Illustration: Die Uferstraße in der Bucht von Havanna
© Tim Möller-Kaya

Glückliche Nächte in Havanna

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Ich weiß nicht, ob es ihr Lieblingslied ist, oder ob sie glauben, dass wir es unbedingt hören wollen, wenn wir in Kuba Urlaub machen. Alle Straßenmusiker spielen „Comandante Che Guevara“, auch wenn sie im Herzen keine Kommunisten sind. Romantiker sind sie in jedem Fall. Das Lied grenzt an Kitsch, aber auch das ist hier jedem egal. Der warme Wind und der Rum machen uns sentimental. Natürlich teile ich ihn mit allen, auch der Gitarrist trinkt aus meiner Flasche. Das gehört sich so am Malecón, der Uferstraße in der Bucht von Havanna. Jeder gibt, was er hat. Ich das Getränk, sie spendieren das Gefühl dazu. Es ist tanzbar. Die Party beginnt. Umsonst und draußen auf der Straße, an der Mauer, die den Malecón vom Meer abgrenzt. Sie ist sehr lang, circa acht Kilometer, aber nicht sehr hoch, deshalb sitzt Abend für Abend die halbe Stadt auf ihr, um ein bisschen die Füße und die Seele baumeln zu lassen, und wenn daraus ein Fest wird, hat auch niemand was dagegen.

Manchmal werde ich gefragt, ob dieses Glück noch ewig währt, oder ob sich Kuba durch die Öffnung zu den Vereinigten Staaten von Amerika zu schnell verändern wird. Man fragt mich das, weil ich zwei Jahre in Havanna lebte und es wissen müsste. Aber was weiß ich? Oder: Was will ich wissen? Vielleicht will ich eine Erinnerung nicht zerstören und einen Traum konservieren, wenn ich sage, dass sich auf der Insel selbstverständlich vieles ändern wird, zum Guten, zum Bösen, zum Mittelmäßigen, nur nicht das, was es hier schon immer gab, auch vor den Kommunisten schon, und immer geben wird, auch mit den Kapitalisten. Weil es mit Ideologien nichts zu tun hat und auch nicht käuflich ist: Die Hitze der kubanischen Nacht, Open Air. Die Wellen rauschen, die Sterne leuchten, die Menschen tanzen, solange die Mauer am Malecón noch steht.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com