Der Weise von Brooklyn

Paul Auster

Interview

  • TEXT HARALD BRAUN
  • FOTOS DUSTIN AKSLAND

Paul Auster wird in diesem Monat 70 Jahre alt, gerade erschien „4321“, der neue Roman des Schriftstellers und Filmregisseurs. Ein Treffen in New York, ein Gespräch über Donald Trump, Angst, Glück und die Macht des Zufalls

Park Slope, Brooklyn, New York. Hier lebt die gutsituierte Mittelschicht New Yorks, hier lebt auch Paul Auster mit seiner Frau Siri Hustvedt, ebenfalls Autorin, ebenfalls preisgekrönt und international erfolgreich. Das Brownstone-Haus, in dem die beiden auf vier Ebenen residieren: hübsch, aber nicht überkandidelt. Ein schlichter goldener Klingelknopf an der Tür, kein Name. Auch Schriftstellern kann es passieren, dass plötzlich Fans vor der Tür stehen und über das letzte Buch plaudern wollen. Ist alles schon vorgekommen, bestätigt der Hausherr, als er die Tür öffnet. Ganz in Schwarz gekleidet ist er, in aufgeräumter Stimmung. Auster hat erst vor Kurzem seinen Roman „4321“ beendet, mehr als 1000 Seiten dick, drei Jahre lang hat er daran gearbeitet. Er erzählt die Lebensgeschichte von Archibald Ferguson, der als Spross jüdischer Einwanderer im Großraum New York aufwächst. Doch erzählt Auster diese Geschichte nicht rein linear, sondern gleich viermal, jeweils mit unterschiedlichem Verlauf. Er lässt sich ächzend auf einem schmalen Le­der­sessel nieder und verzieht das Gesicht. Auster hat Rückenschmerzen. Liegt es an der politischen Großwetterlage? Einst hat er an der Columbia University gegen den Vietnam-­Krieg agitiert, er hat politisch immer wieder Haltung gezeigt, vorwiegend linke. Und nun Donald Trump als Präsident. Eine Wahl, die im Hause Auster/­Hustvedt noch längst nicht verdaut ist.

Paul Austers Wohnhaus in Brooklyn

Austers Wohnhaus in Brooklyn

© Dustin Aksland
US-Schriftsteller Paul Auster in jungen Jahren

Nach seinem Studium lebte der Autor für einige Jahre in Frankreich

© action press
Paul Austers Schreibmaschine, eine Olympia

Treue Gefährtin: Eine Olympia-Schreibmaschine, 1974 für 40 Dollar erstanden

© Dustin Aksland

Mister Auster, Sie scheinen nicht begeistert zu sein vom neuen US-Präsidenten …

Ich bin wütend, verwirrt, entsetzt über das, was wir getan haben. Uns stehen schwierige Jahre bevor, und das betrifft nicht nur Amerika, das betrifft die ganze Welt. Ich kann nur hoffen, dass er ziemlich schnell etwas so Schreckliches macht, dass man ihn wieder aus dem Amt hinausdrängt.

Es gibt in Europa die leise Hoffnung, das er sich zukünftig etwas präsidialer verhält …

Trump? Niemals. Er ist skrupellos, rücksichtslos. Es gibt da diese kleine Episode, die viel über seinen Charakter aussagt: Er hat mal als Schirmherr eines Golfturniers großmäulig eine Million Dollar ausgelobt für den Spieler, der es schafft, den Ball mit dem ersten Versuch ins Loch zu schlagen. Das ist dann wirklich jemandem gelungen. Trump hat sich und den Mann feiern lassen, ein paar Tage später hat der Gewinner dann Post von Trumps Anwalt erhalten: Man könne den Gewinn leider nicht auszahlen, der Ball habe nicht weit genug vom Loch weg gelegen. So ist Trump, widerlich.

Werden Sie künftig kämpferischer sein, werden sich Ihre Stoffe verändern?

Das weiß ich noch nicht genau. Sicher ist, dass sich mein Leben verändern wird. Das ganze gesellschaftliche Klima in diesem Land wird sich verändern. Trump macht mir ganz persönlich Angst. Was es genau sein wird, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass ich etwas tun muss. Ich befinde mich noch in einer Art Schockstarre, ich brauche noch etwas Zeit. Wir wissen nicht, was geschieht, aber sagen wir so: Ich bin auf das Schlimmste vorbereitet.

Schriftsteller Paul Auster in seinem Haus in New York

Paul Auster in seinem Haus in New York

© Dustin Aksland

Der Fotograf ist so weit und unterbricht. Auster seufzt, fügt sich aber. 15 Minuten müssten reichen, hat er uns vorher wissen lassen. Er setzt sich in die Ecke vor ein Regal, der Fotograf will ihn stehend, Auster schüttelt freundlich den Kopf. Zu müde. Der Rücken. Mit ironischem Lächeln kommentiert er die Versuche des Fotografen, ihn zu ein paar Posen zu bewegen, er hockt einfach weiter da, mit geheimnisvollen Augen und einer leicht melancholischen Aura. Das Fotografieren dauert, wir ziehen durch das Haus, das er uns bereitwillig zeigt. In einem Zimmer stapeln sich Bücher und DVDs, ein großer Stapel mit verschiedenen Jahresausgaben von „Who is Who in Baseball“ hat einen Ehrenplatz auf einer Anrichte. Bilder von ihm, seiner Frau und seiner Tochter Sophie hängen an den wenigen freien Wandplätzen. Bevor wir auch noch sein dunkles, fensterloses Kabuff von einem Arbeitszimmer im Souterrain fotografieren, begrüßt uns Siri ­Hustvedt freundlich, eine hochaufgeschossene, blonde, ein wenig blasse Frau. Sie wechselt einen kurzen Blick mit ihrem Gatten, fragend, aber auch ein wenig amüsiert, à la „Dauert das hier noch lange, du Armer?“ Sophie Auster, erfolgreich als Musikerin, hat kürzlich gesagt, sie bewundere ihre Eltern dafür, wie sie ihre Beziehung 30 Jahre lang lebendig und liebevoll gestaltet hätten, und dass sie ein wenig Angst davor habe, selbst nie solch eine Lebensliebe zu finden.


 

Portätfotografie des Schriftstellers Paul Auster

Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist Paul Austers neuer Roman „4321“ erschienen

© Dustin Aksland

 

Sie haben in Ihrem neuen Roman beschrieben, welch existenzielle Auswirkungen der Zufall und auch vermeintlich nebensächliche Entscheidungen auf das Leben eines Menschen haben können …

Ich habe diese „Was wäre, wenn“-Frage einfach mal weitergesponnen. Das ist ja die Frage, mit der sich jeder Romanautor beschäftigt, sie ist das Herz seines dramatischen Schaffens. In meinem Buch beschreibe ich die vier parallelen Pfade, die diese Person hätte einschlagen können, wenn sie bestimmte Entscheidungen getroffen hätte. Das war faszinierend.

Ein ambitioniertes Projekt. War Ihnen das von Anfang an klar?

Stimmt, das Buch ist ein Elefant. Aber ich hoffe, ein sprintender Elefant … Dabei habe ich mich sogar zurückgehalten. Sonst wären es 3000 Seiten geworden.

Ich fühle mich nie gut mit einem fertigen Buch

Solch ein Buch schreibt man wohl kaum, ohne über die Weichenstellungen in seinem eigenen Leben nachzudenken. Was wäre Ihnen geschehen, wenn Sie etwa Baseball-Profi geworden wären oder sich entschlossen hätten, nicht zu dieser schicksalhaften Lesung zu gehen …

… auf der ich meine Frau, die Liebe meines Lebens, kennengelernt habe. Ein beängstigender Gedanke! Es zeigt einem, wie willkürlich alles ist. Ich gehe zu dieser Lesung und erwarte nichts, und dann treffe ich dort die Frau, mit der ich jetzt schon mehr als 30 Jahre zusammenlebe, das ist schon erstaunlich. Natürlich sind meine Erfahrungen in der einen oder anderen Weise auch ins Buch eingeflossen. Ich erinnere mich, dass ein Freund von mir in einem Sommercamp vom Blitz getroffen wurde und starb, er stand ganz nah neben mir. Natürlich denkt man, das hätte auch mich treffen können. Das war eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.


 

Buchcover: Paul Austers Die New-York-Trilogie

Die New-York-Trilogie

(1985-1987)

Experimentelle Kriminalstorys rund um Austers zentrale Themen: Identität und Irrtum, Texte und Täuschungen.

Buchcover: Paul Austers Leviathan

Leviathan

(1992)

Die Mühen des Autors, Wunder, Leichen und Verwechslungen: Austers zartbittere Hymne auf den amerikanischen Traum.

Buchcover: Paul Austers 4321

4321

(2017)

Vier Variationen eines Lebens: ein virtuoses Gedankenspiel um Risiken und Nebenwirkungen verpasster Chancen.


 

Sie haben bekannt, dass Sie es mit Samuel Beckett halten: Schreiben bedeutet zu versagen. Als Schriftsteller könne man stets nur versuchen, beim nächsten Mal besser zu versagen …

Stimmt, ich fühle mich nie gut mit einem fertigen Buch, bin nie zufrieden, auch mit „4321“ nicht. Aber ich habe mein Bestes gegeben.

Lesen Sie die Kritiken?

Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass es besser ist, sich davon frei zu machen. Als ich jünger war, habe ich alles gelesen, jedes kleine Stück. Dabei habe ich herausgefunden: Wenn ich gelobt wurde, habe ich mich für ein, zwei Minuten gut gefühlt, aber es hat mir nichts bedeutet. Doch wenn jemand auf mich eingedroschen hat, war ich sehr getroffen. Ich bin viel mehr gelobt als verrissen worden, aber schmerzhaft spürbar waren nur die wenigen scheußlichen Kritiken.

Vor zehn Jahren haben Sie Ihren letzten Film inszeniert, „The Inner Life of Martin Frost“. Geht es vielleicht mit einem Film statt eines Buchs weiter?

Wenn ich jünger und das Filmbusiness nicht so schrecklich wäre, dann würde ich darüber nachdenken. Ich habe es wirklich geliebt, Filme zu machen. Alles daran interessiert mich, wirklich alles. Drehbuchschreiben, die Arbeit mit den Schauspielern, selbst der Schnitt. Nur das Filmgeschäft drumherum, das ist furchtbar, das tue ich mir nicht mehr an.

Schauen Sie sich überhaupt noch aktuelle Filme im Kino an?

Filme selten, TV-Serien hin und ­wieder – aber, mal ganz ehrlich, meistens bringe ich nicht die Energie auf, diesen Serien zu folgen. Wissen Sie was? Siri und ich mögen alte Detektivfilme und diese BBC-Serie, „Foyles War“, die war richtig gut. Jede Folge war so lang wie ein Kinofilm, die Handlung spielte während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien – sehr stark. Und ich schaue Baseball im Fernsehen. Ich interessiere mich seit frühester Kindheit fanatisch für Baseball. Ich gucke so viel es geht.

Auch mal live im Stadion?

Zwei-, dreimal im Jahr. Mein Team sind die New York Mets, traditionell ein schreckliches und erfolgloses Team, aber seit zwei Jahren sind sie besser. Baseball ist sehr komplex, man muss eine Menge über das Spiel wissen, um es schätzen zu können. Aber was erzähle ich Ihnen? Ich habe schon so oft versucht, Europäern die Magie des Spiels zu erklären, aber es ist hoffnungslos. Ihr versteht es nicht.

Wie ist es umgekehrt? Verstehen Sie etwas vom Fußball?

Soccer? Sterbenslangweilig!


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

Titel Lufthansa Exclusive Februar 2017

„Das Schreibzimmer von Paul Auster hatte ich mir etwas glamouröser vorgestellt. Der Mann hockt in einem Kabuff im Keller seines Hauses, vor sich eine alte Olympia-Schreibmaschine.“

Autor Harald Braun, arbeitet für Magazine und Zeitungen, schreibt zudem Sachbücher und Romane. Zehn Jahre vor seinem Besuch bei Paul Auster hatter er ganz in der Nähe den Schriftsteller Jonathan Safran Foer getroffen – in einem nahezu identischen Brownstone-Haus.

haraldbraun.com