Die Biobauern von Bali Lufthansa Exclusive Juli 2016
© Anne Gabriel-Jürgens

Die Biobauern von Bali

  • TEXT ANNE HAEMING
  • FOTOS ANNE GABRIEL-JÜRGENS

Traditionspflege im Dschungel und am Meer: Auf der Ferieninsel wird nicht alles dem Tourismus geopfert. Ein Besuch bei Salzbauern, Algenfarmern und Kakaoproduzenten.

Blendend hell die Sonne, der Himmel, das Meer. Und lavaschwarz der Sand, gefärbt vom Vulkangestein Balis. „Hier ist es“, ruft Pak Kaping, die Wellen krachen ans Ufer. Kaping zeigt in Richtung Strand, zu seinem Arbeitsplatz. Der zierliche Mann, 52, wettergegerbtes Gesicht, strahlt, als er von der Tradition seiner Familie erzählt. Seit Jahrhunderten gewinnt sie Meersalz im Fischerdorf Kusamba an der Südostküste Balis. Schon Kapings Urgroßeltern­ arbeiteten als Salzfarmer.

Sein Beispiel erzählt gleich mehrere Dinge über Bali: dass auf der indonesischen Insel noch immer ursprüngliche Traditionen gepflegt werden – allerdings von immer weniger Menschen. Der Tourismus floriert, und Balinesen, die Englisch sprechen, heuern lieber in Restaurants, Hotels oder als Fremdenführer an, anstatt sich mit den Elementen abzuplagen. So verdienten am Strand von Kusamba noch in den 1990er-Jahren mehr als 50 Familien ihren Lebensunterhalt mit Salz, heute sind es nur noch 15. Kapings Beispiel zeigt aber auch, dass der Export denjenigen Chancen bietet, die noch immer Salz aus dem Ozean gewinnen, Algen ernten oder Kakao anbauen. Weil Kleinerzeuger-Produkte in den Bio-Märkten der internationalen Metropolen boomen. Und es belegt, dass das Leben der Kleinbauern weiter vom hinduistischen Glauben und von Spiritualität geprägt ist – Big Business hin oder her.

Pak Kaping ist wieder ans Wasser gegangen, wie schon etliche Male seit dem Morgengrauen. Quer über seine Schultern hat er eine ­Holzstange gelegt, an der zwei Lederbottiche baumeln. Er füllt sie in den Wellen und schleppt sie schweren Schrittes eine Anhöhe hinauf. Mit Schwung spritzt er das Wasser auf den Sandboden. Wo die Sonne das Sand-Salzwasser-Gemisch getrocknet hat, kniet ­Kapings Frau und schaufelt die schwarzglitzernde Masse in Holzkörbe, um sie später in eine der Arbeitshütten zu schaffen. Dort steht ihre Tochter und gießt frisches Wasser über den Sandberg, immer wieder, um das Salz aus dem Sand zu spülen und es erneut in der sengenden Hitze zu trocknen. Pak Kaping eilt zu einem der flachen Tische, auf denen das fast fertige Salz liegt, eine dickflüssige, funkelnde Paste. „Probiert mal!“, ruft er und steckt einen Finger hinein. Es schmeckt … natürlich salzig.

20 Kilogramm pro Tag, das ist sein Ertrag. Die 50-Kilo-Säcke, die in einer schattigen Hütte lagern, verkauft er an Spas in Japan und an Gourmets in Frankreich. „Ich bete zu den Göttern, dass der Meeresspiegel nicht steigt“, sagt Kaping. Seine Hütte am Meer und die Sandfelder, auf denen das Salz trocknet, sind die Grundlagen seines Lebens. Damit seine Gebete erhört werden, verteilt er jeden Morgen und jeden Abend Blüten und Reis als Opfergaben am Strand und neben seinen 17 Trockenbecken.

Salzfarmer Pak Kaping verteilt Salzwasser auf dem schwarzen Sandboden

Salzgewinnung ist harte Arbeit. Alles beginnt mit Meerwasser, das Salzfarmer Pak Kaping über den schwarzen Sandboden verteilt

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Das Salzt wird durch einen Basttrichter gefiltert

Am Ende wird das fertige ­Produkt durch einen Bast­trichter gefiltert

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 Auch I Wayan Sudarta ruft allmorgendlich die Götter an, wenn er bei Ebbe seine Opfergaben zu einem heiligen Stein bringt, draußen im Meer. „Ich bete dafür, dass es trocken bleibt“, sagt er. Regen sei schlecht für die Algen, bei trübem Wasser leide die Qualität. Der 47-Jährige steht bis zu den Knien im Wasser und schaut skeptisch gen Himmel. Gewittergraue Wolken, es tröpfelt etwas. Sudarta ist Algenbauer am Nordostzipfel der kleinen Insel Nusa Lembongan, 15 Kilometer südlich von Bali. Mit einem guten Feldstecher könnte er von seinen Algenfeldern aus Pak Kaping am Strand von Kusamba sehen.

Sudarta ist ein Typ mit kräftigem Kreuz und breitem Grinsen. Er sieht aus wie ein Bauer, aber er ist ein Unternehmer. 25 Algenfarmer aus der Gegend arbeiten für ihn. Während er in der Nachmittags­ebbe in Flipflops seine riesigen Wasserfelder abschreitet, holt eine zierliche alte Frau Girlande um Girlande grüner Algen aus dem Wasser, die sie auf ein Holzboot neben sich legt. Sudarta lässt gerade ernten. „Ich war der Erste, der hier auf der Insel Algen anpflanzte, zusammen mit meinem Großvater, da war ich elf“, erzählt er. Die Algen haben in seinem Dorf alles verändert, endlich verdienten die Bewohner Geld. Früher lebten sie allein von der Fischerei, aber das brachte so wenig ein, dass nackte Armut herrschte. Heute profitieren sie – wie Balis Salzbauern – von der weltweiten Nachfrage nach erlesenen Rohstoffen.

Algenbauern auf der Insel Nusa Lembongan

Wohlverdiente Ernte: Auf der Insel Nusa Lembongan stimmen Algenbauern ...

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Liebevoll ­gestaltete Opfergaben auf Bali

... ihre Götter mit liebevoll ­gestalteten Opfergaben gnädig

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 Den Großteil der Algen liefern sie nach Japan, wo sie in der Pharma- und Kosmetikindustrie gebraucht werden, der Rest landet in Restaurants in Hongkong, erzählt Sudarta auf dem Weg zu seinem Haus hinter dem Strand. Seine Frau arbeitet im Krankenhaus, die ältere Tochter ist in der Schule, er passt tagsüber auf die jüngste auf. Und bereitet zwischendurch eine frische Ladung Algen zum Auspflanzen vor. Er lässt sich auf einen Plastikstuhl im Schatten fallen, greift eine Leine, mit der anderen Hand fischt er einen glänzenden Algenschössling nach dem anderen aus einem Korb und knotet ihn an die Schnur. Er bricht ein Stück ab, es knackt wie bei einem Zweig. „So muss es klingen, wenn sie ganz jung sind“, sagt er.

Er liebt seinen Job, ist stolz auf das, was sein Großvater und er aufgebaut haben. Aber das Algen­geschäft kriselt. „Früher dauerte es zwei ­Wochen, bis die Algen erntereif waren“, erzählt
Sudarta, „heute sind es anderthalb Monate.“ Der Klimawandel sei schuld. Mit steigenden Temperaturen ändern sich die Nährstoffe im Wasser, die Algen wachsen schlechter. Zudem sind die Preise drastisch gesunken. Mitte der 1990er bekam er noch umgerechnet rund 1,70 Euro für das Kilo Algen, heute sind es nur noch 40 Cent. Ein zweites Standbein musste her. Mit vier weiteren Familien kaufte sich Sudarta ein Schnellboot, mit dem sie Touristen von Bali auf ihre Insel bringen. „Wer, wenn nicht wir Algenfarmer? Mit dem Wetter, dem Wasser, den Strömungen kennen wir uns schließlich aus“, sagt Sudarta. Glory Express haben sie ihr Boot hoffnungsvoll getauft, über dem Schriftzug prangt ein Krönchen.

Wertvoller Rohstoff: balinesische Kakaobohnen

Wertvoller Rohstoff: balinesische Kakaobohnen

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Die Biobauern von Bali Lufthansa Exclusive Juli 2016

Köstliches Kokosdessert im ­Restaurant Ku De Ta in Seminyak

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Die Biobauern von Bali Lufthansa Exclusive Juli 2016

Nova Indriani, 29, legt Hand an beim Kakaohersteller Big Tree Farms

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 Die Macher von Big Tree Farms haben sich eines fest vorgenommen: dass der Kakao- und Kokosanbau genug abwerfen soll – und niemand ins Geschäft mit dem Tourismus wechseln muss. In der Nähe von Ubud in Balis Inselmitte verarbeiten sie Kakaobohnen und Kokosblüten. In einem Gebäude, das einem großen, filigranen Tempel gleicht, die Wände gewoben aus Bambusstreben. Ein süßlich-bitterer Duft dringt nach draußen, wo die Luft noch feucht ist vom letzten Regenschauer. Hinter Big Tree Farms stecken die US-Amerikaner Ben ­Ripple und Frederick Schilling. Die beiden Unternehmer erkannten die Nachfrage nach Bio-Produkten von Bali bereits 2003. Ripple lebt mit seiner Familie wenige Autominuten von der Produktionsstätte entfernt, Schilling, der mit dem Verkauf eines Bio-Schokoladen-Start-ups an den amerikanischen Süßwarenriesen Hershey Company ein Vermögen gemacht hat, lebt mittlerweile wieder in den USA. Beide wollen sie beweisen, dass nachhaltige Landwirtschaft auf Bali nicht nur möglich ist, sondern auch rentabel.

Kakaobutter, Schokolade, Kokossirup – die Produktpalette von Big Tree Farms wird stetig erweitert. Die Firma verkauft Produkte an Süßwarenhändler auf der ganzen Welt. Nova Indriani, 29, zeigt uns die Produktionsräume. Sie führt zu einer Presse, die Kakaofett nach einer geheimen Methode so lange bearbeitet, bis daraus Butter entsteht. Sie zeigt Geräte, in denen Kakaobohnen in winzige Splitter zerfallen. Und sie erklärt, wie aus Kokosblüten Nektar für Sirup gewonnen wird. Sie muss laut werden dabei, denn die Mahlmaschine hinter ihr macht ohrenbetäubenden Lärm, während sie Kakaobohnen zu einer zähen, feucht glänzenden Masse reibt. Das eierschalenfarbene Gerät aus Gusseisen ist „Made in Switzerland“ – und zwar im frühen 20. Jahrhundert. Modernere Technik gibt es nicht. „Wir wollten Menschen nicht durch Maschinen ersetzen“, ruft Indriani in das Getöse. 190 Angestellte arbeiten für das Unternehmen. Jedes Produkt wird am Ende per Hand eingepackt und mit Etiketten beklebt.

Kokos und Kakao: Die Pflanzen, die Big Tree Farms verarbeitet, sind auf Bali nichts Besonderes. Sie wuchern neben dem Parkplatz genauso wie im Dschungel um die Ecke, dicht am Ayung River, dem längsten Fluss der Insel. Egal wohin man schaut: Dutzende Schattierungen von Grün, das Rauschen von Blättern im Wind, in Palmen baumeln Kokosnüsse, auf einer kleinen Lichtung wachsen gelb-grün-schwarz gescheckte Kakaofrüchte. Nirgends ein Zeichen dafür, dass Big Tree Farms die Rohstoffe ausgehen könnten. Und dennoch, mittendrin wieder eine Opfergabe: Orchideenblüten, an einen Baumstamm getackert. „Das ist noch vom Feiertag letzte Woche“, erklärt Nova Indriani, „so bedanken wir uns für die gute Ernte.“ Eine Ernte, die von Bali aus bald in die ganze Welt gehen wird.


 

 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.