Fluss der Träume Lufthansa Exclusive August 2016
© Mads Nissen/laif

Fluss der Träume

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK

Im Sommer schaute die Welt zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro. Doch unser Autor bevorzugt das grüne Herz von Brasilien, den Wald, das Wasser, den ewigen Amazonas – Liebeserklärung an einen ­Mythos

Der ganz große Zauber, er waltet zur Dämmerung. Dieser Moment, wenn die Nacht in den Morgen hinübergleitet. Wenn die ersten Fischerboote in das Hafenbecken von Belém einfahren, getragen von der Flut, die hier, tief im Delta des Amazonas, bis zu drei Meter steigt und ständig über die Ufer zu schwappen droht. Im Schummerlicht der Straßenlaternen werden die Kähne an der Kaimauer verzurrt, dann tragen die Männer ihren Fang zum Ver-o-Peso-Markt. Manche Fische schimmern silbern, andere sind golden oder rosa. Große Welse liegen neben kleinen Sardinen. Wer dieses Frühwarengewimmel einmal erlebt hat, vergisst es nicht mehr.

Der Ver-o-Peso-Markt war schon immer das Tor nach Amazonien, auch für mich. Vor knapp drei Jahrzehnten bin ich zum ersten Mal hergereist. Als junger Völkerkundestudent hatte ich mir damals in den Kopf gesetzt, Feldforschung bei den Nambikwara-Indianern in Mato Grosso zu betreiben. Auf den Spuren des berühmten Ethnologen Claude Lévi-Strauss wollte ich wandeln, sein Bericht „Traurige Tropen“ war mir zur Reisefibel geworden. Seitdem bin ich immer wieder gekommen. Amazonien lässt mich nicht los.

Ver o peso, das bedeutet: Achte auf das Gewicht! Auf dem Markt wurde einst der Zoll auf alle Produkte erhoben, die in Belém eintrafen. Mittlerweile ist Ver-o-Peso der größte Freiluftmarkt Lateinamerikas. Die besten Köche des Landes kommen her, um außergewöhnliche Produkte für ihre Restaurants zu besorgen, ja, auch Alex Atala, der schwer tätowierte Küchenrebell. Von den knapp 120 verschiedenen Fruchtsorten, die im Regenwald wachsen, werden Dutzende an den bunten Ständen verkauft. Bacuri, Buriti, Camu-Camu, Cupuacu, Muruci, Tapereba oder Uxi –  schon mal gehört, diese Namen? Sie klingen wie Gedichte und schmecken auch so.

Bis heute fasziniert mich die majestätische Weite am Amazonas. Rund 6500 Kilometer ist der Strom lang, an einigen Stellen 20 Kilometer breit. Mit seinen zahlreichen Nebenflüssen bildet er das größte Gewässernetzwerk der Welt, schiffbar auf einer Länge von 50 000 Kilometern. 17 Arme sind, jeweils für sich genommen, länger als der Rhein. Selbst auf dem Höhepunkt der Trockenzeit ist der Amazonas so tief, dass Ozeanschiffe problemlos den Hafen von Manaus anlaufen können, rund 1600 Kilometer vom Atlantik entfernt. Um diese Ausmaße wirklich zu ermessen, muss man natürlich den Wasserweg nehmen. Auch ich mache das so.

 

 

Fluss der Träume Lufthansa Exclusive August 2016

Ein Passagierschiff in Humaitá am Rio Madeira, dem größten Nebenfluss des Amazonas

© Mads Nissen/laif

 Die berühmten Flussdampfer laufen in Belém aus. Ihre Form hat sich seit fast 150 Jahren kaum verändert: Bauchig, das Holz bunt bemalt, oft mehrere Etagen hoch, schwimmende Häuser also. Weil es in Amazonien nur wenige Straßen gibt, wird alles, was die Menschen brauchen, per Schiff transportiert. Zwischen Manaus und Tabatinga fährt zum Beispiel jeden Monat ein Bankschiff, das Kleinkredite an die Bewohner entlegener Dörfer vergibt. Im Urwald kreuzt auch ein Gerichtsschiff, es gibt schwimmende Ambulanzen und Schulen.

An Deck sichere ich mir zuerst eine Hängematte. Hier spielt das Leben, die Matten sind Treff, Bett und Kabine zugleich. Zwangsläufig lernt man so auch Mitreisende kennen. Einmal, auf der Fahrt nach Manaus, schlief links von mir eine massige Mitdreißigerin samt Sohn, rechts ein Ladeninhaber aus Tabatinga. Kurz vor Sonnenuntergang gingen wir alle zusammen aufs Oberdeck. Beide erzählten mir aus ihrem Leben, sehr persönliche Geschichten von Ehe und Betrug, von neuen Partnern und alter Liebe. Die Menschen am Amazonas können einfach keine Geheimnisse für sich behalten, sie lieben den Plausch. Dazu floss das Bier, aus den Lautsprechern trommelten brasilianische Schlager, und plötzlich wurde wild getanzt. Partytime.

Und dann, bei Tag, das andere Amazonien. Das Kontrastprogramm. Die Tierwelt, die Natur. Man kann stundenlang über den Fluss dampfen, ohne Menschensiedlungen zu sehen. Dafür hört man eine Menge. Das Gekreische der Vögel, das Summen der Insekten, die brüllenden Affen, all das vermischt sich zu einer sinnlichen Sin­fonie. Zugleich passiert etwas Merkwürdiges: Der Geräuschpegel lässt die Stille, die es auch gibt im Urwald, noch gewaltiger werden. Sie wächst, dringt in deinen Körper ein, breitet sich dort aus. Ein großes Om, das deine Psyche massiert. In Manaus habe ich mal mit ein paar jungen Indianern gesprochen, die dort eine Ausbildung machten. Sie sagten, der Lärm sei das Schlimmste an der Stadt: Er lasse sie nicht los, lasse sie nicht schlafen, er mache sie krank. Die In­dios und Mestizen, die nicht in die Städte gezogen sind, die am Fluss verbleiben, haben wenig zu tun. Sie fangen Fische, dösen vor ihren Hütten, spielen mit ihren Kindern. Manche glauben immer noch an Hexerei. Sie tragen Amu­lette aus getrockneten Delfinaugen, um sich gegen bösen Zauber zu wappnen, und mumifizierte Vögel an einer Kette, um das Liebesglück zu sichern. Der Aberglaube am Amazonas funktioniert wie eine Ergänzung zur modernen Wissenschaft, die sich noch immer damit schwertut, manche Naturphänomene zu erklären.

Fluss der Träume Lufthansa Exclusive August 2016

Vom Schiff auf den Pier auf den Markt: Obstlieferung in Belém

© Paulo Amorim/Redux/laif

 Als Francisco de Orellana ab 1541 als erster Weißer den Amazonas von West nach Ost befuhr, waren die Ufer noch überall von dichtem Regenwald bedeckt. Inzwischen weist die tropische Vegetation große Lücken auf, und häufig versperren gewaltige Staustufen die Mäander. Die Caboclos, Nachfahren der Indios und der weißen Eroberer und schon seit Jahrhunderten an den Ufern zu Hause, müssen den künstlichen Seen weichen. Einmal war ich bei den Caboclos zu Gast, damals, lange her, während meiner ersten Reise nach Amazonien. Ich durfte in ihren Dörfern schlafen, ein Führer zeigte mir den Regenwald. Die Luft war so feucht und schwer, dass ich nach kurzer Marschzeit schweißgebadet war. Kein Windhauch erreichte den Boden. Als wir an eine Lagune kamen, zog ich mich also aus und sprang hinein. Herrlich, diese Erfrischung! Hätte ich aber gewusst, was sonst noch im Wasser schwamm, wäre ich nicht ganz so kühn gewesen.

Beim Angeln direkt danach nämlich zuckte meine Sehne, ich zog sie ein und mit ihr – einen Piranha! Immerhin, mein lokalkundiger Guide lehrte mich, dass Piranhas ungefährlicher sind als in den Schauermärchen vieler Abenteurer überliefert. Gegrillt schmecken sie sogar ziemlich gut, trotz der vielen Gräten. Und verglichen mit dem, was ich als Reisender sonst so vorgesetzt bekommen habe entlang des Amazonas, muss der Piranha sogar fast noch als Küchenklassiker gelten.

Am Río Beni servierten mir Indios einen frisch getöteten Affen, sie hatten ihm die Schädeldecke abgeschlagen. Ich bekam einen Löffel für das Gehirn, hier eine Delikatesse. Die Masse war warm, roh, widerlich. Besser mundeten mir da die weißen Larven am Rio Marañón, wahrscheinlich weil sie in einer scharfen Soße gereicht wurden. Auch geröstete Ameisen sind eine Spezialität in der Region, ihr Panzer knirscht zwischen den Zähnen und schmeckt sehr würzig. Besonders überrascht hat mich eine Ameisensorte, die es in São Gabriel de Cachoeira am Río Negro gab, die dortigen Indios schmoren sie im Kochtopf durch, sie schmeckt nach süßlicher Limone.

All diesen Kreaturen bietet der Regenwald eine Heimat. Für mich mutet er deshalb manchmal wie ein Paralleluniversum an. Wie die Pandora-Welt aus dem Film „Avatar“ von James Cameron. Voller wundersamer Wesen, Farben, Düfte. Schmetterlinge in Regenbogenfarben, Affen, die farbige Aras verscheuchen, Riesentukane, die sich krächzend in die Lüfte erheben. Überall blühen Bromelien und Orchideen. Rosa Flussdelfine begleiten die Dampfer, als seien sie eigens zur Erheiterung der Passagiere verpflichtet worden. Kaimane, die auf der Lauer liegen, vom Deck aus sieht man nur ihre Augen, ihre Nasenlöcher. Es gibt tellergroße Spinnen und die Große Anakonda, die bis zu neun Meter lang wird. Amazonien, das Land der Superlative. Bei Nacht sucht der Reisende im Licht der Schiffsreflektoren das Ufer ab. Der Urwald lebt, überall phosphoreszierende Punkte – sind es Jaguare, Insekten? Keiner weiß es. Plötzlich regnet es schwarze Käfer auf die Köpfe, die Frauen beginnen zu kreischen. Der Mensch wird klein, weil der Wald so groß ist.

Fluss der Träume Lufthansa Exclusive August 2016

Haushoch unterwegs: Flusskreuzer wie die Amazon Dream versprechen Touristen beste Aussichten auf und in die Natur

© Le Figaro Magazine/laif

 Francisco de Orellana brauchte damals gut acht Monate, um vom Fuß der Anden über den Río Napo bis zur Amazonas-Mündung zu fahren. Auf dem Weg durch die grüne Hölle kämpften seine Männer gegen Kopfjäger, wurden vom Ufer mit Pfeilen beschossen. Immer wieder drängten sie die Indios, von einer Stadt aus Gold zu berichten, die im Urwald versteckt sei. Diese Überlieferungen haben vor fast fünf Jahrhunderten den Mythos Amazonien begründet.

Letztlich war es aber nicht das Gold, das der Gegend zu sagenhaftem Wohlstand verhalf, sondern der Kautschukbaum. Sein Saft hat Städte wie Manaus und Belém in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts groß gemacht. Die Industrie in Nordamerika und Europa verlangte nach dem neuen Rohstoff, etwa für die Reifen des gerade entwickelten Motorwagens. Tausende Arbeiter, Tagelöhner und Glücks­ritter durchstreiften den Regenwald und sammelten den kostbaren Saft unter härtesten Bedingungen ein. Skrupellose Geschäftsleute in Manaus wurden über Nacht zu Millionären. Und die Urwald-Me­tropole im Zuge der Hysterie elektrifiziert.

Hier fuhr eine der ersten elektrischen Straßenbahnen Lateinamerikas, hier wurde auf dem Höhepunkt des Booms ein Opern­haus gebaut, das bis heute seinesgleichen sucht. Der Marmor kam aus Carrara, das Glas der Kronleuchter aus Murano, die Möbel aus Paris. Nichts war den Gummi-Baronen zu teuer. 1896 feierte das Te­atro Amazonas seine prunkvolle Eröffnung, die erste Premiere war „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli. Der Gummireichtum versiegte so plötzlich, wie er begann. Die Briten stahlen Setzlinge des Kautschukbaums und legten eigene Plantagen in Südostasien an. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten sie dort das Gummi viel billiger produzieren als die Brasilianer. Manaus verfiel rasch, erst mit der Einrichtung der Sonderwirtschaftszone begann in den siebziger Jahren die Wiedergeburt der Stadt, die heute Ausgangspunkt für Urwaldtouren ist.

Wenn ich in Manaus bin, besuche ich am liebsten die kleine Bar Amarelinho. Sitze dort stundenlang, trinke kaltes Bier, genieße den Ausblick auf die Schiffe, die zu meinen Füßen den Rio Negro befahren. Irgendwann kommt der Sonnenuntergang und vergoldet den Fluss. Für mich ist das Freiheit. Traumverwirklichung.

Ein liebstes Erlebnis? Es gibt so viele. Einmal bin ich auf einen Urwaldriesen geklettert, über 50 Meter hoch, der Fotograf, Abenteurer und Baumkletterer Leonide Principe hat den Aufstieg installiert. Mein Adrenalinpegel stieg mit jedem Seilzug. Belohnt wurden die Strapazen mit einem unglaublichen Ausblick auf das Blätterdach des Regenwaldes. Zikaden setzten zur Serenade an … Amazonien ist manchmal wirklich zu schön, um wahr zu sein. Es ist ein Königreich. Ich glaube, ich habe damals in der Krone übernachtet.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


Amazonien ist sein zweites Zuhause: Über ein Dutzend Mal hat Reporter Andrzej Rybak das Gebiet schon bereist.