„Aus Niederlagen lernt man mehr“

Sami Khedira

Interview

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  • INTERVIEW LUKAS SCHACHNER

Stuttgart, Madrid, Turin: Sami Khedira spielt sich durch ­Europa. Im Interview spricht der deutsche Fußballstar über Heimat, ­Werte, Motivation

Herr Khedira, in Turin, wo Sie seit Sommer 2015 für Juventus spielen, haben Sie rasch den Spitznamen „il tedesco“ verpasst bekommen. Was heißt es für Sie, „der Deutsche“ zu sein?

Das bezieht sich auf meine Spielweise. Ich spiele geradlinig und zielstrebig, ich bin mir auf dem Platz für nichts zu schade. Und das wissen die Italiener zu schätzen. Fußball ist nicht immer nur filigran und spektakulär. Es ist auch Ordnung, Disziplin und Arbeit. Diese Tugenden werden häufig den Deutschen zugeschrieben. Trotzdem muss ich manchmal darüber lachen.

Warum das?

Diese Werte hat mir besonders mein Vater immer vorgelebt, und der ist Tunesier. Pünktlichkeit, Disziplin, Wille, Ernsthaftig­keit, all das war ihm immer sehr wichtig. Er ist aus Tunesien nach Deutschland gekommen, hat sich auf eine andere Kul­tur und Mentalität eingelassen und sie verinnerlicht.

Mit 23 Jahren wechselten Sie vom VfB Stuttgart zu Real Madrid, dem schillernds­ten Fußballverein der Welt. Fiel die Umstellung schwer?

Überhaupt nicht. Ich brauche keine lange Eingewöhnungsphase, bin neugierig und lasse mich schnell auf meine Umgebung ein. Die Spanier machten es mir einfach.

Was zeichnet die Spanier aus?

Sie sind sehr relaxed und offen. Sie lieben ihre Siesta und wissen das Leben zu genießen. Die Familie spielt eine große Rolle – alles Dinge, mit denen ich mich auch sehr gut identifizieren kann.

Stuttgart, Madrid, Turin: Sami Khedira spielt sich durch ­Europa. Im Interview spricht der deutsche Fußballstar über Heimat, ­Werte und Motivation

Das Idol des jungen Fußballers Sami war Zinédine Zidane, ein Mann mit ebenfalls maghrebinischen Wurzeln

© Federico Ciamei

Und der spanische Fußball?

Das war ganz einfach. Real Madrid hat den Anspruch, jedes Spiel und jeden Titel zu gewinnen. Und das jedes Jahr. Das
ist ganz selbstverständlich bei diesem Verein. Die Menschen lieben den Fußball, man ist die ganze Zeit im Fokus, der Erfolgsdruck ist immer da.

Was ist anders in Turin?

Bei Juve wird täglich sehr akribisch ver­sucht, den Einzelnen an sein Optimum zu bringen. Die Taktik ist in Italien ohnehin immer ein großes Thema, aber was ich meine, sind die körperlichen Voraus­setzungen. Es werden viele Leistungs­tests gemacht, individuelle Ernährungs­pläne erstellt. Es wird alles getan, was irgend möglich ist, um auf den Punkt topfit zu sein.

Hat Sie das Leben im Ausland verändert?

Ich bin dadurch gereift. Man lernt neue Herangehensweisen kennen, man verlässt die Komfortzone und wächst daran. Diese Offenheit wollte ich mir schon immer erhalten, weil ich glaube, dass man sich damit automatisch weiterentwickelt. Dass es so gut zu meinem Beruf passt und ich bei den besten Vereinen der Welt spielen kann, ist natürlich ein Glücksfall.

Gibt es bestimmte Erfahrungen, die Sie herausheben würden?

Es geht vor allem um Toleranz! Es gibt unterschiedlichste Wege, ein Ziel zu erreichen, es gibt niemals nur den einen. Ein Bei­spiel aus der Kabine: Früher konnte ich mir nicht vorstellen, dass man sich bei lauter Musik und mit Tanzeinlagen
gut auf ein Spiel vorbereiten kann. Aber viele meiner afrikanischen oder südamerikanischen Kollegen tun das so – und
nur so. Die können kaum glauben, dass wir Europäer uns lieber im Stillen auf ein Fußballspiel vor Tausenden von Menschen konzentrieren.

Fußball ist auch Ordnung, Disziplin und Arbeit

Welche Phasen haben Sie persönlich am meisten geprägt?

Aus Niederlagen und Rückschlägen lernt man mehr, als wenn es immer nur perfekt läuft. Wenn mal etwas nicht funktio­niert, hinterfragt man sich und sein Tun viel mehr. Im Glücksgefühl des Erfolgs wird man immer auch ein bisschen bequem.

Sind Sie noch eng mit Ihrer Heimatstadt Stuttgart verbunden?

Ich fühle mich überall sehr schnell zu Hause, aber meine Heimat ist Stuttgart. Man lernt dieses Idyll erst zu schätzen, wenn man weg ist. Anfangs war ich sehr froh wegzukommen, denn die typisch deutsche Gründlichkeit hat mich manch-
mal geärgert. Ich wünschte mir oft, dass es etwas lockerer zuginge. Aber als ich weg war, habe ich diese Verlässlichkeit und Genauigkeit auch mal vermisst.

Als Weltmeister kann es bei der Europameisterschaft in Frankreich wohl nur ein Ziel geben …

Wir wollen Europameister werden, klar. Schwierig ist, dass Titel als normal gelten. Als Weltmeister musst du quasi Europameister werden. Der öffentliche Druck ist enorm gestiegen, aber unsere Mannschaft kann damit umgehen. Wir wissen, was alles nötig ist, um so einen Titel zu gewinnen. Da gehört eine Entwicklung dazu und auch eine Portion Glück.

Zuletzt sind Sie als Mahner aufgefallen, als es in der EM-Qualifikation nicht perfekt lief. Wie sehen Sie Ihre Rolle im deutschen Team?

Ich rede nicht allzu viel in der Öffentlichkeit, aber schon seit ein paar Jahren übernehme ich intern Verantwortung. Wir haben eine Handvoll Spieler, die sich das aufteilen. Sie haben die Erfahrung und das nötige Gespür, um die richtigen Akzente zu setzen. Jedes Team braucht seine Führungskräfte, im Fußball so wie bei einem modernen Unternehmen.

Welche Teams sind neben der deutschen Elf Favoriten auf den EM-Titel?

Frankreich ist enorm stark und mit dem ganzen Land im Rücken ein heißer Favorit. Dann die üblichen Verdächtigen: Spanien, Italien, England. Und dann ist da noch Belgien: eine junge, hungrige Mannschaft, mit Stars aus allen starken Ligen dieser Welt.