Illustration: Szene in Urca, Rio de Janeiro
© Tim Möller-Kaya

Wanderer, kommst du nach Rio …

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Ein Spaziergang durch die populärste Postkarte des Planeten. Über mir der Zuckerhut, unter mir der Irrtum der Portugiesen. Sie hielten diese Bucht für die Mündung eines Flusses, und weil es gerade Januar war, nannten sie das Ganze Rio de Janeiro. Am Himmel kreisen große Vögel, im Kopf kleine Gedanken. Zum Beispiel, ob ich es wagen darf, hier Wasser zu lassen. Genug durstiges Grün dafür ist zu beiden Seiten des Claudio-Coutinho-Wanderweges vorhanden. Hätte ich nicht bereits den Amazonas bereist, könnte ich es fast ein Regenwäldchen nennen, voll mit wilden Tieren. Ein Farbenrausch kommt mir als riesiger Schmetterling entgegen. Buntes Brasilien. Die meisengroßen Tié-sangue-Vögel sehen wie fliegende Lippenstifte aus. Modellierte Männermuskeln joggen an mir vorbei. Aus dem Alter bin ich raus.

Ich wandle nur noch in Schönheit, wie die Indianer sagen oder gesagt haben sollen, zur Not käme ich hier auch mit dem ­Rollator gut voran. Die begehbare Postkarte ist ohne Stolperfallen. Auch andere Gefahren sind nur schwer zu benennen. Ich bin in ­Urca, dem kleinsten und sichersten Stadtteil von Rio, und hier ist die Sicherheit mal nicht relativ. In Urca stehen die Akademien der Marine, ­Offiziersanwärter und ihre Familien bevölkern ihn. Die joggenden Muskelpakete sind halb nackte Elitesoldaten und sportversessene Militärpolizisten, in so einem Umfeld fühlen sich Straßenräuber und Wanderwegelagerer nicht zu Haus. Später schlage ich mich doch noch in die Büsche und trete erleichtert wieder heraus. Keine Schlange hat mich gebissen, kein Skorpion kam gekrochen, nur ein Äffchen wollte Bananen. Schilder am Weg raten aber von Lebensmit­tel­geschenken ab, denn Affen verstehen sie nicht als Akt christlicher Tierliebe, sondern als Unterwerfungsgeste. Und dann ist es vorbei mit dem Postkartenidyll.

RIO

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Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com