Eine Stadt hat den Blues

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS CLAYTON HAUCK

Spielplatz der Legenden: Die South Side von ­Chicago bringt seit Jahrzehnten die besten Blues-­Musiker der Welt hervor. Ein Streifzug durch Clubs, in ­denen gehofft, getrauert und gelacht wird

Der Ort, an dem die Legende lebt, ist erst mal eine Enttäuschung: ein Holzhaus an einer Ausfallstraße, nebenan die Flachbauten von Papa Joe’s Pizza und Dice Dojo Software, gegenüber gähnen die offenen Geschosse eines Parkdecks. Aber wen schert’s? Zu Fuß, mit Rollatoren und auf Skateboards strömen die Leute den Schreien einer E-Gitarre und dem Rhythmus eines Schlagzeugs entgegen. Ihr Ziel: 2120 South Michigan Avenue, South Side, Chicago. Die ­Adresse ist so berühmt, dass selbst die Rolling Stones einen ihrer Songs nach ihr benannt haben. Von dort zog ein Sound erst durch Chicago und die USA, dann durch den Rest der Welt, ein Sound, ohne den Bands wie Led Zeppelin und die Beach Boys, die Black Keys und die White Stripes, aber auch Kanye West und Dr. Dre, also so gut wie alle Musiker der vergangenen 60 Jahre, undenkbar gewesen wären: der Chicago Blues.

Natürlich, erfunden wurde der Blues im tiefen Süden der USA. Auf den riesigen Baumwollplantagen von Louisiana und Mississippi. Doch als die bitterarme schwarze Landbevölkerung ab den 1920er Jahren massenhaft in die Industriestädte des Nordens wie New York, Detroit oder eben Chicago zog, hatte sie neben ihrer Hoffnung auf ein bisschen Wohlstand auch ihre Kultur, ihre Songs im Gepäck.

1 Chess Records| 2 Linda’s Place | 3 Water hole Lounge | 4 Gene’s Playmate Lounge | 5 Blue Chicago | 6 Good Times Lounge | 7 Rosa’s Lounge

Hier spielt die Musik: Blues-Bars in Chicago
1 Chess Records| 2 Linda’s Place | 3 Water hole Lounge | 4 Gene’s Playmate Lounge | 5 Blue Chicago | 6 Good Times Lounge | 7 Rosa’s Lounge

© Cristóbal Schmal
Für das Blue Chicago steht man Schlange

Für das Blue Chicago steht man Schlange

© Clayton Hauck

 Heute ist Chicago die drittgrößte Metropole der USA, ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Doch damals lag das verruchte Erbe Al Capones zwischen den Stahlöfen und Schlachthäusern, wo viele der Zugezogenen hart schuften mussten. Wer konnte, verdiente sich seine Dollars lieber auf den unzähligen Bluesbühnen der Stadt. Das war – dem Whiskey sei Dank – nicht unbedingt gesünder, aber wesentlich einfacher.

Die besten Blues-Musiker der Stadt durften ihre Stücke über Betrug, Liebe und Einsamkeit im Plattenstudio der Gebrüder Chess in der 2120 South Michigan Avenue auf Vinyl pressen. Muddy Waters, Chuck Berry oder Koko Taylor: Die Platten schwarzer Blues-Musiker eroberten seit den fünfziger Jahren von der South Side aus die Ohren weißer Mittelstands-Kids auf der ganzen Welt, Rassentrennung und Rassismus zum Trotz. Und noch heute stehen unzählige berühmte Musiker und Bands auf den Schultern dieser Giganten. Auch wenn die ehrwürdigen Hallen heute ein Museum sind und aus dem Plattenstudio längst eine Stiftung geworden ist – der Pathos der hier entstandenen Songs überlagert die Patina. Die Mission der Blues Heaven Foundation präsentiert sich als neonblaue Figur mit Gitarre hinter den Fenstern im Obergeschoss: „Keeping the Blues alive“. Am Leben erhalten wird der Blues dadurch, dass er gespielt, dass er gefühlt wird. Deshalb treten regelmäßig Bands auf der einfachen, grau lackierten Holzbühne im Hof hinterm Haus auf, so auch an diesem Donnerstagabend. Selbst die ganz Großen zollen dieser kleinen Bühne ihren Tribut, wenn sie auf Tour in Chicago Halt machen. Vor Kurzem spielten die Rolling Stones im Hofgarten ein paar Songs, an anderen Tagen saß Alicia Keys schüchtern im Publikum.

Der Blues sagt dir, was du nicht hören willst

Keith Dixon-Nelson, Blues-Experte

Keith Dixon-Nelson ist ganz sicher: „Der Blues wird niemals sterben.“ Der 25-Jährige mit den kurz geschorenen Haaren und den weichen Gesichtszügen steht am Eingangstor zum Garten und begrüßt jeden der knapp 80 Besucher per Handschlag. Eine Band aus Louisiana hat sich angekündigt, die Veranstaltung wirkt wie ein Familientreffen. Das ist gewollt, erklärt Dixon-Nelson: „Die Konzerte hier sind vor allem für die Anwohner der Gegend. Die South Side ist arm, viele könnten sich einen Konzertbesuch gar nicht leisten. Daher sind unsere Sessions kostenlos.“

 Der Gastgeber ist nicht nur für Konzerte und Nachbarschaft zuständig, sondern gibt auch Führungen durchs Museum, vorbei an Devotionalien wie den Fender- und Stratocaster-Gitarren von B. B. King oder Single-Erstpressungen hinter Glas – einmal quer durch die Geschichte des Blues. Vor allem aber ist er eine Anekdotenmaschine. Kein Wunder, ist er doch der Enkel von Willie Dixon, dem legendären Songschreiber von Chess Records, der sich in über 4000 Kompositionen verewigt hat. Aus seiner Feder stammen Hymnen wie „Hoochie Coochie Man“ und „I Just Want To Make Love To You“. Aus Kollegen wurden Freunde, die regelmäßig bei Familie Dixon zu Besuch kamen. „Von meinem Groß­vater kenne ich all die Geschichten, die in keinem Buch über Blues zu finden sind.“ Auch die schmerzhaften Weisheiten des Blues lernte Nelson von seinem Großvater: „Der Blues sagt dir nicht, was du hören willst, sondern was du hören musst“, erläutert Nelson, „du bist pleite, musst morgen wieder früh raus, und deine Frau ist weg.“ Keine schönen Dinge. „Aber verdammt, so ist das Leben nun mal.“ Dann verschlucken die ersten Takte von „Sweet Home Chicago“ seine letzten Silben.

Vor der Bühne sitzt auch David „Chainsaw“ Dupont auf einem fleckigen Plastikstuhl. Chainsaw ist einer der bekanntesten Blues-Gitarristen der Stadt, seine Art, die Akkorde schnell wie eine Kettensäge zu spielen, brachte ihm seinen Spitznamen ein. Heute aber gehört er zum Publikum. Ein Strohhut verdeckt seine Augen, über dem Jeanshemd baumelt eine schwere Silberkette mit der Maske des ägyptischen Pharaos Tutanchamun. Die musikalischen Götter, ist der 59-Jährige sicher, schufen in Chicago ihr neues, klingendes Reich.

Chainsaw hat den Blues nicht gefunden, der Blues fand ihn. Er krächzte zu ihm aus klobigen braunen Holzradios, rauschte und knisterte auf den Grammophonen seiner Nachbarn, damals, deep down in Mississippi. Manchmal kam der Blues auch direkt in sein Haus, mitgebracht von den Musikern, die seine Eltern besuchten. David war gerade sechs Jahre alt, lauschte den tiefen Stimmen, den Akkorden der Gitarren, und warf sich dem Blues in die Arme. Die erste eigene Gitarre gab es mit zehn, das Spielen brachte er sich selbst bei.

„Wir arbeiteten in den Zuckerrohrfeldern, meine Eltern, meine Brüder, ich. Keiner von uns ging zur Schule. Wir hatten nicht genug zu essen, saßen einfach zusammen und drehten hungrig das Radio an“, sagt Chainsaw. Natürlich hörten sie Blues. Als David 14 wurde, sagte der Blues zu ihm: Come on, boy, let’s go. Hier unten gibt es nichts für dich. David ging. Mit seiner Gitarre und einem Koffer, mehr als 1000 Kilometer Richtung Norden, in die South Side von Chicago. Er wusste: Dort liegt das Epizen­trum der schwarzen Kultur, ganze Blocks an der 47. Straße waren als „Blues District“ bekannt. Der Norden Chicagos blieb eher für die weiße Bevölkerung reserviert. Getrennte Welten, auch heute noch: Gut 97 Prozent der South-Side-Einwohner sind schwarz.

Glänzende Jacke, glänzende Augen: Wenn Keith Dixon-Nelson bei Chess Records Blues-Insignien vorführt, hat man gefälligst zu staunen

Glänzende Jacke, glänzende Augen ...

© Clayton Hauck
Glänzende Jacke, glänzende Augen: Wenn Keith Dixon-Nelson bei Chess Records Blues-Insignien vorführt, hat man gefälligst zu staunen

... wenn Keith Dixon-Nelson bei Chess Records Blues-Insignien vorführt, hat man gefälligst zu staunen

© Clayton Hauck
Entweder man wird mit seiner Gitarre zur Legende, wie Buddy Guy

Entweder man wird mit seiner Gitarre zur Legende, wie Buddy Guy ...

© Clayton Hauck
oder man muss ab und an mal die Fender aus dem Pfand­haus holen: David „Chainsaw“ Dupont

... oder man muss ab und an mal die Fender aus dem Pfand­haus holen: David „Chainsaw“ Dupont

© Clayton Hauck
In Gene’s Playmate Lounge von Gene Payton und Carolyn Panister ist die Stimmung familiär

In Gene’s Playmate Lounge von Carolyn Panister und Gene Payton ist die Stimmung familiär

© Clayton Hauck
Außenansicht: Gene’s Playmate Lounge

Außenansicht: Gene’s Playmate Lounge

© Clayton Hauck
Das B.L.U.E.S. im Norden von Chicago feiert die Größten der Szene – und das Personal hat eine klare Botschaft

Das B.L.U.E.S. im Norden von Chicago feiert die Größten der Szene – und das Personal hat eine klare Botschaft

© Clayton Hauck

 Wie so viele andere sprang Chainsaw am Hauptbahnhof von ­Chicago vom Zug und erspielte sich auf dem Maxwell-Markt ein paar Dollar für die Nacht. Noch heute spielen mehr als 1000 Musiker in der Stadt den Blues, schätzt er. Und noch heute ist die Szene hart. Bekannt werden viele, reich die wenigsten. Auch Chainsaw nicht. Trotz seiner Bekanntheit: Seine Fender-Gitarre liegt mal wieder im Pfandhaus. Und die vielen Auftritte und monatelangen Touren haben ihren Preis gefordert. Seinen eigenen Sohn hat er schon seit Jahren nicht mehr gesehen, „der Blues ging vor“, seine Frau verließ ihn etliche Male und kehrte etliche Male zurück. Das Leben eine Lotterie, den Jackpot knacken immer andere. Aber wer den Blues gut spielen will, muss hungrig bleiben. Und Chainsaw spielt sehr gut.

Nun ist er des Reisens müde, er tritt nur noch in Chicago auf. Im Norden der Stadt, in den Läden von Downtown, im Blue Chicago oder im Buddy Guy’s Legends, im Schatten der Wolkenkratzer, wo sich Stretchlimousinen mit kreischenden Frauen von Ampel zu Ampel schieben, oder dicht bei den Szenevierteln wie Logan Square und Wicker Park. Läden mit guten Musikern, mit gutem Programm. Aber auch mit hohen Eintrittspreisen und vielen Touristen. Sie zahlen 12 bis 25 Dollar Eintritt, bekommen solide Musik geboten, dazu einwandfreie Drinks, und gehen mit einem Souvenir-T-Shirt wieder heim. In diesen Clubs spielen Musiker wie Chainsaw für Dollars. Für das Herz aber spielen sie in der South Side.

Dort liegen die Läden versteckt zwischen den schmalen, einfachen Häusern aus Holz mit ihren abgezäunten Vorgärten. Oder abgelegen an den Ausfallstraßen, wo die Lichter Downtowns von fern flackern wie Sterne am Horizont. Dunkle Straßen, raue Ecken, Brachen. Hierher verirren sich kaum Bewohner aus dem Norden Chicagos, für sie ist der Süden noch immer eine No-go-Gegend. Dabei schlägt hier das wahre Herz des Chicago Blues. In Clubs wie The Waterhole, Linda’s Place oder Good Times, in denen es weder Souvenirs noch Eintrittspreise gibt. In Linda’s Place zeigt nur eine fahle Miller-Beer-Neonwerbung im Fenster, dass sich hinter der klapprigen Tür überhaupt ein Lokal befindet. Über den Spiegeln der Bar steht: „If you want to stay in this place, you need a drink in your face.“

Auch Gene Paytons Bar Gene’s Playmate Lounge ist seit mehr als 30 Jahren unverändert. Wie eine Zeitreise: rotes Lametta an der angelaufenen Decke, rote Kunstlederbänke vor einer flachen, verspiegelten Bühne, natürlich eine Jukebox. Jeden Sonntagabend gibt es hier Live-Blues für die Nachbarschaft. Wer mag, kommt selbst auf die Bühne und kann ein Stück präsentieren. Payton, mittlerweile 73 Jahre alt, lädt seit Anfang der achtziger Jahre zu diesen Konzerten. Die Herren erscheinen in Anzügen in Weiß oder Weinrot, manche Damen im schwarzen Kleid, bis auf den Bassisten sind wieder alle Besucher schwarz. An manchen Abenden bilden sich Schlangen vor dem Eingang, dann weiß man, es ist Monatsanfang.

Es sind die versteckten Clubs wie Gene’s und Linda’s, die den echten Blues am Leben halten. Kaum beginnt ein Song, wird getanzt, kaum wird die erste Zeile gesungen, kommen Rufe aus dem Publikum: „Yeah, sister, he did you wrong.“ Es ist ein Fest, eine Feier des Blues. Auch wenn Parkinson an Genes linker Hand rüttelt und seine Partnerin Carolyn sich vorstellen kann, bald kürzerzutreten – ein Wunsch, eine Hoffnung bleibt: Mögen aus den Blues-Bars der South Side noch lange die hohen Schreie einer Gitarre bis zum Ende eines Straßenblocks zu hören sein, möge noch lange der Lieblingssong unzähliger Bands erklingen: „Everyday I Have The Blues“.


Patrick Witte, 40 Jahre, geboren in Bielefeld, Studium der Philosophie und Sozialwissenschaften in Berlin, Barcelona und Neapel. Arbeitet als freier Journalist für Reise, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, lebt in Berlin.