Costas Varotsos' „Läufer“
© Wolfgang Stahr

Die Kunst der Stunde

  • TEXT PAULINA CZIENSKOWSKI
  • FOTOS WOLFGANG STAHR

Athen gilt als Stadt der Krisen und Proteste. Stimmt wohl – aber nicht nur. Jetzt kommt die Documenta, die weltweit wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Welche Kräfte setzt sie frei?

Ganz still ist es hier oben auf der Akropolis, hoch über dem Häusermeer Athens, ganz ungewohnt. Kein Motorenlärm, kein lautes Straßentreiben. Ringsherum Ruinen, fast 2500 Jahre alt. Über allem thront der Parthenon mit seinen wuchtigen, mehr als zehn Meter hohen Säulen. Hier ist die Geburtsstätte der Demokratie, hier war einst das Zentrum der europäischen Zivilisation. Gibt es einen symbolträchtigeren Ort als diesen? Und dann schält sich auch noch langsam die Sonne aus den Wolken, legt ihre Strahlen auf den speckig glänzenden Marmor – ein wahrer Postkartenmoment.

Szenenwechsel. Unten, im dicht besiedelten Stadtkern, muss man auch bei Grün aufpassen, nicht angefahren zu werden. Hier herrscht keinerlei Bedächtigkeit, sondern ruppige Realität. Dicht an dicht stehen graue Klötze aus Beton, die sich an manchen Stellen zu überlappen scheinen. Es ist die Moderne, die sich auf diese Weise in Griechenlands Hauptstadt verewigt hat. Ohne Regeln, ohne Stadtplanung, ohne eine ordnende Hand. An manchen Fassaden hängen Klimaanlagenklötze am maroden Putz, wie aus der Mode gekommene Accessoires. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist fasziniert vom brutalen Anblick, oder man findet ihn schlicht schaurig.

Blick über Athen

Beste Aussichten: Blick über Athen

© Wolfgang Stahr
Touristen vor dem Olympieion

Ruine trifft Selfie-Stick: Touristen vor dem Olympieion

© Wolfgang Stahr

  Der Gegensatz zwischen klassischer Perfektion und scheinbar anarchischer Bebauung beschäftigt auch den Künstler Andreas Angelidakis. Der 49-Jährige trägt Glatze und Bart, seine blauen Augen blicken sanftmütig. Er empfängt in seinem Studio im Erdgeschoss eines Wohnblocks, die riesigen Fenster hat er mit hellen Stoffbahnen verhängt. Auf dem Boden stehen und liegen Dinge herum: ein blauer Beistelltisch, eine ­Küchenrolle, ein Computer, der nicht mehr funktioniert. Ist das Kunst oder kann das weg? Angelidakis lacht und entschuldigt sich für das Chaos. Er hat sich mit Installationen und Skulpturen internatio­nal einen Namen gemacht, stellte auf der Berlin Biennale aus und am Swiss Institute for Contemporary Art in New York. Nun be­reitet er sich auf den nächsten Höhepunkt ­seiner Karriere vor, seinen Beitrag zur 14. Documenta.

Seit 1955 gibt es die weltweit wichtigste Ausstellungsreihe zeitgenössischer Kunst bereits. Nun findet sie erstmals in zwei Städten statt, erst in Athen, später am Hauptsitz in Kassel. An vielen öffentlichen Orten werden ab dem 8. April in Athen für 100 ­Tage die Werke internationaler Künstler gezeigt, etwa in der Konzerthalle Megaron und im ehemaligen Hauptquartier der Militärpolizei. Über 100 Künstler wurden eingeladen, um Projekte für Athen wie für Kassel zu entwickeln.

Was Angelidakis in Deutschland ausstellen wird, will er noch nicht verraten. Nur so viel: In Athen zeigt er eine Installation, in Kassel „wahrscheinlich“ Videoarbeiten. Sie sollen sich mit den „zwei Identitäten“ seiner Heimatstadt befassen, mit der idealen wie der realen, die im ständigen Austausch miteinander stehen, sich aneinander reiben. Einerseits ist da die antike Bauform, perfekt, demokratisch, marmorn, für immer. Daneben das archaische Bauen, ins Stadtbild geknallt. Ein Gegensatz, der auch den Unterschied zwischen Griechenland und dem Rest Europas beschreibt, meint Angelidakis. Am Beispiel von Kassel und Athen heißt das: „Für mich ist diese deutsche Stadt alles, was Athen nicht ist – grün, ruhig, sauber.“ Deutschland sei organisiert und beschützt, es funktioniere nach Plan, „hier im Süden gibt es viele Probleme.“

Das Athener Museum für Zeitgenössische Kunst

Die Documenta öffnet neue Räume: Das Athener Museum für Zeitgenössische Kunst

© Wolfgang Stahr
Andreas Angelidakis

Künstler Andreas Angelidakis ...

© Wolfgang Stahr
Andreas Angelidakis Werk „Study for Crash Pad“

... und sein Werk „Study for Crash Pad“

© Courtesy Andreas Angelidakis
Tazza-Bar im eleganten Stadtviertel Kolonaki

Szenetreff: In der Tazza-Bar im eleganten Stadtviertel Kolonaki trifft Boheme auf altes Geld

© Wolfgang Stahr
Straßenszene in Exarchia, Athen

Die Straßen des alternativen Stadtteils Exarchia wirken wie Galerien unter freiem Himmel

© Wolfgang Stahr

  Für die griechische Wirklichkeit wird seit Jahren fast nur ein Wort verwendet: Krise. Sie mischt sich überall hinein: Flüchtlinge, Regierung, Wirtschaft, Banken, EU. Was man sieht: geschlossene Geschäfte, Arbeitslose, Menschen, die einzelne Taschentücher am Straßenrand verkaufen. Das Geld fehlt überall, erst recht für Kultur. Zeitgenössische Kunst wurde in Griechenland bisher kaum staatlich gefördert. Das antike Erbe, das ja. Aber neu Gedachtes, bemängeln viele Künstler, werde als nicht so wichtig empfunden für die griechische Identität. Wer in Griechenland Kunst produziert, braucht private Förderer, oder er finanziert sich selbst. Als sich der wirtschaftliche Bankrott des Landes vor gut zehn Jahren andeutete, wurden viele begonnene Projekte gestoppt, auf Eis gelegt. Der Staat kürzte Zuschüsse, Sponsoren zogen sich zurück. So musste das renommierte Benaki-Museum die Zahl der Ausstellungen reduzieren, das jährliche Budget des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) wurde halbiert. Jahrelang reichte das Geld der wichtigen staatlichen Institution nicht einmal für einen eigenen Standort.

Meine Heimat hat zwei Identitäten, eine ideale und eine reale

Andreas Angelidakis, Künstler

Doch die Not bietet auch Chancen. Während eine ­Reihe etablierter Galerien schloss, eröffneten kleine Räume, von Off-Galeristen oder den Künstlern selbst organisiert. „Athener Kunst war schon immer Guerilla, daran sind wir gewöhnt“, sagt Angelidakis. Er klingt dabei nicht trotzig, eher abgeklärt. Ein Realist, der auch ein wenig stolz darauf ist, dass ihm nie der rote Teppich ausgelegt wurde, er es aber trotzdem schafft, innovativ und mutig zu bleiben. Fragt man ihn nach seiner Interpretation des Arbeitstitels der Documenta – „Von Athen lernen“ –, überlegt er eine Weile. Dann sagt er: „Man sollte sich nicht ständig über den Ist-Zustand beschweren, sondern lieber nutzen, was da ist.“

Blick auf Athen, Documenta-Partner 2017

Kunst und Werk: Athen ist Documenta-Partner 2017

© Wolfgang Stahr

  Dass die Documenta an einen expliziten Krisenort kommt, passt zu den Anfängen der Kunstschau, die zehn Jahre nach Kriegsende aus den Ruinen einer westdeutschen Großstadt heraus wuchs. Auch Vorgänger des diesjährigen Documenta-­Leiters Adam Szymczyks haben Städte wie Kairo oder Kabul besucht, um Kooperationen zu entwickeln, nicht aber gleich die ganze Großausstellung auf zwei Standorte verteilt. Erst Szymczyk überzeugte die Findungskommission, im Süden zu gastieren. Mit der Öffnung des Documenta-Konzepts will Szymczyk, ein Kenner der Konzeptkunst, auf Europas wirtschaftliche, kulturelle und soziale Probleme aufmerksam machen. Griechenland steht dabei als Sinnbild für eine sich rapide verändernde globale Situation.

Eine gute Gelegenheit zur Profilierung für die lokale Kunst­szene, meint Kuratorin Helena Papadopoulos, die seit zweieinhalb Jahren die Non-Profit-Galerie Radio Athènes leitet – ein Ort, an dem griechische und internationale Künstler ausstellen und sich austauschen. Papadopoulos arbeitete schon als Kuratorin in New York und Berlin, sie weiß um die Bedeutung internationaler Aufmerksamkeit für die Kunst. „Kuratoren und Galeristen aus aller Welt besuchen Athen, nehmen an Veranstaltungen teil, vernetzen sich mit lokalen Künstlern, daraus entstehen wiederum neue Projekte.“ Nun muss die Stadt diese Chance auch nutzen und die Documenta als Joker einsetzen, um die Dinge voranzutreiben – wie die Eröffnung des ersten EMST-Standorts in den Hallen einer stillgelegten Brauerei, wo auch Documenta-Veranstaltungen stattfinden werden. Der Start ist hoffnungsvoll, aber bescheiden: Bislang wird nur ein Bruchteil der 20 000 Quadratmeter bespielt. Unberührt und klinisch weiß gestrichen liegen die übrigen Räume da, das Budget reicht weder für Personal noch für den Aufbau einer Sammlung. Nur der Wille, der ist da.

Der Projektraum 3137

Der Projektraum 3137 ...

© Wolfgang Stahr
Kunst in Exarchia

... liegt mitten im alternativen Stadtteil Exarchia

© Wolfgang Stahr

  Das Büro der Documenta liegt im Alternativen-Viertel Ex­ar­chia, wo sich besonders viel Kreativität aus politischer Frus­tra­tion bilden lässt. Die Gegend, an Berlin-Kreuzberg in den 1980er-Jahren erinnernd, gilt als schwierig. Drogensüchtige und Obdachlose, Anarchisten und Antifaschisten. Doch eben auch die Heimat vieler Intellektueller, ein guter Nährboden für Kreativität und heftige Proteste: gegen den Erzbischof, gegen Militarismus in jeder Form, immer wieder gegen die Regierung. Die Häu­serwände sind eine einzige Graffiti-Galerie. Kaum eine Stelle ist frei. „Lose“, „Hate“, „Crash“, Anti-Merkel-Parolen. Plakate rufen zu Demonstrationen auf. Hier ist die Kunst „mittendrin“.

Illustration: Karte von Athen

1 Museum für Zeitgenössische Kunst
2 Akropolis
3 Galerie Radio Athènes
4 Nationaloper
5 Galerie 3137
6 Park Eleftherias
7 Konzerthalle Megaron

© Cristóbal Schmal

An einem friedlichen Donnerstagabend in Exarchia stehen junge Leute vor dem Projektraum „3137“. Junge, biertrinkende Kunstfreunde unterhalten sich auf Englisch, es geht gesittet und kosmopolitisch zu. Die Britin Poppy Bowers, die schon für die renommierte Londoner Whitechapel Gallery gearbeitet hat, eröffnet ihre Ausstellung. Auch Mitarbeiter des Documenta-Komitees sind da. „3137“ wurde 2011 von einem Kollektiv junger Künstler gegründet, unter ihnen Chrysanthi Koumianaki, ­schmächtig und, obwohl Anfang 30, jugendlich wirkend. Sie sagt, gerade aus der andauernden Krise beziehe sie ihre Motivation. Sie ahnt aber auch, dass ihr Elan nicht für alle Zeiten ausreicht – selbst der größte Enthusiast werde irgendwann müde. Sie berichtet von vielen Künstlern, die diesen Punkt erreicht haben – und dann ins Ausland gegangen sind. Was Koumianaki von der Documenta hält? Die Künstlerin bleibt realistisch. Sie glaubt nicht, dass Athen dadurch zum neuen Kunst-Hotspot avanciert. „Man muss sehen, was danach davon übrig bleibt.“ Aber die Documenta komme genau zur richtigen Zeit, sagt sie. „Weil sie der griechischen Kunstszene neue Impulse bringt“ – und endlich eine Bühne, auf der sie sich der Kunstwelt zeigen kann.


… war fasziniert von den grauen Betonlandschaften Athens. Auf den hartnäckigen Muskelkater nach ihren Touren durch die hügelige Stadt hätte sie aber durchaus verzichten können.