Lauter Premieren Thilo Mischke Lufthansa Magazin September 2016
© Adam Larkum

Lauter Premieren

  • TEXT THILO MISCHKE
  • ILLUSTRATION ADAM LARKUM

Eines Tages hat man alles erlebt, und dann gibt es keine ersten Male mehr? Unsinn, findet unser Autor. Auf Reisen wartet überall Neues. Man muss nur danach suchen, die üblichen Pfade verlassen – und sich dann auch trauen!

Das Meerschweinchen auf meinem Arm be­ruhigte sich endlich. Ich hatte das Tier durch die Küche des kolumbianischen Bauern gejagt und gefangen, zaghaft, weil es so niedlich war und flink. Als ich ihm das Ohr streichelte, hörte das Fiepen auf. Seine Pfoten hielten sich an meiner schweißnassen Hand fest. Es war heiß im kolumbianischen Dschungel, als ich das Abendmahl meines Gastgebers liebkoste. „In Südamerika essen sie Meerschweinchen“, pflegen Verkäufer deutscher Zoohandlungen zu sagen, wenn sie junge Kunden schocken wollen. Ich wusste also, dass ein Meerschweinleben sehr kurz sein kann in Kolumbien. Bevor dieses Exemplar im Kochtopf landete, wollte ich es noch einmal beruhigen. Da wurde mir plötzlich gesagt, dass es an jenem Tag gar kein Meerschwein geben würde. Stattdessen: Maden! Mir kroch die Angst in den Nacken. Das Meerschweinchen wäre eine neue Erfahrung gewesen, aber geschmacklich womöglich nicht mal so fremd. Die Maden waren das definitiv. Mein erstes Mal Maden. Dazu geschmorte Zwiebeln.

Lauter Premieren Thilo Mischke Lufthansa Magazin September 2016
© Adam Larkum

 Wenn wir reisen, erleben wir ständig erste Male. Die magische Luft in Marrakesch einatmen, die heiße Sonne der Sahara auf der Haut spüren. Sich an Quallen vor Thailand verbrennen. All diese Premieren sind unverzichtbar. Ich behaupte, dass nicht das Land, die Kultur, das Essen oder die Menschen die Gründe sind, deretwegen wir reisen, sondern die Erlebnisse, die uns fremd sind. Dinge, von denen wir nicht geahnt haben, dass sie uns passieren, geschweige denn gefallen könnten. Für diese ersten Male reisen wir. Weil das, was wir später Freunden und Familie erzählen, daraus besteht. Ich weiß nun, dass Maden, daumengroß und lebendig, nicht schmecken. Sie sind nicht knusprig, sondern weich, es ist, als würde man Gummi kauen. Ich weinte Tränen des Ekels und lachte zugleich, weil mich das Dorf beobachtete, wie ich mit der Delikatesse kämpfte. Und ich bereue nichts. Zurück zu Hause habe ich nicht erzählt, wie schön die Menschen in Kolumbien sind, nicht davon, wie beeindruckend die Natur grünt oder wie gefährlich die Straßen sein können. Ich habe von der Made erzählt.

75 Länder habe ich bereist und festgestellt: Je drastischer eine Situation, desto besser lässt sich davon berichten. Sie wird ausgeschmückt und verfeinert und oft erzählt, weinartig reift die Geschichte dabei nach. Ich erzähle wie ein Stand-up-­Comedian. Mit Wendungen und Pointen. Erste Male müssen schlimm sein, die Fallhöhe fasziniert die Zuhörer. Den Post­kartenstrand hat jeder selbst schon mal gesehen, Ureinwohner im Urwald nicht. Erste Male sind auch einmalig, sind unkopierbare Mitbringsel.

Erste Male müssen schlimm sein, die Fallhöhe fasziniert die Zuhörer

Ich erinnere mich bis heute an meine erste Reisegeschichte, 1996, mit Oma in New York. Damals war die Stadt noch real gefährlich, war noch kein begehbarer Vergnügungspark. Oma und ich, 15 Jahre jung, bezogen das Hotel an der 8. Straße, in dem auch J. D. Salinger seinen Holden Caulfield aus „Der Fänger im Roggen“ schlafen ließ. Es war 4 Uhr nachts. „Komm, Thilo, wir spazieren durch den Central Park“, sagte meine Oma, schon wach vor Aufregung und Jetlag. „Das ist doch viel zu gefährlich“, entgegnete ich. Meine Oma lachte. Und so spazierten wir los, vorbei an Gestalten, die uns auf Englisch anzischten, Drogen feilboten und warnten, wir sollten lieber nicht durch diesen Park im düsteren Herzen New Yorks laufen. Meine Oma ging einfach weiter. Das war nicht nur ein wichtiger Moment in meinem Reise­leben, ich lernte damals auch etwas Generelles: Die Welt ist nicht immer so gefährlich, wie wir Menschen glauben.

Lauter Premieren Thilo Mischke Lufthansa Magazin September 2016
© Adam Larkum

 Angst hält viele vom Reisen ab, heute mehr denn je. In Südostasien gibt es große Käfer, in Zentralafrika reichlich Kriege, in Südamerika sind es die Drogen. Natürlich, es stimmt, die Welt kann ein unsicherer Ort sein. Auch mir waren diese Ziele, die fast nie im Reisekatalog beworben werden, lange Zeit verborgen geblieben. Weil ich Angst hatte, sie auf eigene Faust zu erkunden. Weil ich auf Nummer sicher gehen wollte.

Diese Angst habe ich überwunden. Als ich zum ersten Mal einen Menschen traf, dem es schlecht ging, richtig schlecht,  der vergessen worden war, hat das mein Leben verändert. Cotonou, der Regierungssitz des Benin, ist ein schwieriger Ort: Argwöhnisch wird man aus strengen Gesichtern gemustert, eine Hitze, die nicht erholsam, nur ermüdend ist. Ein Geruch, der als graues Gefühl in der Nase zurückbleibt, abgestanden, traurig. Dieser Mensch jedenfalls lag auf der Straße, ausgezehrt von der Hitze, krank auch, und ich half ihm. Gab ihm Wasser, sprach ihm zu, kaufte Essen auf dem Markt der Stadt, der mit Wellblech überdacht ist und, ehrlich gesagt, ein Grauen. Ich verlor meine Angst vor Westafrika, weil ich lernte, dass uns Menschen geholfen werden muss. Dass wir füreinander da sein müssen. Alleine sind wir aufgeschmissen.

Ich erinnere die Szene so genau, weil ich damals das Gefühl hatte, dies sei mein erster erwachsener Gedanke auf Reisen. Ich fühlte mich verwandelt, war plötzlich Erlebender statt Suchender. Ich suchte nicht mehr die Superlative – das absurdeste Essen, die gefährlichste Klippe, den dichtesten Dschungel –, sondern erlebte nun etwas, das mir neu war, dabei universell: Dankbarkeit. Es war das erste Mal, dass ich nicht als spaßjagender Egoist in ein Land reiste. In Benin bin ich in die Kultur eingetaucht, als einer, der sich unterordnet. Der sich nicht wichtiger nimmt als das Land. Das hat mich grundsätzlich verändert. Und es wäre mir nicht vergönnt gewesen, hätte ich meine Ängste nicht überwunden. Seither hat mich Afrika gefangen genommen. Ruanda, Südafrika, Kenia und Äthiopien, all diese Länder, in die wir nur selten reisen. Unsere Unsicherheit bringt uns um viele erste Male.

© Adam Larkum

 Natürlich müssen erste Male nicht immer so düster sein wie in Benin. Sie können auch klein sein und schön. Vor zwei Jahren habe ich entschieden, dass ich mich nicht mehr in Backpackerbuden einrollen möchte. Dass ich Luxus möchte, mir das verdient habe, alt genug dafür bin. Auf der Insel Koh Yao Noi im Süden Thailands gibt es ein Hotel, das 220 Euro pro Nacht kostet. Für mich, der sonst nie mehr als 15 Euro bezahlte, ist das viel Geld. Ich stand an der Rezeption, Badelatschen, Backpacker- Rucksack, kurze Hose, kurzes Nachdenken, und sagte: Zehn Tage bitte! Ohne vorab im Internet zu buchen, ohne Tripadvisor, einfach so. Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt, dieser Luxus, von dem andere immer erzählten. Auch das war ein erstes Mal.

Wieder zurück und bei den Eltern zum Abendessen eingeladen, erzählte ich vom Hotel. Aber eben nicht vom Essen, der Ruhe oder dem angenehmen Gefühl, die Wertsachen nicht mit einem Vorhängeschloss sichern zu müssen. Sondern davon, wie jeden Morgen um 9 und jeden Nachmittag um 17 Uhr ein Hotelbediensteter in mein Zimmer kam, um die Mückenspiralen zu entzünden. Das hatte mich sehr beeindruckt. Das beeindruckte auch meine Eltern. Ich erzählte die kleine Anekdote – nie wurde ich gestochen, unglaublich, in Thailand! – wie einen großartigen Witz, inklusive Spannung, Wendung, Pointe. In der ­Geschichte war niemand gestorben, musste keiner eine widerliche Lokal­speise hinunterwürgen. Funktioniert hat sie trotzdem. Es war ­womöglich das tausendste erste Mal auf meinen Reisen. Daran erinnern werde ich mich, weil ich davon erzählt habe.