Die Designerin Iris van Herpen in ihrem Atelier
© Majid Moussavi

Die Zukunft ist tragbar

  • TEXT BARBARA MARKERT
  • FOTOS MAJID MOUSSAVI

Edle Roben aus dem 3-D-Drucker, Bodysuits, die elektrische Blitze aussenden – die niederländische Designerin Iris van Herpen übersetzt neue Technologien in spektakuläre Mode.

Licht aus, Robe an. Auf der Met-Gala im Frühjahr, dem Treffen der spektakulärsten Abendkleider des Jahres im New Yorker Metropolitan Museum of Art, war Schauspielerin Claire Danes der Star. Genauer gesagt: ihr Dress. Denn dieser, als wär’s eine Hommage an Cinderella, begann im Dunkeln zu leuchten. Eine textile Zauberei, möglich durch eine Glasfaser-Beschichtung, die der New Yorker Designer Zac Posen auf den hellblauen Organzastoff aufgetragen hatte. Damit war das Motto des Abends perfekt getroffen. „Manus x Machina: Mode im Zeitalter der Technologie“ war der Titel der Modeausstellung, die an diesem Abend feierlich eröffnet wurde und sich der aktuellen Branchenfrage widmete: Wie verändert der Fortschritt die Mode? Was ist schon machbar?

Viele Antworten darauf kennt die niederländische Designerin Iris van Herpen. In der Ausstellung war sie gleich mit mehreren Exponaten vertreten, die bewiesen, dass mittlerweile viel mehr geht als nur ein bisschen Leuchten.

Besuch in Amsterdam. Iris van Herpen ist gerade mal 32 Jahre alt, ihr recht kleines Atelier liegt am Hafen im Westen der Stadt und bietet einen romantischen Blick auf ein altes Frachtschiff. In den vergangenen vier Jahren hat sich van Herpen den Ruf der Expertin erworben, wenn es um die Verbindung von Mode und Technologie geht. Der zarten Frau mit den langen blonden Haaren und der hohen Denkerstirn gelingt regelmäßig, was viele Branchenbeobachter seit Jahren vermissen: Sie überrascht. In immer neuen Formen und Materialien vereint sie das Wissen aus unterschiedlichen Forschungsgebieten: Van Herpen kooperiert mit Architekten, Fotografen und Tänzern ebenso wie mit Biologen, Physikern und anderen Wissenschaftlern von technischen Elite-Unis.

Porträt der niederländischen Designerin Iris van Herpen

Die niederländische Designerin ist Expertin, ...

© Majid Moussavi
Ein Entwurf der Designerin Iris van Herpen

... wenn es um die Verbindung von Mode und Technologie geht

© Bart Oomes, No 6 Studios/ Grand Rapids Art Museum

AMS

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 Das Ergebnis sind Kleidungsstücke, die man so noch nicht kennt: Roben, die aus schimmernden Seifenblasen gemacht zu sein scheinen. Kleider, die wie knochige Skelette anmuten. Bodysuits, die elektrische Blitze aussenden. Schwarze Cocktailkleider, die komplett aus dem 3-D-Drucker stammen. Die Absolventin der Arnheimer Kunst- und Mode-Hochschule ArtEZ verformt mit Hochdruckgebläsen Plastik, sodass am Ende das Kleid aussieht, als wäre es aus schockgefrorenem Wasser gespritzt. Für die Kollektion „Magnetic Motion“ fixierte sie im Herbst 2014 Metallpuder mit einem Spezialkleber, um auf Schuhen und Textiloberflächen magnetische Effekte und vulkanische Eruptionen nachzubilden. In der Kollektion „Embossed Sounds“ zeigte sie 2013 Kleider, die, einmal berührt, Töne von sich geben und wie tragbare, elektronische Instrumente bespielt werden können. Regelmäßig gewinnen van Herpens Modelle wichtige Preise, ebenso häufig werden sie in Museen gezeigt.

Meine Arbeit ist nicht futuristisch. Ich zeige, was jetzt schon alles möglich ist

Iris van Herpen

In der Ausstellung „Manus x Machina“ wurde unter anderem ihr Bird-Dress präsentiert, ein mit Federn besetztes Silikonkleid, aus dem drei Vogel-Skulpturen herauswachsen.

In ihrem Atelier in Amsterdam herrscht kreatives Chaos, mittendrin entsteht gerade ein neues Bird-Dress. Eine Mitarbeiterin poliert mit einem Schwamm Millimeter für Millimeter die als Basis dienende Silikonhaut, auf deren Oberfläche die Federn aufgetragen werden. „Dieses Bird-Exemplar ist für einen bekannten Star“, erklärt die Designerin knapp. Um wen genau es sich handelt, verrät sie nicht. Iris van Herpen ist eine diskrete Person. Mögen andere sie als „Außerirdische der Mode“ bezeichnen, auch als „Überfliegerin“, sie selbst kann mit solchen Begriffen wenig anfangen. „Viele bewerten meine Arbeit als futuristisch. Aber ich bin gar nicht zukunftsorientiert, sondern sehr auf das Hier und Jetzt fokussiert. Ich will mit meiner Mode zeigen, was schon alles möglich ist.“

Iris van Herpens Atelier in Amsterdam

Zukunftswerkstatt: van Herpens Atelier in Amsterdam

© Majid Moussavi

  Besonders das 3-D-Printing gilt als van Herpens Spezialgebiet. Bereits 2010 präsentierte sie ein Oberteil, das komplett aus dem Drucker kam. War das Modell damals noch steif und rigide, so sind ihre gedruckten Kleider heute ohne Einschränkungen tragbar. „Sich mit einem Kleid aus dem 3-D-Printer auf einen Stuhl zu setzen oder zu rennen ist kein Problem mehr“, erklärt sie, „gedruckt wird in vielen verschiedenen Materialien und Qualitäten, vergleichbar mit einem digitalen Bild – dort gibt es auch unterschiedliche Auflösungen.“

Van Herpens Ehrgeiz ist es, auf dem neuesten Stand der Technologie zu bleiben, sie liest Fachzeitschriften, recherchiert ständig im Internet. Auch Firmen, mit denen sie zusammenarbeitet, „updaten“ sie regelmäßig. „Ich kann mich gut an mein erstes 3-D-Modell erinnern“, sagt sie. „Ich fertigte eine 2-D-Zeichnung auf Papier, die ein Computerexperte dann Millimeter für Millimeter in Codes umgesetzt hat. Aus heutiger Sicht scheint es unglaublich, dass wir den Weg über eine zweidimensionale Skizze gehen mussten. Mittlerweile arbeite ich mit Spezialisten zusammen, die meine Ideen direkt am Computer in Files umsetzen, die anschließend an den Drucker gesendet werden.“

Das File-Making ist nach wie vor der aufwendigste Teil ihrer Arbeit: Wenn sie mit einer Kollektion beginnt, muss das 3-D-Kleid als Erstes entworfen werden, da das Kodieren mehrere Monate beanspruchen kann. Der Druck an sich dauert mittlerweile nur noch wenige Tage. Keines ihrer gedruckten Kleider hätte man in der endgültigen Formgebung von Hand herstellen können, sagt die Designerin. Bestes Beispiel ist ihr „Cathedral Dress“ aus dem Jahr 2012: eine Robe wie aus Holz geschnitzt, mit komplizierten Verflechtungen mehrerer ineinander geschobener Kathedralen-Fassaden. Die Basis des 3-D-gedruckten Kleides war ein transparentes Polyamid aus verschiedenen Schichten, das wir mit einem Kupfer-Finishing veredelt hatten“, beschreibt sie den Prozess, „die Robe wird mit der Zeit ihre Farbe ändern, weil das Kupfer oxidiert – das ergibt neue Effekte.“ Ansätze wie dieser lassen die Branche staunen, individuelle Geniestreiche sind es nicht. Wer sich in der Mode mit neuen Technologien befasst, ist zum Umdenken gezwungen, muss sich öffnen, vernetzen und austauschen. Für eine Branche, die immer stärker von Kopisten geplagt wird, ist kooperatives Schaffen eine besondere Herausforderung. Und auch die Ideen van Herpens, die zwar immer im Atelier des alten Kaffee- und Schokoladen-Kontorhauses am Amsterdamer Hafen ihren Anfang nehmen, sind die Ergebnisse internationaler Zusammenarbeit. „Um im File-Making wirklich gut zu sein, braucht man ein halbes Berufsleben“, erklärt die Designerin, „wer nicht die Zeit hat, sich selbst zum Spezialisten auszubilden, muss mit anderen Spezialisten zusammenarbeiten.“ Das ist offensichtlich Neuland. „Die Mode scheut solche Kooperationen“, sagt van Herpen, „die Branche ist sehr protektiv.“

Van Herpens berühmtes „Bird-Dress“ entsteht: Die Silikonhaut wird zunächst poliert, ­anschließend werden Federn aufgetragen, am Ende wachsen drei Vogel-Skulpturen aus dem Kleid heraus

Van Herpens berühmtes „Bird-Dress“ entsteht: Die Silikonhaut wird zunächst poliert, ­anschließend werden Federn aufgetragen, am Ende wachsen drei Vogel-Skulpturen aus dem Kleid heraus

© Majid Moussavi

  Sie glaubt indes fest daran, dass sich ihre Strategie langfristig auszahlen wird. „Der Wert der Kenntnisse, die ich so sammeln kann, ist unbezahlbar. Ich denke, dass derzeit niemand in der Modeindustrie so viel über neue Technologien weiß wie wir hier in unserem kleinen Atelier.“ Damit könnte sie Vorreiterin einer großen Bewegung sein. Die alten Strukturen der Modebranche greifen nicht mehr, die Konkurrenz der immer größer und immer besser werdenden Ketten wie Zara, Cos oder Uniqlo bringt die Modehäuser ins Wanken. Designer müssen sich immer schärfer von den Wettbewerbern abgrenzen, indem sie etwas anderes bieten als der Massenmarkt – zum Beispiel durch technologische Expertise wie die einer van Herpen.

Der geht ohnehin alles viel zu langsam voran. „In der Medizin ist das 3-D-Printing sehr viel weiter als in der Mode“, hat sie beobachtet, „die Nachfrage in unserer Branche ist einfach zu gering.“ Haben die Modefirmen Angst vor den neuen Techniken? Oder interessiert sie die Technik einfach nicht? Die Niederländerin schüttelt den Kopf: „Das Problem sind die zu schnellen Rhythmen der Modebranche. Alle sechs Monate muss eine neue Kollektion auf den Markt. Um in eine Sache wie das 3-D-Drucken tiefer einzusteigen, braucht man Zeit. Die aber hat niemand in der Mode.“ Auch sie selbst nicht.

Niemand weiß derzeit mehr über neue Technologien als wir hier in unserem kleinen Atelier

Iris van Herpen

Um das Dilemma abzumildern, unterteilt sie ihre Arbeiten in Kurz- und Langzeitprojekte: „Manche neue Materialien, die wir entwickeln, brauchen ein Jahr und länger. Manche sind zum falschen Zeitpunkt fertig und kommen erst drei Jahre später zum Einsatz. Wenn ich nur in den für die Mode üblichen Sechs-Monats-Rhythmen denken würde, käme ich nie voran. Meine Kollektionen sind wie zeitliche Schnappschüsse meiner Arbeit.“ Dieses Modell funktioniert, weil Iris van Herpen ein kleines, privat geführtes Unternehmen ist, das ohne Renditedruck arbeiten kann. Andere haben diese Flexibilität nicht und machen daher aus Zeitnot mit den Techniken weiter, die sie bereits beherrschen. Ein Blick in die Branche zeigt: Größere technische Neuerungen werden vor allem dort umgesetzt, wo der saisonale Rhythmus eine geringere Rolle spielt.

In der Sport- und Denim-Mode zum Beispiel experimentieren fast alle Firmen mit neuen Techniken. Der Einsatz von Laser-, Ozon- und Infrarottechniken ist bei Jeans-Herstellern inzwischen Alltag. Sportbekleidung ist heute gegen Schweiß, Gerüche wie auch Bakterien ausgerüstet. Sportschuhe werden aus technischen Superfasern gestrickt, die quasi nichts mehr wiegen, und die Sohlen sind mit intelligenten Computer-Chips ausgestattet, die zum Beispiel die Laufzeit erfassen. Adidas, Under Armour und Nike wollen in naher Zukunft sogar Modelle einführen, die direkt im Laden für den Fuß maßgefertigt und noch im Geschäft mittels eines 3-D-Printers für die Kunden hergestellt werden. 

Ein Entwurf der Designerin Iris van Herpen

Manche Entwürfe sehen wie Kunstwerke aus ...

© Bart Oomes, No 6 Studios/ Grand Rapids Art Museum
Futuristische Schuhe der Designerin Iris van Herpen

... und scheinen eher ins Museum zu passen als an den menschlichen Körper

© Majid Moussavi

  Auch Iris van Herpen ist überzeugt, dass „customized fashion“ die Zukunft ist. „Old school“, nennt die Designerin die aktuelle Ready-to-wear mit ihren Standardgrößen. „Mit 3-D-Printing kann man Maßfertigung ganz einfach umsetzen. Man muss nur kleine Änderungen am File vornehmen, und aus dem Drucker kommt das Kleid, das perfekt zu der Kundin passt.“ Trotz dieses optimistischen Blicks in die Zukunft wird die Nähmaschine nicht verschwinden, meint die Niederländerin. „Auch in 100 Jahren wird es noch Haute-Couture-Kleider geben, die bis ins letzte Detail per Hand genäht sind. Was wir gerade erfinden, ersetzt kein altes Handwerk, sondern kommt als neue Option dazu. Statt drei Möglichkeiten, ein Kleid herzustellen, wird es sieben geben, und diese werden miteinander fusioniert.“

Die Impulse für diese zusätzlichen Optionen müssten gar nicht unbedingt aus der Modebranche kommen. „Technikfirmen wie Apple oder Google sind sehr interessiert an Mode und investieren in diesem Bereich“, weiß van Herpen, „sie könnten großen Einfluss darauf haben, wie Kleidung in Zukunft gemacht wird.“ Ein erstes aktuelles Beispiel einer solchen Kooperation zwischen Hightech-Firma und Designstudio gab es bereits zur Met-Gala. Der Computer-Hersteller IBM entwarf zusammen mit der Abendroben-Spezialistin Marchesa eine Robe, die mit 150 LED-Lichtern ausgestattet war und je nach Stimmung der Party in verschiedenen Farben leuchtete. Doch es bleibt noch viel zu tun. Oder wie es die nüchterne Iris van Herpen ausdrückt: „In der Verbindung von Technik und Mode gibt es derzeit noch sehr viele Gimmicks. Aber mit der Zeit werden wir die Vorteile der Technik erkennen und aus unseren Erfahrungen etwas wirklich Interessantes ableiten können.“


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

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