Illustration: Geschenke und Gaben
© Daniel Egnéus

Ach, all die guten Gaben!

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Das Drama aller großzügigen Menschen: Was soll ich bloß schenken? Dazu kommt die quälende Frage: Und was kriege ich?

Ich mag den März, denn im Monat März habe ich Geburtstag. Für viele sind Geburtstage ja eher bedrückend, da man in kalten, harten und völlig humorlosen Zahlen in schöner Regelmäßigkeit aufs Auge und in die Seele gedrückt bekommt, dass man wieder ein Jahr älter geworden ist. Und vielen Menschen ist gemein, dass sie nicht gern altern. Im Gegenteil: Sie würden lieber jünger werden. Ehrlich gesagt, ist dies eine Horrorvorstellung. 40, 30. Dann wieder 20 sein. Wieder in die Disco. Dann 18 und wieder die Führerscheinprüfung. Dann 16 und … der reine Horror.

Da werde ich lieber älter, Jahr für Jahr. Und so ein Geburtstag hat ja auch sein Gutes: Es gibt Geschenke, auch wenn diese oft seltsam sind. Eine Flasche „Wuppertaler Schwebebahn-Wein“ hab ich mal bekommen, aber noch nicht getrunken, aus Angst vor gesundheitlichen Schäden. Oder sie sind einfach bloß blöd, zum Beispiel ein T-Shirt mit ach so witzigem Aufdruck. Manchmal aber sind sie schlicht großartig. Mein Lieblingsgeschenk bekam ich von meiner guten Freundin Shirana zum 40. Geburtstag, und ich vermute, es liegt an ihren persischen Wurzeln, dass sie sich so gut aufs Schenken versteht. Es war eine Rolle mit 800 Meter Allzweckgarn. Erst stutzte ich. Dann aber sah ich, dass es echt gutes Allzweckgarn war, schön anzusehen, eine üppige Rolle obendrein, so üppig, dass auch heute noch etwas davon da ist, acht Jahre später, der Faden also durch die Zeit zurück und auch noch in die Zukunft reicht. Nun ja, vielleicht benötige ich auch einfach wenig davon, eigentlich verwende ich es ja bloß, um dann und wann einen Rollbraten zu schnüren.

Ich mag den März, weil er mit der Hoffnung auf das Empfangen von Geschenken verbunden ist. Ich mag aber auch den April, denn dann haben einige meiner Liebsten Geburtstag. Und was ist noch viel schöner, als Geschenke zu bekommen? Genau! Geschenke zu machen. Denn das Schenken zeugt von großartiger Großzügigkeit. Dinge weggeben zu können, die man am liebsten selbst behalten würde, diese Fähigkeit beweist wahrlich einen großen Geist, und wer besäße den nicht gern?

Nun aber plagen mich ein paar Probleme. Auch wenn es, hüstel, etwas eitel klingt: Schuld daran ist meine überbordende Großzügigkeit! Denn im Rausch des Gönnens und Gebens habe ich den Überblick verloren, wer wann was von mir empfing. Und, schlimmer noch: Selbst wenn ich ein Verzeichnis angelegt hätte, einschließlich aller Gutscheine, Rabatte und sonstiger nicht direkt an ein Objekt gebundenen Wohltaten, und wahrlich, es waren derer viele, es würde mir auch nicht viel nützen. Denn es könnte mir nicht Auskunft über den Grad der Freude, des Wohlgefallens oder gar des Entzückens geben, welchen das Geschenk beim Beschenkten jeweils hervorgerufen hatte.

Lag ich denn bei meiner an sich wohl überlegten Wahl stets richtig? Mich befallen Zweifel. Hat nicht vor zwei Jahren der Cousin am Weihnachtstag arg verkrampft gewirkt im Angesicht des just ausgewickelten Designer-Pfefferstreuers, bis endlich doch noch ein wenig überzeugendes, fast gekrächztes „Danke“ seiner Kehle entwich? Blickte nicht die ohnehin etwas zu freche Nichte jüngst kurz enttäuscht, als sich der Inhalt des voluminösen Pakets, in das ich ihr mein Geschenk in der Manier gewiefter Verpackungskünstler gelegt hatte, als ein Paar winziger südnepalesischer Holzohrringe entpuppte?

Nun befürchte ich, dass in meinem weitverzweigten Verwandten- und Bekanntenkreis ein recht schwunghafter Tauschhandel mit den überreichlich und frohen Herzens spendierten, jedoch nicht durchgehend angemessen geschätzten Kostbarkeiten eingesetzt hat, begleitet im günstigeren Fall von Kopfschütteln, Raunen, gedämpftem Murmeln, im schlimmeren von Häme und Spott. Oh je! Allein der Gedanke könnte mir das Herz brechen. Könnte. Wäre ich nicht in höchster Seelennot auf eine Idee verfallen, die mein Leiden zumindest vorübergehend lindern soll, auch wenn es eine Sünde gegen meine natürliche Großzügigkeit ist. Für die nächsten, nun, sagen wir mal, zwei Jahre behalte ich einfach alles selbst. Dann sehen wir weiter.