Illustration: Ein Loch in der Erde, Daniel Egnéus
© Daniel Egnéus

Ein Loch in der Erde

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Selten nur reisen wir an unsere Sehnsuchtsziele – fürchten wir die Enttäuschung, weil es dort nie so schön ist wie erträumt?

Es gibt Orte, die man einst bereiste, vor zehn, zwanzig oder mehr Jahren gar, und die einen seither nie mehr ganz hergegeben haben. Es scheint, als müsste ein kleinstes Stück von einem selbst dort zurückgeblieben sein. Manchmal erzähle ich meinen Kindern davon. Vom herbstlichen Wald im nördlichen Lappland während der magischen Ruska-Zeit, der einen mit seiner betörenden Monotonie und beinahe betäubenden Größe glauben lässt, man wäre in ein veritables Märchen gefallen. Oder ich erzähle von der Weite des Himmels über Sambia, dem unvergleichlichen Licht und dem zeitlupenartig wirkenden Gang der Giraffen am Luangwa River. Oder vom Eintauchen in das Wasser der höllisch heißen Quellen in den Bergen um Kusatsu in der japanischen Gunma-Präfektur, von leisem Wimmern begleitet.

Jeder Gedanke, jedes Erinnern an diese Reisen, stets verbunden mit dem innigen Wunsch, noch einmal dorthin zurückzukehren, am besten mit jemandem, dem man diese Orte zeigen kann, den eigenen Kindern beispielsweise, in der Hoffnung, der Zauber möge sich auch auf sie übertragen.

Und dann gibt es die anderen Orte. Jene, an denen man noch nie gewesen ist, obwohl man sie immer schon besuchen wollte. Ein solcher Ort liegt in der Wüste mit dem Namen Karakum in Zentralasien, genauer, in Turkmenistan. Die Wüste ist so groß, sagt Wikipedia, dass sie 90 Prozent der Fläche Turkmenistans ausmacht. Dem Luchs ähnliche Katzen, Karakal geheißen, leben dort, sagt Wikipedia, Brillenschlangen und Wüstenwarane. Die Seidenstraße verlief durch Karakum, sommers wird es flirrend heiß, winters zitterkalt, sagt Wikipedia. Denn selber war ich noch nie dort, ich muss mich auf die Berichte anderer verlassen, auf Bilder. Und darauf sehe ich Feuer, ein gewaltiges Lodern inmitten der großen Wüste. Nahe dem Dorf Derweze befindet sich ein Loch in der Erde, es hat eine Größe von 70 Metern im Durchmesser, ist 30 Meter tief – und gefüllt mit Flammen.

  Das kam so: In den 1970er-Jahren waren sowjetische Geologen am Werk, wohl nicht ganz nüchtern, sie suchten Erdgas, denn daran ist der Grund in der öden Wüste reich. Und dann ging etwas schief, ein Bohrturm brach ein, das Loch tat sich auf, Gas entwich. Die Geologen entschieden, es anzuzünden, und seitdem zischeln die Flammen. Die Einheimischen hatten bald einen Namen für das menschengemachte Phänomen gefunden: „Das Tor zur Hölle“. Seit ich das erste Mal davon gehört hatte, war mir klar, dass ich es sehen wollte, mit eigenen Augen. Der Satz „Dort muss ich hin“ brannte sich in mein Hirn. Mehrmals war die Reise fast gebucht, die Visa waren beinahe bestellt, x-mal war ich im Geschäft für Outdoorbekleidung und ließ mir wüstentaugliche Outfits zeigen, mobile Espressokocher sowie Sonnenschutzkappen mit verstaubarem Nackenschutz. Immer aber kam etwas dazwischen, verhinderte die Reise, sie blieb ein bloßer Wunschgedanke. Dann und wann beschlich mich das Gefühl, dass der Grund etwas wie Angst sein könnte: die Angst, dass die Erwartungen an diesen ungesehenen Ort mittlerweile so ins Enorme gewachsen seien, dass sie unmöglich einzulösen wären.

Nun, das hindert mich nicht daran, Freunden, Bekannten, meinen Kindern und meiner Frau immer noch davon zu erzählen, dass wir alle zu diesem Höllenloch reisen würden, eines Tages. Die Frau wendet dann ihren Blick gen Zimmerdecke, sie hat die Sehnsucht längst als Spleen abgetan, die Kinder schauen mit einer Mischung aus Faszination und Furcht und hören mir zu, als sei ich ein wirrer, alter Kapitän und spänne rumgetünchtes Seemannsgarn. Und beim Älteren, so dünkt es mich, kam in letzter Zeit auch ein wenig Mitleid dazu, wenn er sagt: „Das brennende Loch? Haste nicht gestern schon davon erzählt?“

Wenn die Kinder einmal alt genug sind, eines schönen Tages, dann packen wir die Rucksäcke und fahren in die Wüste, blicken in das züngelnde und fauchende Feuer hinab, und die Frau ist auch dabei. Da bin ich mir sicher, ganz und gar sicher. Denn die Welt, in der wir leben, sie ist groß. Und sie ist schön. Man muss sie sich bloß ansehen.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.