Liebespaar am Strand trifft einzelne Spaziergängerin, hinten baden noch zwei: keine Chance für den Massentourismus auf Fernando de Noronha
© Luiz Maximiano

Stippvisite im Paradies

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK
  • FOTOS LUIZ MAXIMIANO

Auf der brasilianischen Insel Fernando de Noronha ist die Natur noch intakt und üppig. Um sie dauerhaft zu schützen, gelten strikte Regeln für Bewohner und Besucher

Wer ins Paradies will, muss auch den Weg dorthin auf sich nehmen. Die Inselkette Fernando de Noronha wird nur von den brasilianischen Städten Recife und Natal aus angeflogen. Also umsteigen in Rio de Janeiro oder São Paulo, dann noch mal in Recife. Vor Ort ist das alles vergeben und vergessen. Sogar um fünf Uhr morgens, wenn es noch dunkel ist und einem kalter Wind ins Gesicht bläst. Wenn der Buggy auf einer Piste holpert, die zur Baía dos Golfinhos hinabführt, zur Delfinbucht. Kurz nach Sonnenaufgang beginnt das Schauspiel. Hunderte Spinnerdelfine schwimmen aus dem offenen Meer in die weitläufige Bucht. Das Wasser brodelt. Immer wieder schießen die grauen Meeressäuger in die Luft, tauchen dann wieder ein. Manche dieser Akrobaten, bis zu 80 Kilo schwer, springen drei Meter hoch und drehen sich dabei mehrfach um die eigene Achse. Vom Steilufer über der Bucht aus beobachten zwei Dutzend Touristen die Tiere mit Ferngläsern. Die Delfine kommen frühmorgens nach der Jagd, um sich in der Bucht zu erholen. „Hier paaren sie sich und bringen auch ihre Kinder zur Welt“, sagt der Ozeanograf José Martins. „Nirgendwo sonst gibt es so viele Spinnerdelfine wie hier.“

Die Inselgruppe im Atlantik, rund 360 Kilometer vor der Küste Brasiliens gelegen, ist ein Naturparadies. Abertausende Wander- und Meeresvögel nisten zwischen den Felsen der Steilküste. Wale und Schildkröten ziehen auf ihren jährlichen Wanderungen direkt an der Insel vorbei. Ihre Buchten sind ein Rückzugsgebiet für Haie, die auf den Ozeanen gejagt werden. Martins kam 1989 aus dem Süden des Landes nach Fernando de Noronha, das ein Jahr zuvor samt angrenzendem Meer zum Naturschutzgebiet erklärt worden war. „Hier wird alles getan, um die Umwelt zu schützen“, sagt der 50-Jährige Meeresforscher, „unterhalb des Mee­res­spiegels ist das Ökosystem völlig intakt.“

360 Grad: Fernando de Noronha. Ein Traum von einer Insel: Sehen Sie die Fernando de Noronha in der 360°-Ansicht. Navigation am PC mit der Maus oder den Pfeiltasten. Für Vollbild: rechte Maustaste und Fullscreen wählen. Mobil navigieren Sie mit den gewohnten Fingerbewegungen

Ein Traum von einer Insel: Sehen Sie Fernando de Noronha in der 360°-Ansicht. Navigation am PC mit der Maus oder den Pfeiltasten. Für Vollbild: rechte Maustaste und Fullscreen wählen. Mobil navigieren Sie mit den gewohnten Fingerbewegungen

© Marcio Cabral/360cities.net

 Der Ökotourismus hat seinen Preis, alles ist deutlich teurer als auf dem Festland. „Wir müssen das gesamte Baumaterial und auch Lebensmittel auf die Insel transportieren“, sagt Ju Medeiros, Mitbesitzer des Hotels Pousada Triboju und ein bekannter Musiker, der die Schönheiten Noronhas besingt. Die unberührte Landschaft und die einmalige Tier- und Pflanzenwelt sind das größte Kapital der 17 Quadratkilometer großen Hauptinsel; die Mehrheit der rund 5000 Insulaner lebt vom sanften Tourismus.

Der braucht strenge Regeln. Die Regierung ist bemüht, den Zuzug einzudämmen, denn die Inselbevölkerung hat sich seit 1988 mehr als verdreifacht. Erst nach zehn Jahren können Zugezogene eine permanente Aufenthaltserlaubnis erhalten. Auch die Zahl der Touristen, die für jeden Aufenthaltstag eine Umweltsteuer von 51 Reais (12 Euro) entrichten, ist reglementiert. Im Schnitt sind täglich etwa 450 Besucher auf Fernando de Noronha, es gibt nur vier Flüge pro Tag zur Insel. Im vergangenen Jahr kamen etwa 80 000 Touristen.

Die Umweltauflagen sind rigoros: keine großen Hotels, keine Bauten am Strand. Es gibt keine Jet-Skis, die Zahl der Autos und Boote ist begrenzt, wenige Straßen sind geteert, die meisten sind Sandpisten. „Mit den Einnahmen aus dem Tourismus konnten wir das Naturparadies bisher bewahren“, sagt Leonardo Bertrand Veras. „Wir dürfen uns nicht vom Profitdenken verleiten lassen und die Regeln lockern, wie manche verlangen.“

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft: Die Arten sind fast ungestört, hier Spinnerdelfine und Weißbauchtölpel

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft: Die Arten sind fast ungestört, hier Spinnerdelfine und Weißbauchtölpel

© Vianna/gettyimages
Der Felsen Dois Irmãos posiert ganzjährig

Der Felsen Dois Irmãos posiert ganzjährig

© Bartuccio/SIME/Schapowalow
Zwischen Januar und März kommen die Surfer

Zwischen Januar und März kommen die Surfer

© imago
Wenn Schildkrötenflüsterer Luís Bortolon seine Panzertiere erklärt, zückt die Menge ihre Smartphones

Wenn Schildkrötenflüsterer Luís Bortolon seine Panzertiere erklärt, zückt die Menge ihre Smartphones

© Luiz Maximiano

 Veras, ein Fischereiingenieur, kam 1990 nach Noronha. Er jagte mit seinem Angelhaken, verarbeitete den Fang und verkaufte ihn an die Einwohner. Doch das brachte wenig ein. So wandte er sich dem Tourismus zu und baute auf einem Plateau im Osten der Insel ein Hai-Museum. „Haie haben unglaubliche Fähigkeiten, sie können feinste elektrische Spannungen wahrnehmen, sehr gut riechen, schmecken, sehen und hören“, erklärt Veras. „Sie sind keine blutrünstigen Killer, die nur darauf warten, Menschen zu fressen. Rund um Fernando de Noronha wurde noch nie ein Mensch von Haien angegriffen.“ Offenbar ist das Nahrungsangebot unter Wasser reichhaltig genug.

Wir dürfen uns hier nicht vom Profitdenken verleiten lassen

Leonardo Bertrand Veras, Gründer des Hai-Museums

In der Baía do Sancho jagen Ammenhaie den silbern schimmernden Schwärmen der brasilianischen Sardinellen nach, die im flachen Wasser nach Schutz suchen. Bei ihrer Flucht verlieren die Fische manchmal die Orientierung und landen auf dem Strand, wo sie von Einheimischen aufgesammelt werden – „Sardinha“-Suppe ist eine örtliche Delikatesse. Der Sancho-Strand gilt als der schönste Strand Brasiliens, das Online-Reiseportal TripAdvisor hat ihn gar zum schönsten Strand der Welt gewählt. Er liegt in einer kleinen Bucht im Nordwesten der Insel und ist von steil aufsteigenden Klippen umgeben. Der Sand glänzt weißgolden in der Sonne, das Wasser strahlt türkis und klar. Weit und breit kein Mensch zu erblicken, es ist wie in einer Neuverfilmung von „Robinson Crusoe“. Beinah unwirklich und unwirklich schön.

Zwischen Januar und März verwandelt sich das Naturparadies in einen Hotspot für Surfer. Die Wellen an den nördlichen Stränden wie Boldró oder Cacimba do Padre steigen dann drei bis fünf Meter hoch – so kam die Insel zu ihrem Spitznamen „brasilianisches Hawaii“. Und auch als Brasiliens bestes Tauchgebiet gilt Fernando de Noronha. Das Tauchschiff der Noronha Divers dümpelt in kristallklarem Wasser vor der winzigen Insel Rata im Nordwesten, einem der rund 20 Tauchgründe.

José Martins leitet das Delfinprojekt „Golfinho Rotador“

José Martins leitet das Delfinprojekt „Golfinho Rotador“

© Luiz Maximiano
Leonardo Veras hat im Norden der Insel ein Hai-Museum aufgebaut

Leonardo Veras hat im Norden der Insel ein Hai-Museum aufgebaut

© Luiz Maximiano
Die Praia do Sancho im Nordwesten gilt vielen als schönster Strand Brasiliens

Die Praia do Sancho im Nordwesten gilt vielen als schönster Strand Brasiliens

© Luiz Maximiano

 Etwa 250 Fischarten sind in den Inselgewässern beheimatet. Manche sind quer, andere längs gestreift, mit Tupfern oder einem großen Punkt, aufgeblasen wie Luftballons, flach wie Pfannkuchen oder lang wie Schlangen. Eine Muräne wartet hier geduldig in einem Felsenloch auf Beute, unter einem Felsvorsprung hält ein junger Ammenhai ein Nickerchen. Und überall schwimmen Schildkröten und starren die Taucher mit ihren großen Augen an. „Es gibt nur wenige Orte, wo man so viele Schildkröten zu sehen bekommt“, sagt der Biologe Luís Felipe Bortolon. Er arbeitet für das Schildkröten-Schutzprogramm „Tamar“, das vor 35 Jahren in Bahia ins Leben gerufen wurde und seit 1984 sehr erfolgreich auf Fernando de Noronha arbeitet. „In der vergangenen Brutzeit haben wir 266 Schildkrötennester gezählt, das war ein absoluter Rekord für Noronha“, freut sich der 31-jährige blonde Hüne. Auf der Praia do Porto, dem Hafenstrand, untersucht er gerade zwei Grüne Meeresschildkröten, die er beim Tauchen gefangen hat. Der Wissenschaftler misst die Panzer aus und begutachtet die Markierung an der vorderen Flosse. Anhand der Nummer wird er später im Computer die bisherigen Wanderungen und das Wachstum der Schildkröten genau rekonstruieren können – und um die neuesten Informationen ergänzen. Nach der öffentlichen Untersuchung dürfen ein paar Kinder dabei helfen, die Schildkröte ins Meer zurückzutragen.

Mit Einbruch der Dunkelheit sind alle Strände des Nationalparks geschlossen, um die Ruhe der Tiere nicht zu stören. Während der Nistzeit von Januar bis Juli werden ganze Strandab­schnitte komplett gesperrt. Interessierte Besucher können aber von Zeit zu Zeit die Wissenschaftler auf deren nächtlichen Kon­trollgängen begleiten und die Weibchen beim Eierlegen beobachten. „Wir laden Touristen ein, um zu zeigen, wie die kleinen Schildkröten aus den Eiern schlüpfen und ins Meer laufen“, sagt Bortolon – etwas Rührung kann nicht schaden im Paradies.