„So viel Adrenalin“

Elīna Garanča

Interview

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE

Die Lettin Elīna Garanča ist die ­erfolgreichste Mezzosopranistin unserer Zeit, ein Weltstar der Oper. Hier spricht die Sängerin über Zaubermomente auf der Bühne und das Ablaufdatum für Diven.

Frau Garanča, Ihre Töchter sind jetzt fünf und drei Jahre alt. Wer ist eigentlich die größte Diva bei Ihnen zu Hause?

Mein Mann! Er ist ja der einzige Mann im Haus, selbst unsere Katze Carmencita ist ein Mädchen. Aber wir verwöhnen ihn, so viel es nur geht.

Welche Rolle ist schwieriger: Opern-Weltstar oder Mutter?

Wenn eine Vorstellung mal nicht so gut läuft, probt man halt, bis es sitzt. Für Mütter gibt es keine Probezeit – man muss immer sofort improvisieren. Ständig renne ich irgendwo hinterher, bin immer zu spät! Wir haben das bei uns so ausgemacht, dass zunächst mein Mann etwas kürzertritt. Dirigenten können ja bis ins hohe Alter arbeiten. Als Sänger hat man aber ein Ablauf­datum. Die Blütezeit für Frauenstimmen liegt zwischen 40 und 50 Jahren – da stehe ich gerade am Anfang.

Hat sich Ihre Stimme auch durch die beiden Schwangerschaften verändert?

Sie ist runder, weiblicher, reifer geworden. Jetzt muss ich aber lernen, mit dieser Reife umzugehen. Es ist wie ein Fluss, der über die Ufer tritt: Auf einmal muss wieder gesteuert werden.

Gesang ist wie Hochleistungssport. So viel hartes Training – und doch ist man dem Körper ein Stück weit ausgeliefert …

Auch wir Sänger arbeiten natürlich mit Lehrern, Coaches, Stimmtechnikern, manchmal auch mit Ärzten. Aber heute zum Beispiel bin ich einfach müde. Gestern Abend hatte ich Vorstellung – so viel Adrenalin, das ist wie ein Marathon!

Elina Garanca als „Carmen“ am Teatro alla Scala, Mailand 2015

Als „Carmen“ am Teatro alla Scala, Mailand 2015

© Teatro alla Scala / Marco Brescia & Rudi Amisano

Dazu kommt das viele Reisen …

Ich bin ein Wanderer. Wenn ich länger an einem Ort bin, langweile ich mich schnell, spätestens nach einem halben Jahr muss ich einfach wieder irgendwohin. Meine Familie hat sich daran gewöhnt. Ich kann nichts daran ändern.

Vermissen Sie Ihre lettische Heimat?

Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich zurück, vor allem im Mai, wenn dort das reinste Flieder-Paradies erblüht. Aber ich könnte dort nicht für immer leben. Meine Sehnsucht nach der Heimat kann ich auch an einem Abend erfüllen, mit einem Glas Wein. Am nächsten Morgen bin ich dann vielleicht wieder weg. Heute kommt übrigens mein Vater zu Besuch, er bringt
mir ein Stück von dem dunklen Roggenbrot mit, das so typisch ist für Lettland.

Sie lebten dort teilweise ein recht bäuerliches Leben …

Die eine Oma war für unsere vier Pferde verantwortlich, die andere für die Schafe, Hühner, Ziegen, Schweine und Kühe. Zu Sowjetzeiten, als es nichts zu kaufen gab, hat uns das
durch den Winter gebracht. Ich lernte früh Reiten und Schlachten – und dass man für harte Arbeit belohnt wird.

Für die „Carmen“ 2009 in New York sind Sie jeden Morgen neun Kilometer gelaufen, monatelang. Warum?

Ich wollte so flexibel sein, dass ich auf der Bühne nicht über meinen Körper nachdenken muss. Carmen singt und tanzt gleichzeitig – da braucht es eine gewisse Ausdauer. Bei der ersten Probe dachte ich, ich werde ohnmächtig! Am Ende war es wie eine Sucht. Mein Körper verlangte danach, zu laufen.

Mir geht es um diesen einen Moment, wenn alle miteinander verbunden sind

Haben Sie diese Disziplin Ihrer Kindheit zu verdanken?

Eine gewisse Zielstrebigkeit kommt wahrscheinlich aus dieser Zeit, ja, aber es ist auch mein Charakter. Ich fühle mich unsicher, wenn ich nicht weiß, wie, was, wann, warum und wieso. Ich brauche eine gewisse Logik. Erst diese Sicherheit lässt mich frei sein.

An der Oper werden oft dieselben Stücke gespielt. Fühlen Sie sich manchmal wie eine Schlagersängerin, die ihre größten Hits zum tausendsten Mal singt?

(lacht) In diese Sackgasse gerät man schon deshalb nicht, weil jeder Auftritt vollen Körpereinsatz verlangt. Außerdem wechseln ja die Musiker, Dirigenten und Sängerkollegen – wir reagieren aufeinander, deshalb ist jeder Abend anders.

Elina Garanca und Roberto Devereux
© Metropolitan Opera / Ken Howard

Auch das Publikum ist immer anders …

Ja, diesen langen, stehenden Applaus wie in München erlebt man in London selten. In Hamburg gibt es dieses Fußstampfen. In Baden-Baden springen die Leute schon bei der ersten Zugabe enthusiastisch auf, in Wien eher nicht …

Was bedeutet Ihnen der Applaus?

Ich bin sehr dankbar, aber ich bewerte den Abend nicht danach. Mir geht es um diesen einen besonderen Moment, wenn alle miteinander verbunden sind – jede Faser, von der Bühne bis in den Zuschauerraum. Keiner denkt dann an etwas anderes. Niemand hustet oder flüstert, keiner schaut aufs Telefon. Das macht mich glücklich. Das ist meine Belohnung.

Gibt es noch Abende, an denen dieser Moment ausbleibt?

(überlegt) Selten. Es kommt vor, dass man ihn am Ende gerade noch erwischt. Oder man denkt, man hat’s erwischt, aber dann vielleicht doch nicht … Das Rezept für einen erfolgreichen Abend ist ein Mysterium – aber das ist ja das Schöne daran.

Strebt man als Sänger nicht danach, solche Ungewissheiten auszuschalten?

Sänger, die volle Kontrolle wollen, sind im falschen Beruf. Der Ausdruck mit der Stimme ist ja nicht einfach nur ein Kraftakt, er ist vor allem ein emotionaler Akt. Wenn ich auf der Bühne stehe, will ich mich so frei fühlen, dass ich die Emotion durch mich hindurchgehen lassen kann.

Das klingt, bei aller Disziplin, fast nach Hingabe …

Ja, klar!

Kommt es oft vor, dass Sie auf der Bühne die Kontrolle verlieren?

Das sind die Zaubermomente – wenn man vergisst, dass man spielt. Wenn etwas aus dir herausströmt und du gar nicht mehr genau weißt, warum eigentlich. Wie im Science-Fiction-Film, wenn ein Lichtstrahl vom Ufo kommt, und dieser Strahl erfasst dich vom Kopf nach unten, vom Fuß nach oben … so bwwwwhh! Dann spürt man: Es ist etwas aufgegangen.


Im Video:

Elīna Garanča singt Mascagnis “Voi lo sapete, o mamma” (Cavalleria Rusticana)

 

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite