Der Platz an der Aarhus A lädt zum Sitzen ein
© Gerald Hänel

Dänen geht’s gut

  • TEXT BERND HAUSER
  • FOTOS GERALD HÄNEL

Großes Dorf, kleine Metropole, das Meer ist ganz nah: Aarhus, Europas Kulturhauptstadt 2017, lockt mit Architektur, Museen und lächelnden Menschen. 

Dong! Sphärisch und tief hallt der Gong durch die Stadtbibliothek. ­Stadtbaumeister Stephen Willacy steht auf einem Podium und hält eine Lobrede auf das neue ­Aarhus, jetzt unterbricht er sich aber mitten im Satz und sagt: „Dieser Klang bringt mich jedes Mal zum Lächeln.“

Er legt den Kopf schief, er lauscht. Etwa zwölfmal am Tag ertönt dieses Geräusch – immer wenn ein Kind in Aarhus geboren wird. Der Röhrengong, ein Monster aus Bronze, drei Tonnen schwer, 7,5 Meter lang, gegossen in Österreich, wird ein paar Kilometer entfernt im Universitätskrankenhaus ausgelöst, dort reicht die Hebamme kurz nach der Entbindung den Eltern ein Tablet.

Die wischen einmal über den Schirm: Dong! ­Eine Geburt als akustisches Erlebnis für die ganze Stadt – eine smarte Idee, die schon ziemlich viel vom Geist von Aarhus vermittelt.

Der kleine Mensch hat einen guten Ort gewählt, um auf die Welt zu kommen. Aarhus ist Dänemarks neue Trendstadt. Mit 260 000 Einwohnern die zweitgrößte des Landes, die wichtigste Jütlands, dieser großen Halbinsel im Westen von Dänemark.

Aarhus stand immer im Schatten von Kopenhagen, aber jetzt sagen einige, es laufe der Hauptstadt den Rang ab. In den vergangenen Jahren wurde großzügig in meisterhafte Architektur und Kulturförderung investiert.

Die Aarhusianer nennen ihre Heimat gern „größtes Dorf und kleinste Metropole der Welt“. Das wird nun endlich bewiesen, zum Beispiel im ehemaligen Hafen. Hier steht Isbjerget (der Eisberg), ein Komplex aus 200 Apartments, direkt am Meer. Die Gebäude ragen zackig in den Himmel und sind so zueinander versetzt, dass fast jede Wohnung Wasserblick hat.

Es gibt das neue Moesgård-Museum in einem Vorort südlich der Stadt, das wie ein riesiger Keil in die Landschaft gewürfelt wurde und von der Frühgeschichte Dänemarks erzählt.

Man erfährt, dass aus den Mooren und Grabhügeln nicht nur Schwerter und Streitäxte geborgen wurden, sondern auch viele Kämme: Offenbar waren die Wikinger eitle Kerle, die Wert auf gepflegte Be­haarung legten. Und es gibt, damit zurück zum Anfang der Geschichte, Dokk1, die neue Stadtbibliothek. Stephen Willacys kleine Rede ist nun auch beendet.

Die Stadtbibliothek Dokk1: Bücher, die zwei Jahre nicht entliehen wurden, werden aussortiert

Die Stadtbibliothek Dokk1: Bücher, die zwei Jahre nicht entliehen wurden, werden aussortiert

© Gerald Hänel
„Your Rainbow Panorama“ von Ólafur Elíasson zwingt zum Rundgang

„Your Rainbow Panorama“ von Ólafur Elíasson zwingt zum Rundgang

© Gerald Hänel
Die Dachinstallation auf dem ARoS feiert die Moderne

Die Dachinstallation auf dem ARoS feiert die Moderne ...

© Gerald Hänel
Das Freilichtmuseum Den Gamle By führt in die dänische Vergangenheit

... im Freilichtmuseum Den Gamle By wird dänische Vergangenheit vorgeführt

© Gerald Hänel

 Im kleinen Kreis sagt er, die Kür zur Europäischen Kulturhauptstadt 2017 sei der vorläufige Höhepunkt einer erstaunlichen Entwicklung. Er berichtet davon, wie er diese Entwicklung erlebt, ­erlitten und geprägt hat. Als junger Mann war der Engländer einst nach Aarhus gekommen, verliebt in eine dänische Medizinstudentin.

Aarhus war ohne Identität: Man konnte das Meer nicht fühlen

Stephen Willacy, Stadtarchitekt

Er putzte zunächst Klinken, suchte einen Job, monatelang, vergeblich. Aarhus war damals eine unattraktive Hafenstadt. Schließlich bekam der umtriebige Willacy doch noch seine Chance, wurde später sogar Partner im renommierten Architekturbüro Schmidt Hammer Lassen – und schließlich zum Stadtarchitekten von Aarhus berufen. Als Ratgeber für die Kommune soll er heute die Qualität des Städtebaus garantieren.

„Als ich in Aarhus ankam, hatte die Stadt keine klare Identität. Man fuhr entlang der Küste und konnte das Meer nicht fühlen“, sagt Willacy, 58, ein Macher mit grau meliertem Zarenbart. Lagerhallen und Industrieanlagen versperrten die Sicht auf die Aarhusbucht.

„Aber Anfang der Neunziger kam der Gedanke auf, die Stadt endlich wieder mit dem Wasser zu verbinden.“ Die Aarhus Å, der Wasserlauf, der vom Zentrum in die Bucht im Kattegat mündet, war in den autogläubigen 1930er-Jahren in unterirdischen Rohren versteckt worden.

Dieser Fehler wurde mit großem Kraftaufwand korrigiert, der Fluss wieder freigelegt. Das letzte Stück fließt seit Kurzem offen in die See, am Ufer gibt es eine beliebte Flaniermeile zwischen Stadt und Meer. Die besondere Wasser­lage ist ein Trumpf, den Aarhus nun endlich ausspielt.

Weil die Industrie am Hafen siechte und Dänemarks größter Containerhafen umzog, wurde Platz für neue Bauten frei. Dokk1 ist die größte öffentliche Bücherei Skandinaviens. Im Sommer 2016, ein Jahr nach ihrer Eröffnung, wurde sie vom internationalen Bibliotheken-Verband IFLA als „Weltbeste Bibliothek“ ausgezeichnet.

Dabei soll niemand meinen, hier stünde nur ein Haus der Bücher. Das Dokk1 ist mehr, viel mehr. Täglich kommen 4000 Besucher, die wenigsten wegen eines Buchs. Das Gebäude ist ein Traum der Moderne, soll aber wie eine alte italienische Piazza funktionieren: also öffentlicher Raum sein, Anlaufstation für alle  – Architektur als Inklusion.

Geht man hinein, sieht man Mütter- und Vätergruppen, die in den Kleinkinder-Toberäumen plaudern. Im Foyer spielen zwei ältere Herren Bodenschach. Studenten sitzen in Besprechungszimmern vor aufgeklappten Laptops und diskutieren das nächste Gruppenreferat. Für bücherferne Teenager gibt es Sofas mit einer Playstation davor.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, zu entscheiden, welche Medien wertvoll sind“, erklärt eine Bibliothekarin. „Wichtig ist, dass wir offen sind für alle gesellschaftlichen Gruppen, wir wollen ein demokratischer, urbaner Raum sein.“ Die Müßiggänger, die durch das Gebäude schlendern, schauen und staunen, sind in der Überzahl.

An der riesigen Glasfront ziehen langsam die Schiffe vorbei, Kräne schwenken ins Panorama. Und im Untergeschoss wartet das heimliche Highlight: die erste vollautomatische Park-Anlage Europas, wo Besucher ihr Auto in eine Box fahren, die touchscreengesteuert im Untergrund versinkt. Im Dokk1 lässt sich die Zukunft leicht ausmalen – sie ist ja schon da.

Die Installation vom Künstlerkollektiv Elmgreen & Dragset trägt den Namen "Magic Mushrooms"

Diese Installation vom Künstlerkollektiv Elmgreen & Dragset trägt den Namen "Magic Mushrooms"

© Gerald Hänel

  Was ist das Geheimnis von Aarhus? Wieso ist hier gelungen, wovon viele Städte träumen? Eine von vielen Antworten, womöglich die beste, hat mit den Bewohnern zu tun: Aarhus ist jung. Die Stadt wächst jedes Jahr um 4000 Einwohner, die meisten davon ziehen für eine Ausbildung her.

56 000 Menschen, fast ein Viertel der Einwohner, lehren oder lernen an der Universität. „Die vielen jungen Leute geben der Stadt ihren besonderen Drive“, findet auch Stephen Willacy. Etliche Uni-Absolventen bleiben, einige von ihnen zogen ins Stadtparlament ein.

Der sozialdemokratische Bürgermeister Jacob Bundsgaard wurde mit nur 35 Jahren in sein Amt gewählt. Es ist die Internet-Generation, die Aarhus zumindest mitregiert und so ein Klima der Offenheit und Innovationskraft schafft. Einen Geist für ehrgeizige, neue, auch alternative Kultur, ungewöhnlich für so eine kleine Stadt.

Die jungen Leute machen Aarhus per Start-ups lebendig. Am Godsbanen, einem ehemaligen Güterbahnhof, ist ein Containerdorf entstanden, in dem mehr als 60 Designer, Filmschaffende und sonstwie Kreative werkeln. Und wer mit dem Fahrrad durch Lati­ner­kvarteret fährt, das Latiner-Viertel, wo Cafés und Restaurants und Bars locken, sieht überall Jugend, Schönheit, Freundlichkeit.

 

Freizeitoptionen: paddelnd durch die Aarhusbucht ...

Freizeitoptionen: paddelnd durch die Aarhusbucht ...

© Gerald Hänel
Freizeitaktivitäten in Aarhus: Der Urzeitmensch Lucy im Moesgård-Museum

... oder staunend vor Urzeitmensch Lucy im Moesgård-Museum

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Der Botanische Garten in Aarhus

Der Botanische Garten

© Gerald Hänel
Beachvolleyball im neuen Stadtteil Aarhus Ø

Beachvolleyball im neuen Stadtteil Aarhus Ø

© Gerald Hänel
Der Bademeister im Freibad Den Permanente in Aarhus erinnert an die Sonnenmilch

Öffentliche Fürsorge: Der Bademeister im Freibad Den Permanente erinnert an die Sonnenmilch

© Gerald Hänel

  „City of Smiles“, Stadt des Lächelns, ist noch so ein Slogan aus Aarhus. Er passt gut. Gerade Besucher aus dem rauen Kopen­hagen sind immer wieder überrascht von der hiesigen Freundlichkeit. Man steht zum Beispiel vor einem Restaurant im Latiner-­Viertel und studiert die Schiefertafel, als eine Dame lächelnd sagt: „Kannst dich ruhig reinsetzen, hier schmeckt alles toll.“

Es ist diese Lebensfreude und Leichtigkeit, der auch Ólafur Elíasson ein Denkmal setzen wollte. Mit der Dachinstallation auf dem ARoS, einem der größten Kunstmuseen Nordeuropas, ist ihm das gelungen. „Your Rainbow Panorama“ wurde 2011 eingeweiht, ein 150 Meter langer, kreisrunder Gang, dessen Glaswände in allen Farben des Lichtspektrums changieren. Es wirkt, als würde man die ganze Stadt durch verschiedene Sonnenbrillen betrachten.

Marianne Grymer Bargeman, 42, ist als Direktorin für Kunstvermittlung dafür verantwortlich, dass viele Besucher ins ARoS strömen. „Wir wollen mit unseren Gästen keinen One-Night-Stand“, sagt sie und zwinkert, „eine langfristige Beziehung ist doch viel besser.“ Rund 30 000 Besucher haben eine Dauerkarte für das Museum, etwa 5500 davon sind unter 30 Jahre alt: Zahlen, die andere Kulturinstitutionen vor Neid erblassen ließen.

Im Herbst dieses Jahres hat Bargeman ein neues Multimedia-­Zentrum eröffnet. Dort können Besucher per eyetracking verfolgen, wie unterschiedlich ein Kunstwerk wahrgenommen wird: Wo der Besucher zuerst hinguckt, wo gar nicht, wo sein Blick verweilt. Man kann das eigene Spiegelbild in die Werke projizieren, diskutieren, Videos über die sozialen Medien verschicken.

„Wir wollen, dass Kunst die Menschen zum Denken und Reden bringt“, sagt Bargeman, „Museen sind gut, wenn sie keine Tempel sind, sondern Fitnesszentren für den Geist.“

Die Bar Filliongongong in der Altstadt

Die Bar Filliongongong in der Altstadt

© Gerald Hänel
Urban Gardening am Wohnprojekt Isbjerget

Urban Gardening am Wohnprojekt Isbjerget

© Gerald Hänel

  Bargeman könnte als Prototyp der neuen Aarhus-Bürgerin dienen: kulturschaffend, intellektuell, lustig und mutig, beseelt vom Wille nach Wandel, zweifache Mutter noch dazu. Ihre beiden Söhne, 11 und 14 Jahre alt, hat sie für die Sommerferien ins Freilichtmuseum Den Gamle By geschickt.

Dort müsse man unbedingt hin, sagt Bargeman, es ist mehr ein Befehl als eine Empfehlung. Also gut. Der Ausflug gleicht einer Zeitreise. Zurück durch die Dezennien, ins Dänemark des 19. Jahrhunderts. Gamle By ist eine Stadt in der Stadt: 80 alte Häuser, die in ganz Dänemark abgetragen und hier wieder errichtet wurden, um Vergangenheit darzustellen.

Kinder schauen dem Hufschmied zu, ihre Eltern sammeln Heilkräuter im Apothekergarten. Eine Familie springt in den Gassen über Pferdeäpfel, abgeworfen vor den Gespannen, die über das Kopfsteinpflaster ruckeln. Größer könnte der Kontrast zum neuen Aarhus mit seiner Spektakelarchitektur und seinen digitalen Konzepten kaum sein.

Am historischen Rummelplatz arbeitet Rasmus Christiansen. Der Blondschopf lupft seinen Filzhut, seine Augen blitzen hinter der Nickelbrille. Die so begrüßten Teenager steigen kichernd in die bunte Schiffschaukel. Christiansen studiert Kulturwissenschaften an der Universität von Aarhus. Dies hier ist sein Nebenjob, und er macht ihm offensichtlich Spaß.„Andere aus meiner Klasse zog es nach Kopenhagen oder nach Berlin, aber mir sind diese Städte zu groß, viele Dinge gehen dort unter“, erzählt Christiansen.

In Aarhus sei alles in Fahrradnähe: der Campus der besten Universität Dänemarks. Der saubere Strand und Den Permanente, das Freibad aus Holz, wo die Rettungsschwimmer auf einer Tafel immer so nett mahnen, man möge sich gut gegen die Sonne eincremen. Der Stadtwald Riis Skov, in dem es im Frühling so intensiv nach Bärlauch duftet.

„Und irgendwo steigt immer ein Fest, bei dem man die Leute kennt“, sagt Christiansen. Er bleibt deshalb auch während der Semesterferien in der Stadt. Er arbeitet tagsüber im Museum, bespielt am Abend die Kneipen im Latinerkvarteret mit seiner Bossa-nova-Band. Neulich ist Rasmus 23 Jahre alt geworden.

„Ein sehr gutes Alter“, sagt er und lächelt. „Du hast herausgefunden, wer du bist und wo du hinwillst. Die Zukunft liegt offen vor dir, du kannst sie selbst gestalten.“ Erst viel später, Den Gamle By verblasst am Horizont, begreift man: Christiansen hat nicht nur sein eigenes Lebensgefühl beschrieben, sondern das der ganzen Stadt.


 

Die Karte von Aarhus zeigt die interessantesten Orte der Stadt
© Cristóbal Schmal

In die Zukunft gebaut: Aarhus-Tour

1 Bibliothek Dokk1

2 Wohnkomplex Isbjerget

3 Museum Aros

4 Riis-Wald

5 Kulturzentrum Godsbanen

6 Freilichtmuseum Den Gamle By

7 Seebad den Permanente