Straßenszene in Madrids Kreativ-Viertel Malasaña
© Malte Jäger

Drei Viertel Madrid

  • TEXT MICHAEL HANDWERK
  • FOTOS MALTE JÄGER
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Ein Kurztrip nach Spanien? Viele denken an Barcelona, einige an Valencia – doch das kulturelle Herz Spaniens schlägt in der Hauptstadt. Vor der Semana Santa, der Karwoche, hat sich unser Autor in jenen Stadtteilen umgesehen, wo das Leben pulsiert.

Vielfalt, Wut und Hoffnung: Lavapiés

Beats knallen aus den Boxentürmen. Die schmale Frau auf der Bühne presst ihren Zorn in hart geschliffene Verse. „Wir sind entschlossen – wer soll uns stoppen? Der Missbrauch der Macht – wird jedes Mal sichtbarer!“, rappt sie mit fester Stimme. Emi Rap nennt sich die 26-Jährige. Ihr Auftritt lockt Hunderte auf die Plaza Nelson Mandela beim Stadtteilfest in Lavapiés. Das Viertel ist vielfältig, hier leben Menschen aus 88 Nationen. Im Gassengewirr finden sich asiatische Lebensmittelgeschäfte, arabische Imbisse und indische Restaurants. An einer Ecke plaudern drei nordafrikanische Männer, einer trägt die Dschallabija, das lange arabische Männergewand. Wenige Schritte weiter trifft man wild gestikulierende spanische Rentnerinnen, in einem Laden stöbern zwei Inderinnen im Sari.

Es ist der Nachmittag vor Emi Raps Auftritt. Auf dem Weg zu der Bar, in der wir verabredet sind, durchqueren der Fotograf und ich die Calle del Oso, eine enge Gasse. Bunte, urspanische Schultertücher, die „Mantones de Manila“, wurden, zu Girlanden geknüpft, quer über die Straße gehängt. Noch ist es ruhig, doch in der Nacht, wenn die Menge feiert, wird hier kaum ein Durchkommen sein. Wir treffen eine stille, zurückhaltende Emi Rap, ganz anders als die Wutgetriebene, die auf der Bühne tobt. Wie Noemi Laforgue – so ihr bürgerlicher Name – hat auch Lavapiés zwei Gesichter. Hier das offensichtliche: die pure vielfältige Schönheit des Viertels. „Die Leute sind nicht nur zum Shoppen unterwegs oder auf dem Weg zur Arbeit“, sagt Emi Rap, „sondern um Menschen zu begegnen und Spaß zu haben.“ Noch ein Grund, warum sie das Viertel liebt: „Hier gibt’s das beste indische Essen, und es kostet nur halb so viel wie im Rest der Stadt.“

Doch es existiert auch die andere Seite, die Perspektivlosigkeit. Vielen Einwanderern, vor allem den Jugendlichen, fehlt es an Chancen, fehlt es an Vorbildern. Statt über solche Probleme bloß zu klagen, packt Emi Rap selbst mit an: Bei einem Jugendzentrum im Stadtteil gibt sie Musik-Workshops. Auch ihr habe die Musik früher geholfen, wenn sie Ärger mit ihren Eltern hatte, sagt sie, diese Erfahrung will sie weitergeben. „Da ist dieser 13-Jährige mit spanisch-arabischen Eltern“, erzählt Emi Rap, „ständig fing er Streit an, war schlecht gelaunt.“ Sie zeigte ihm, wie er mit Rap seine Aggressionen kanalisieren konnte. „Eine tolle Entwicklung habe ich auch bei einem 15-jährigen Sinto erlebt, der Gitarre spielt“, nennt sie gleich noch ein Beispiel, „das Zentrum gibt ihm jetzt die Chance, seine Songs aufzunehmen.“

Musikerin Emi Rap in Madrid

Musikerin Emi Rap

© Malte Jäger
Das Kulturzentrum La Tabacalera in Madrid

Das Kulturzentrum La Tabacalera

© Malte Jäger

MAD

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Feiern im Zeichen des Regenbogens: Chueca

Auf die Sekunde pünktlich steigt Alfonso Llopart von seinem Motorrad. Wir stehen vor einem weiß gestrichenen Gründerzeit-Altbau am Rande von Chueca, einem der elegantesten Stadtteile Madrids. Die Straßen sind gefegt, die Fassaden saniert. Die Eisengitter vor den Balkonen funkeln in der Sonne. Zu Chuecas heutigem Glanz hat Alfonso Llopart einiges beigetragen.

Der 52-Jährige ist Chefredakteur von Shangay, dem Sprachrohr der Madrider Gay-Community. In den 1970er-Jahren sei Chueca alles andere als hip gewesen, erklärt Llopart, während wir durchs Viertel laufen, „die Gegend war heruntergekommen, voller Drogendealer, immer wieder gab es Raubüberfälle.“ Llopart deutet auf ein Ecklokal: „Bis die hierher kamen“. Das Black & White, die erste schwule Bar, eröffnete 1980. Chueca war ein ideales Versteck, ein guter Rückzugsort. Die Schwulenbewegung formte das Viertel, und sie befreite es schließlich aus seiner sozia­len Randlage: Immer mehr Homosexuelle zog es nach Chueca, mehr Bars und Clubs eröffneten, heute gibt es schwule Restaurants und Supermärkte. Mit der Szene kam das Geld – und mit dem Geld zog die Madrider Boheme ins Viertel ein.

 

Alfonso Llopert zeigt Flagge

Alfonso Llopert zeigt Flagge

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Buch-Cover mit zwei Männern in einer Boutique in Chueca

Bücher-Liebe in einer Boutique in Chueca

© Malte Jäger
Alfonso Llopart in Madrid

Alfonso Llopart ist einer der Organisatoren der jährlichen Gay-Pride-Parade

© Malte Jäger
Bunte Perücken in einem Geschäft in Chueca

Wild bis elegant: Perückengeschäft in Chueca

© Malte Jäger

Mit Gleichgesinnten organisiert Llopart jedes Jahr die größte LGBT-Parade Spaniens: „Madrid Orgullo“. Der Umzug, der an die New Yorker Anti-Schwulen-Razzien im Juni 1969 erinnert, startete 1978 in Chueca. Längst ist der Stadtteil zu klein geworden für das Festival, heute führt die Parade über die großen Boulevards im Zentrum. „Nur der High-Heels-Wettlauf ab Schuhgröße 43 führt noch immer durch die schmale Calle Pelayo“, freut sich Llopart, „vor Tausenden johlender Fans – ein Spektakel!“

Erst zogen Schwule und Lesben nach Chueca, dann die Madrider Boheme

Nun gibt es noch eine Steigerung: Im Juni wird die spanische Hauptstadt Gastgeberin des Weltfestivals „World Pride“ sein. Llopart ist fast nur noch unterwegs. Buchen, verhandeln, Deals verabreden. Sein Handy klingelt. „Hola Amigo, schön, dass du zurückrufst“, ruft er ins Telefon, „du musst dieses Jahr unbedingt wieder hier in Madrid singen, und zwar ohne Gage – du weißt doch, wie schmal unser Budget ist.“ Llopart lauscht ins Telefon. „Ach, die Musiker brauchen ein Hotel? Gut, wir regeln das.“ Das war Falete, klärt er uns nach dem Telefonat auf, „eine homosexuelle Flamenco-Ikone aus Andalusien“.

Voll kreativer Köpfe: Malasaña

Ein neues Viertel, wieder werden wir in eine neue Welt geworfen. Carlota Ferrer, eleganter Hosenanzug, Hut und rote Mähne, wirkt, als käme sie geradewegs von einer Premierenfeier. Theater-Insidern in Madrid ist die 40-Jährige schon länger ein Begriff, vor einigen Jahren wurde sie als Regisseurin von „Los Nadadores Nocturnos“ von José Manuel Mora auch dem breiten spanischen Publikum bekannt. In einer fragmentierten Welt sind ihre einsamen „Nächtlichen Schwimmer“ auf der Suche nach verlorenen Werten. Das Stück karikiert Madrid als Kommerz-Metropole, in der Metrostationen die Namen von Sponsoren tragen – was tageweise bereits vorkam!. „Wir fragen, was heute richtiges Leben heißt. Die Antwort muss aber jeder Zuschauer selbst finden.“ Wir sind im Restaurant Ojalá verabredet. Von der Decke hängen Pflanzen in den Raum, am Nachbartisch teilt sich eine Gruppe Hipster einen Liter Sangria, am Tresen schlürft ein Pärchen Gin Tonic. Immer wieder entstehen Orte wie dieser im Ausgeh-­Viertel Malasaña. Die bewegte Geschichte des Stadtteils geht auf das Jahr 1975 zurück: Nach dem Tod des Diktators Franco zündete hier die movida madrileña, die den schrillen He­donismus ­feierte. In den Spelunken rund um die Plaza Dos de Mayo widmete sich der später weltberühmte Filmregisseur Pedro Almodóvar Drogen- und Alkoholexzessen.

Carlota Ferrer liebt Malasaña, vor allem die Galerien und Theater des Viertels. „Die Szene ist in Bewegung“, sagt sie und zündet sich die nächste Zigarette an, „die Bühnen experimentieren mit modernen Spielformen, und viel mehr junge Leute als zuvor wollen das miterleben.“ Ferrers Kollege Gon Ramos, den wir in der nächsten Bar treffen, bestätigt: „Das Publikum heute sucht mehr als bloß Zerstreuung.“ Der 27-Jährige spielt und inszeniert auf den Alternativbühnen in Malasaña. Sein letztes Stück, „Yogur Piano“, angelehnt an den Song „Fjögur Píanó“ der isländischen Band Sigur Rós, zeichnet das Bild einer kalten, psychopathischen Gesellschaft. Es wurde ein riesiger Erfolg in der Off-Szene. Ramos fühlt sich angespornt. „Spanien durchlebt Krisen und Korruptionsskandale, da können wir Theaterleute nicht die Hände in den Schoß legen“, sagt er. Darauf noch ein Bier? „Keine Zeit.“ Er muss los, zur Probe für sein neues Stück.

Illustration: Karte von Madrid

1 Bar La Vía Láctea
2 Restaurant Ojalá
3 Galerie Sabrina Amrani
4 Bar Black & White
5 Perückengeschäft Talia
6 Calle del Oso
7 Urban Garden „Esta es una Plaza“

© Cristóbal Schmal

Weiter, immer weiter. Auch Jal Hamad ist so ein Getriebener. „Sabrina Amrani“ steht an seiner Tür – der Name seiner Frau und auch der ihrer gemeinsamen Galerie. Für diesen Traum hat die Tochter algerischer Einwanderer einen gut bezahlten Job bei einem Lebensmittelkonzern aufgegeben. Hamad – die Mutter Spanierin, der Vater Syrer – schießt das notwendige Geld zu, er verdient es mit seiner Multimedia-Agentur. In seiner Galerie zeigt das Paar auffallend häufig Künstler, die mehr als nur ein Land ihre Heimat nennen: einen Südkoreaner aus New York, einen Franzosen aus Madagaskar und Marlon de Azambuja aus Brasilien, der ein paar Straßen weiter wohnt. „Reiner Zufall“, sagt Hamad dazu. Aber das muss man ja nicht glauben.


Zum Ziel

 

Lufthansa fliegt drei- bis viermal täglich von München (MUC) und Frankfurt (FRA) nach Madrid (MAD). Ihre Meilengutschrift können Sie unter meilenrechner.de ermitteln.

Lh.com