Illustration: Helger Timmerbergs Reisegepäck von Schrankkoffer bis Spider-Man-Trolley
© Tim Möller-Kaya

Spider-Man auf Reisen

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Als die Koffer noch keine Rollen hatten, war ich musku­löser. Am schönsten war ich mit meinem Reisekoffer aus dem 18. Jahrhundert. Nicht das Original, das steht irgendwo im Museum, nein, ein Nachbau, aber detailverliebt und historisch korrekt. Keine Reißverschlüsse, sondern Eisenrahmen hielten ihn zusammen, das Schloss wäre ohne Schlüssel nur mit einem Schwert zu öffnen gewesen, und ein bisschen Holz haben sie, wenn ich mich recht entsinne, auch verarbeitet. Der Koffer war leer schon schwer. Etwas größenwahnsinnig war er auch. So reiste Goethe, der Dichterfürst. Nachdem diese Phase überwunden war, stieg ich wieder auf Rucksäcke um. Die haben den Vorteil, dass man zwei Hände frei hat, und den Nachteil, dass man nicht ernst genommen wird. Und die Hemden? Bügeln ist Kraft! Irgendwer hatte seine Zeit und Kunst investiert, um sie zu plätten, zu glätten und Naht auf Naht zu legen. Der Rucksack macht Schluss damit, und dieser Irgendwer flippt regelmäßig aus. Dieser Irgendwer bin nicht ich. Ich kann nicht bügeln. So zwang mich Lara neulich in Amsterdam, mir endlich wieder einen Koffer zu kaufen. Die Gelegenheit war günstig. Normalerweise hasse ich Shopping, aber wir wandelten an den Grachten und hatten schon etwas getrunken. ­Außerdem spielte das Schicksal mit. Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, standen wir plötzlich vor Spider-Man. Er flog mir in einem Schaufenster mit ausgebreiteten Armen entgegen. Er ­wollte mich haben. Und ich ihn. Den superleichten Aluminiumkoffer mit den Superhelden-Motiven auf den Schalen. Hulk und Captain America, neben dem Spinnenmann mit der roten ­Maske. Ein Comic auf Rollen, eine Couch als Koffer. The Amazing Spider-­Man auf ­Reisen. Amsterdam, Rio, Paris, morgen Monte ­Carlo. Ich habe an Tempo zugelegt. Der Koffer bestimmt das Sein.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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