Schluchten­landschaft bei Mequat Mariam
© Kirsten Milhahn

Die Magie der Felsen

  • TEXT KIRSTEN MILHAHN
  • FOTOS KIRSTEN MILHAHN

Jedes Jahr zu Weihnachten pilgern 60 000 orthodoxe Christen nach Lalibela im Hochland Äthiopiens. Ihr Ziel: elf Felsenkirchen, vor 800 Jahren in den Stein gehauen

Der Esel kennt den Weg. Stundenlang trottet er über gelbe, getrocknete Ebenen, das Wander­gepäck auf seinem Rücken. Zusammen mit Bergführer Fentaw Asnake durchquere ich Eukalyptushaine und Rundhüttendörfer. Der 30-Jährige stammt aus der Gegend, viele Bewohner kennt er mit Namen. Durch dichte Sisalhecken hören wir Kinder kichern. Vor den Häusern sitzen Frauen, mahlen Kaffee und getrockneten Mais in hölzernen Bottichen vor sich auf dem Boden. Es ist der erste Tag unserer Wanderung durch das Hochland im Norden Äthiopiens, eine von bizarren Bergen und tiefen Schluchten geprägte Landschaft.

Inmitten dieses Hochlands beherbergt Lalibela, ein Städtchen mit rund 22 000 Einwohnern, ein weltweit einmaliges Wunder der Baukunst: elf Felsenkirchen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Das Besondere: Sie ragen nicht in die Höhe, sondern stehen in Gruben und sind in den Fels gehauen, ihre Dächer schließen mit dem Erdboden ab. Nichts wurde gemauert, Wände, Säulen und Fenster sind aus einem Stück bis zu zwölf Meter tief ins terrakottarote Vulkangestein gemeißelt. Die Felsenkirchen zählen zum Unesco-Weltkulturerbe und gehören bis heute zu den heiligsten Stätten der mehr als 1600 Jahre alten äthiopisch-orthodoxen Religion. Zum Weihnachtsfest, das am 7. Januar gefeiert wird, strömen jährlich 60 000 Pilger nach Lalibela.

Atemberaubende Berge und uraltes Christentum – Lalibela ist ein Mikrokosmos Äthiopiens

Die Stadt ist ein Mikrokosmos Äthiopiens. Sie vereint früheste christliche Religionsgeschichte und abenteuerliche Berg­landschaften. Wer beides erkunden will, macht es wie die Bauern der Gegend und geht zu Fuß – mit einem Esel als Gepäckträger.

Ein Priester und sein Pferd begleiten unsere Autorin ein Stück des Wegs

Ein Priester und sein Pferd begleiten unsere Autorin ein Stück des Wegs

© Kirsten Milhahn

 Meinen Reisebegleiter und den Esel habe ich bei Tesfa (Tourism in Ethiopia for Sustainable Future Alternatives) gefunden, einer Organisation junger Bergführer. Tesfa will, dass der Tourismus auch der Region nützt, nicht nur den Reiseunternehmen, außerdem sollen Unterkünfte ökologisch nachhaltig bewirtschaftet werden. Tesfa startete 2006, heute leben davon ein paar Dutzend Bergführer und Hunderte Familien in den Bergdörfern, die elf gemütliche Gästehäuser betreiben.

Unser Esel hält am Gasthof Mequat Mariam, dem ersten Etappenziel. Die Unterkunft besteht aus drei runden Wohnhütten ohne Strom und einem Küchenhaus. Dazu ein Klohäuschen mit Freiluft-Dusche, das ist alles. Die Landschaft ist dafür umso spektakulärer: Direkt hinter den Hütten fällt die Ebene mehrere Hundert Meter steil ab. Ich stehe an einem Felsvorsprung am Rande einer Schlucht. Die schroffe Hügellandschaft unter mir erinnert mich an den Grand Canyon. Gegenüber geht die Sonne unter und taucht das Tal in sanfte Mauvetöne.

Meine Hütte ist schlicht, mit strahlend weißer Bettwäsche zu unverputzten Wänden. Aus allen Fenstern – selbst aus dem Toilettenhäuschen – hat man dieselbe großartige Aussicht über die Schlucht. Den Abend verbringen wir am Lagerfeuer. Ein Priester aus dem nahegelegenen Dorf hat den Bergführer und mich eingeladen. Seine Hütte ist bereits voller Gäste, alles Leute aus dem Ort. Sie sitzen im Kreis, lachen und unterhalten sich. Die Frau des Gastgebers zaubert ein Gericht aus Injera, dem landestypischen Zwerghirse-Fladenbrot, und deftigem Rindfleisch. Nach dem Essen stimmt einer der Gäste die Masinko an, das traditionelle Streichinstrument der Äthiopier. Er beginnt zu singen, schon zucken die Ersten, erheben sich. Sie springen ans Feuer, stemmen die Hände in die Hüften, umkreisen einander und schütteln ihre Oberkörper im Takt.

Mit den ersten Sonnenstrahlen sind wir wieder unterwegs, auf schmalen Pfaden die Schlucht entlang, immer dem Packesel nach. Dscheladas, Blutbrustpaviane, lungern zwischen den Felsen herum, Bartgeier ziehen ihre Kreise. Wir halten Ausschau nach dem Äthiopischen Wolf, dem seltensten aller Wildhunde.

Äthiopiens Heilig­tümer: Priester mit einem 600 Jahre alten Buch

Äthiopiens Heilig­tümer: Priester mit einem 600 Jahre alten Buch

© Kirsten Milhahn
In Stein gemeißelt: Felsen­kirche Bete Giyorgis in Lalibela

In Stein gemeißelt: Felsen­kirche Bete Giyorgis in Lalibela

© Kirsten Milhahn
Schluchten­landschaft bei Mequat Mariam

Schluchten­landschaft bei Mequat Mariam

© Kirsten Milhahn
Ein Priester eilt am frühen Morgen zur heiligen Messe

Ein Priester eilt am frühen Morgen zur heiligen Messe

© Kirsten Milhahn
Die Kirche Bete Giyorgis

Die Kirche Bete Giyorgis

© Kirsten Milhahn
Autorin Kirsten Milhahn

Autorin Kirsten Milhahn

© Kirsten Milhahn
Blick auf den Sonnenuntergang von der Terrasse des Restaurants Ben Abeba in Lalibela

Blick auf den Sonnenuntergang von der Terrasse des Restaurants Ben Abeba in Lalibela

© Kirsten Milhahn
Perfekter Sonnenuntergang: Touristenführer Genet Derbe (links) und Fentaw Asnake mit Besucherin auf der Terrasse des Restaurants Ben Abeba in Lalibela

Perfekter Sonnenuntergang: Touristenführer Genet Derbe (links) und Fentaw Asnake mit Besucherin auf der Terrasse des Restaurants Ben Abeba in Lalibela

© Kirsten Milhahn

 Jäh werde ich aus meiner inneren Ruhe gerissen, als wir von der Hochebene zurückkehren und eintauchen in Lalibelas volle, lärmende Straßen. Es ist Markttag. Vor unzähligen Ständen ist Zwerghirse zu kleinen Hügeln aufgehäuft, Tücher mit bunten Borten flattern im Wind. Die Luft riecht nach Gewürzen, und es herrscht ein Gedränge, als wären alle Bewohner der Stadt auf einmal unterwegs: junge Männer in Jeans, Priester in weißen Gewändern und Frauen in bunten Kleidern.

Ich besuche Bet Medhane Alem, die größte der elf Felsenkirchen. Über eine schmale Treppe steige ich in die Tiefe. Im Innern der Kirche lege ich den Kopf in den Nacken. Über zehn Meter ragen ihre steinernen Säulen empor. Der Legende nach soll Gott vor fast 1000 Jahren zu Lalibela gesprochen haben, dem „König der Bienen“ und einstigen Herrscher über das Reich Lasta in Nord­äthiopien. Er habe ihm befohlen, die heilige Stätte zu errichten, getreu nach dem Bild Jerusalems. In nur wenigen Tagen soll der König die monumentalen Bauten ins Lavagestein gemeißelt haben, nachts hätten ihm Engel geholfen. So glaubt es fast jeder im Ort. In wissenschaftlichen Kreisen wird angenommen, es habe mindestens 40 000 Bauarbeiter und mehrerer Jahrzehnte bedurft, um die Kirchen aus dem Fels zu schlagen.

Dem „Bienenkönig“ ist der Legende nach noch mehr zu verdanken: Tej, ein süßer und hochprozentiger Honigwein, den ich bei Wirtin Askalech Hailemelekot zum ersten Mal probiere. Sie führt eines der beliebtesten Lokale im Ort, das Torpido Tej House. Fentaw Asnake und ich stoßen noch mal mit einem Tej an, so führt eine Schnapsidee zum Höhepunkt meiner Reise. Etwa 45 Kilometer von Lalibela entfernt liegt im Gebirge Yemrehanna Kristos. Die Felsenkirche, schätzungsweise 80 Jahre älter als die anderen, gilt als die schönste der Region. Wir wollen hin, quer durchs Hochland. Mit dem Geländewagen? „Kann doch jeder“, winkt Asnake ab. Er hat eine viel bessere Idee: Wir reisen im Tuk-Tuk von Wondimu Kebede. Tag für Tag karrt der junge Mann damit Leute durch den Ort, in den Bergen war er damit noch nie.

Bald rumpelt das knallblaue Gefährt mit mir auf dem Rücksitz von den lalibelischen Hügeln hinab ins Tal – und säuft an der nächsten Anhöhe ab. Zu staubig sei der Pfad, befindet Wondimu, er säubert den verdreckten Verteiler. Anlassen, anschieben, los. Vier unfreiwillige Stopps später schnurrt das Fahrzeug endlich über den Serpentinenpfad. Wir durchqueren Bergdörfer, deren Bewohner zwar schon von einem Tuk-Tuk gehört, aber noch nie eines zu Gesicht bekommen haben. Kinder rennen kreischend hinter uns her. Nach vier Stunden gelangen wir ans Ziel.

Yemrehanna Kristos ist in eine Höhle am Berghang gebaut und anders als die übrigen Lalibela-Kirchen. Steinplatten und Holzbohlen hätten ihre Erbauer verwandt, erzählt der Priester, ohne dabei einen einzigen Nagel einzuschlagen. Dann deutet er in die dunkelste Nische des Kirchhofs. Dort liegen die mumifizierten Überreste von mehr als 700 Pilgern, die gekommen waren, um das Heilige in Lalibela zu erfahren. Sie sind geblieben.

Ich bleibe nicht. Dafür nehme ich die Gewissheit mit, dass man nicht religiös sein muss, um die Bedeutung dieser Gegend zu spüren. Bauwerke, von denen keiner so genau weiß, wie sie entstanden sind, Kerzenflackern im Halbdunkel der Kirchenmauern, mystische Gesänge und ausgelassene Tänze, all das in einer überwältigenden Berglandschaft. Das Gefühl, dass Lalibela magisch ist, es entsteht von ganz allein.


Das Horn von Afrika: Tipps zur Einstimmung

Das Aroma

Solino-Kaffee wird im Land nicht nur angebaut, sondern auch geröstet und verpackt.

solino-coffee.com

Der Sound

Mit „Sketches of Ethiopia“ huldigen Mulatu Astatke & Freunde dem Ethio-Jazz.

jazzvillagemusic.com

Der Look

Handgewebte Tücher, luftige Shirts und lässige Kleider aus Ostafrika.

lemlem.com

Die Geschichte

„Der letzte Kaiser von Afrika“, beschrieben von Asfa-Wossen Asserate.

ullsteinbuchverlage.de

Tipp: Unter tesfacommunityguides.com werden Touren im äthiopischen Hochland angeboten


Kirsten Milhahn lebt und arbeitet als Afrika-Korrespondentin freiberuflich in Nairobi, Kenia. Was hat sie von Hamburg ausgerechnet nach Afrika verschlagen? Die Weite und das Wilde dieses Erdteils, die Spontanität der Menschen, deren Improvisationstalent, ihre Herzlichkeit und ein Leben in ungeordneten Bahnen. Afrika ist ein Kontinent im Aufbruch. Viele Staaten befinden sich in einer Phase des Umbruchs – zwischen Jahrhunderte alten Traditionen und dem modernen Leben der jungen Generation in den Großstädten. Die Fotografin und Autorin findet gerade diese Kontraste so inspirierend. In ihren Bildern und Texten dokumentiert sie das Zeitgeschehen, und sie bewundert die vielen couragierten Menschen, die trotz oft schwieriger Lebensumstände so viel Kreativität, Mut und Hoffnung aufbringen.

www.kirstenmilhahn.com