Max Küng: Harte Männer lesen doch
© Daniel Egnéus

Harte Männer lesen doch!

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Unser Autor will partout nicht einsehen, dass Bücherregale zu den aussterbenden Arten gehören sollen.

Schließlich führte ich den Freund in das „geteilte Zimmer“. Nach vielen Jahren hatte ich mir ein neues Fernsehgerät angeschafft, ein schickes Teil von Samsung, entworfen von Designern aus Frankreich. Es steht auf vier dünnen Beinchen und erinnert an ein von einer Dampfwalze überfahrenes schwarzes Schaf. Anerkennend nickte mein Freund, sagte: „Nicht übel, voll state of the art.“ Der Apparat schien zu gefallen. Dann aber sah ich Falten auf seiner Stirn, der Blick verfinsterte sich. „Was?“, fragte ich. „Das“, sagte er und zeigte hinter mich, als hätte er dort ein Gespenst erblickt. Aber dort war kein Gespenst. Ich sagte: „Das ist ein Bücherregal.“ Er: „Ja, eben.“ – „Was stimmt nicht mit dem Regal“, fragte ich, „kippt es um?“ – „Nein“, sagte er, „aber … wer zum Himmel braucht heute noch ein Bücherregal? Ich meine wozu? Das ist so – so gestrig.“ Er tat eine wegwerfende Geste. „Nun ja“, entgegnete ich, „es ist sehr praktisch, wie es Regale oft sind.“ Er lächelte. Sah ich Mitleid in seinem Blick? „Gegen ein Regal ist nichts einzuwenden, aber warum bewahrt man Bücher auf, die man gelesen hat? Ein Bücherregal ist nichts anderes als eine dreidimensionale Bildungsbürgertapete, pure Angeberei: Schau her! Ich bin so klug!“ Ich schwieg perplex, er sprach weiter. „All die Schwarten und Schmöker wirst du nie wieder brauchen, ein Buch ist Verbrauchs­material – oder willst du die alle tatsächlich noch mal lesen?“

Mein Freund trat an das Regal, zog wahllos einen Band heraus, halblaut las er den Titel. „Harte Männer tanzen nicht“. Er schüttelte den Kopf, sagte mit festerer Stimme: „Harte Männer haben auch keine Bücherregale. Was ein Mann braucht, sind ein paar geile Coffeetable-Books, so großformatiges Zeugs, von Taschen, was Dickes von Helmut Newton oder so. Das hat Stil.“

 

  Das „geteilte Zimmer“ heißt so, weil es das Fernsehzimmer ist, aber auch die Bibliothek. Nun, Bibliothek klingt etwas übertrieben, es steht bloß ein Regal dort, gezimmert von meinem Schwiegervater. Mein Schwiegervater war Chirurg, und nach der Pensionierung fand er eine kongeniale Beschäftigung, die ihm ein Arbeiten mit ähnlichen Werkzeugen wie im Operationssaal ermöglichte und ebenfalls im Dienst der Menschheit steht: das Schreinern. Als wir ihm sagten, wir suchten ein Bücherregal für unsere neue Wohnung, erschien er flugs, nahm Maß – drei Tage später war das Regal eingebaut. 300 Zentimeter lang, 245 hoch, 25 tief, mit verstellbaren Tablaren. Ich liebte es von Anfang an, das war vor 13 Jahren.

Aktuell stehen 847 Bücher darin. Die Bücher sind schmal, dick, brillant, so lala, leicht, schwer, bebildert, in Leinen geschlagen. Manche habe ich verschlungen, in anderen blieb ich bei der Hälfte stecken, andere schlug ich schon nach einer Seite wieder zu. Gemein ist ihnen aber allen, dass ich sie in der Nähe haben will. Weil ich sie brauche.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich aus einem Haus komme, in dem es kein Bücherregal gab – weil es keine Bücher gab. Es gab die Bibel, aber die wurde nicht wirklich gelesen, die gab es bei der Hochzeit meiner Eltern als Give-away und lag fortan als Staubfänger auf dem Nachttisch. Es gab die Bedienungsanleitung für den Traktor meines Vaters. Sonst gab es keine Bücher. Sie kamen erst später in mein Leben (dafür aber umso heftiger). Vielleicht will ich sie deshalb um mich haben. Weil sie mir damals fehlten, als ich noch gar nicht wusste, dass sie mir fehlten? Damit ich jederzeit auf sie und all das Wissen, das sie bergen, zurückgreifen kann? Denn manchmal braucht man einen guten Satz oder einen schlauen Gedanken, um den Alltag zu meistern. Und sei es auch ein Titel wie „Harte Männer tanzen nicht“, übrigens ein tolles Buch von Norman Mailer, dessen Titel im Original noch besser klingt: „Tough Guys Don’t Dance“.

Und ja, vielleicht werde ich sie alle doch tatsächlich noch mal lesen, dereinst, wenn ich die Zeit dazu habe, ganz in Ruhe,
eines nach dem anderen. Je länger ich darüber nachdenke, desto ver­lockender erscheint mir dieser Gedanke.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.