lliers-Combray, Frankreich
© Manuel Litran/Paris Match via Getty Images

Frankreichs beste Seiten

  • TEXT SILKE BENDER

Frankreich ist Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse 2017. Wir werfen einen Blick in die Klassiker der französischen Literatur und besuchen die Originalschauplätze: hinab in den Pariser Untergrund, zu einer berühmten Gefängnisinsel, flirrender Strandhitze – und bergauf!

Die Madeleine von Illiers

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 

wie es im buche steht: „Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tage vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte.“

Der ORT: Von 1877 an verbrachte der junge Marcel Proust seine Osterferien bei seiner Tante in dem 3000-Seelen-Nest Illiers bei Chartres und verewigte es in seinem Jahrhundertwerk unter dem fiktiven Namen „Combray“. Im Jahr 1971, zum 100. Geburtstag des Schriftstellers, nannte sich das Dorf offiziell in „Illiers-Combray“ um.

Einen Besuch wert: Das Haus der Tante wurde als Museum („Haus der Tante Léonie“) eingerichtet. „Die meisten wollen hier vor allem die Küche sehen“, erzählt Mireille Naturel, die das Museum leitet, „aber mein Favorit im Haus ist die Laterna Magica, ein historisches Projektionsgerät aus dem Nach-lass der Familie.“ Für die besten Madeleines empfiehlt Madame Naturel übrigens die Bäckerei Guilleman, „dort soll bereits Tante Léonie eingekauft haben.“ Noch mehr proustsche Momente kann man im Park Le Pré Catelan erleben, der Vorlage zum literarischen Garten des Herrn Swann, und in der katholischen Kirche Saint-Jacques, die im Roman den Namen Saint-Hilaire trägt.


 

Streifzüge durch den Pariser Untergrund

Raymond Queneau: Zazie in der Metro

 

wie es im buche steht: „Onkel, schreit sie, nehmen wir die Metro? – Nein. – Wieso nein? Sie ist stehen geblieben. Gabriel macht ebenfalls halt, dreht sich um, stellt den Koffer hin und beginnt zu erklären: Nun ja: nein. Heute gehts nicht. ’S wird gestreikt. – ’S wird gestreikt? Nun ja: ’s wird gestreikt. Die Metro, dieses durch und durch pariserische Transportmittel, ist unter der Erde eingeschlafen, denn die Angestellten mit den durchlöcherten Zangen haben die Arbeit niedergelegt. – Ach, diese Halunken, schreit Zazie, ach, diese Sauhunde. (…) Verfluchte Scheiße noch mal.

Der ORT: 1959 erschien diese urfranzösische Spielart von Pippi Langstrumpf, geschrieben von Raymond Queneau: Zazie, die ständig fluchende Provinzgöre, die mit ihrem Transvestiten-­Onkel zu einem aberwitzigen Streifzug durch Paris aufbricht. Viel geändert hat sich seither eigentlich nicht: Gestreikt wird in der 1900 in Betrieb genommenen Metro noch gern und regelmäßig, auch der typische Geruch, den Onkel Gabriel so widerlich findet, gehört noch zwingend zum authentischen Paris-­Erlebnis. Dennoch: Schneller kommt man einfach nicht durch die Stadt.

Einen Besuch wert: ie Métro 14 ist die neueste, schnellste und erste vollautomatisierte Linie. Am Blick auf die Schienen aus dem führerlosen Kopf des Zugs hätte Zazie bestimmt ihre helle wie laute Freude gehabt. Ebenso an dem surreal anmutenden Hasen, der seit 1977 auf Schildern an den Pariser Metro-Türen warnt, sich nicht die Finger zu quetschen.


 

Die Gefangeneninsel vor Marseille

Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo

 

wie es im buche steht: „Am 27. Februar 1815 kündigte der Posten von Notre-Dame-de-la-Garde den Dreimaster Pharaon an, der von Smyrna, Triest und Neapel kam. Wie gewöhnlich fuhr sofort ein Küsten­lotse aus dem Hafen, vorbei am Château d’If, um zwischen Kap Morgiou und der Insel Rion an Bord des Schiffes zu gehen.“

Der Ort: 14 Jahre lang schmort der junge, aufstrebende Romanheld, der Seefahrer Edmont Dantès, unschuldig als Gefangener in der Festung Château d’If. Das Gemäuer, errichtet auf einer Felseninsel vor Marseille, wurde vom 16. bis ins19. Jahrhundert als Staatsgefängnis genutzt.

Einen Besuch wert: Vom Vieux Port in Marseille fahren stündlich Fähren zur Île d’If. Wer sein sportliches Talent als Gefängnisausbrecher testen will, kann am jährlichen „Le Défi de Monte Cristo“ teilnehmen: Ein fünf Kilometer langes Wettschwimmen im Mittelmeer vom Château d’If bis zum Marseiller Stadtstrand Plage du Grand Roucas.


 

Cocktails in der Hitze von Gruissan-Plage

Philippe Dijan: Betty Blue, 37,2 Grad am Morgen

 

 

Buchcover Betty Blue

wie es im buche steht: „Wir fuhren langsam die Hauptstraße hoch, die Seitenfenster halb runtergedreht, und die Mittagssonne war wie Erdnussbutter auf geweihtem Brot.“

Der Ort: Staubige, unendlich weite Sandflächen, Holzhäuser erheben sich auf Stelzen über die Launen des Meeres, im Hintergrund die Ausläufer der Pyrenäen: Gruissan-Plage war der Schauplatz der kultigsten Amour fou der 1980er-Jahre. Die Feriensiedlung am Mittelmeer entstand im 19. Jahrhundert als populäre Sommerfrische.

EINEN BESUCH WERT: Die Magie des Ortes, kongenial eingefangen in der Verfilmung von Jean-Jacques Beineix, ist im Spätsommer spürbar, wenn die Strände leerer werden, aber die Hitze noch immer Luft und Nerven zum Flirren bringt. Auf dem Balkon des Restaurants „Le Grand Soleil“, das für das „Motel de la Plage“ im Film Modell stand, gibt es einen hervorragenden Tequila Rapido – ganz nach Bettys Geschmack.


 

Aufstand der Bergarbeiter

Émile Zola: Germinal

 

wie es im buche steht: „Die Grube le Voreux schien aus dem Nachtschlafe zu erwachen. (…) Dieses Bergwerk, in der Tiefe einer Schlucht gelegen, mit seinen niedrigen Ziegelbauten, seinen Schlot wie ein drohendes Horn in die Höhe streckend, schien ihm das unheilkündende Aussehen eines gierigen Raubtieres zu haben, das dahockte, um die Welt zu verschlingen.“

Der Ort: Der Roman des Politikjournalisten und Schriftstellers Zola nahm den Bergarbeiteraufstand im realen Anzin 1884 zum Anlass für ein literarisches Werk über die Ausbeutung der Arbeiterklasse und die Folgen der Industrialisierung.

EINEN BESUCH WERT: Seit 2012 gehört das 120 000 Hektar große Kohlerevier mit seinen Fördertürmen, Gleisanlagen, Bahnhöfen und Siedlungen entlang der französisch-belgischen Grenze zum Unesco-Welterbe. Die Bevölkerung der Region Anzin ist nach dem Niedergang der Kohleindustrie auf etwa 14 000 Einwohner geschrumpft. Eine Trambahn-Tour mit Anekdoten rund um Zolas Aufenthalt und Informationen über Anzin und Umgebung bietet das Touristenbüro Valenciennes an.

tourismevalenciennes.com


 

Frankreichs berühmteste Ehebrecherin

Gustave Flaubert: Madame Bovary

 

wie es im buche steht: „Yonville-l’Abbaye ist ein Marktflecken, der acht Meilen vor Rouen liegt, zwischen der Straße nach Abbeville und der nach Beauvais (…) das verschlafene Nest zieht sich immer mehr aus der Ebene zurück, um gegen das Flüsschen zu drängen.“

Der Ort: Ein reales Provinzdrama von 1848: Der Selbstmord einer Ehebrecherin im Dorf Ry war Auslöser für einen der meistgelesenen Gesellschaftsromane seiner Zeit. Auch wenn Flaubert Protagonisten und Orte umbenannte – der detaillierte Erzählstil macht die Schauplätze noch heute identifizierbar.

EINEN BESUCH WERT: Das Dorf Ry ist durch den Roman berühmt geworden. Claude Chabrol drehte seine Kino-Adaption des Klassikers jedoch in einem Nachbardorf. Einkehren kann man zum Beispiel im Restaurant „La Mélodie du Bovary“.


 

Showdown am Gletscher

Jean-Christophe Grangé: Die purpurnen Flüsse

 

wie es im buche steht: „Wie eine ungeheure schwarze Welle, erstarrt zwischen steinernen Flanken, ragte der Grand Pic de Belledonne in die Wolken.“

Der Ort: In seinem Roman gelingt es Grangé, die Handlung rund um die blutrünstige Mordserie in den französischen Alpen, mit der Eugenik-Experimente vertuscht werden sollen, düster und stimmungsvoll mit der Naturkulisse zu verweben. Der Showdown spielt am Gletscher von Freydane, der vom höchsten Gipfel des Massivs, dem Grand Pic de Belledonne, mit seinen knapp 3000 Metern überragt wird.

Einen Besuch wert: Etwa fünf Stunden dauert der Aufstieg, an den sich jeden Sommer ehrgeizige Alpinisten wagen. Wer es schafft, wird mit einem spektakulären Panoramablick belohnt – und hat mit etwas Glück freie Sicht bis zum Mont Blanc.


 

Die größte Nase der Dordogne

Edmond Rostand: Cyrano von Bergerac

 

wie es im buche steht: „Und eine Nase! Eine Nase, Messieurs, was für eine Nase! Ich kann Ihnen sagen! (…) Einen solchen Riesenzinken kann man nicht vorüberziehen lassen, ohne hinzugucken. Man denkt, sie sei aus Pappmaché und er nimmt sie gleich ab …“

Der ORT: Der berühmteste Ghostwriter der Geschichte, in Theaterstücken, Opern und Filmen noch immer gegenwärtig, kommt eigentlich gar nicht aus Bergerac. Der Schriftsteller Rostand ließ sich von einem Pariser Freigeist namens Hercule Savinien de Cyrano inspirieren, der sich irgendwann den Beina­men de Bergerac gab, weil seine Familie ehemals ein Landgut nahe Paris von einer aus Bergerac eingewanderten Familie übernommen hatte. Bereits im 17. Jahrhundert schrieb er den wohl ersten Science-Fiction-Roman über eine imaginäre Reise zur Sonne und zum Mond.

Einen BESUCH WERT: Ein Ausflug nach Bergerac lohnt sich. Das hübsche Städtchen in der Dordogne ist ein berühmtes Weinbaugebiet, und wer in historischer Cyrano-Atmosphäre schwelgen möchte, möge das Château de Monbazillac besuchen. Es ist ein architektonisches Kleinod und – völlig zu Recht – berühmt für seine Süß- und Likörweine. Bei einem Rundgang bekommt man außerdem Arbeiten Albrecht Dürers, Malereien des französischen Karikaturisten SEM und auch zeitgenössische Kunst zu sehen.


Zum Ziel

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