Illustration: Eine Frau trinkt Wein
© Daniel Egnéus

Die Geheimnisse des Cheval Blanc

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Das Sprechen über Weine gehört zu den härtesten gesellschaftlichen Prüfungen – selbst Frauen scheitern manchmal daran.

Frauen, so sagt man häufig, sind uns Männern allgemein über­legen: Sie sind intelligenter, sie können besser ihre Gefühle ­zeigen, sie können besser Automobile lenken, besser Geld verwalten, besser kopfrechnen. Sie haben mehr Einfühlungsvermögen und sind multitaskingfähiger. Und sie verfügen über einen weitaus ausgeprägteren Geschmacks- und Geruchssinn. Verglichen mit den Frauen sind wir Männer auf diesem Gebiet, der sogenannten Sensorik, grunzende Tiere, empfindsam und sensibel wie Wesen aus dem Pleistozän. So denkt auch ein befreundeter Architekt, der nicht nur gern große Häuser baut, sondern auch ein großer Bordeaux-Liebhaber ist und als solcher über einen exzellent bestückten Weinkeller verfügt. Der Architekt ist tief überzeugt von der weiblichen Charakterisierungs-Überlegenheit. Das wusste ich, als wir ihn besuchten, und deshalb büffelte ich noch etwas Vokabular, um besser ausdrücken zu können, was ich später empfinden würde: „Ligusterhecke“ prägte ich mir ein, und „Bienenwachs“ und „großer Atem“. All die Worte, die man verwenden konnte, sprach man über Wein. Tief würde ich meine Nase in das Glas tauchen, um dann zu verkünden: „Ahhhh! Lebkuchen, Datteln, ungeheuer maskulin und fleischig, aber mit einem Hauch von Buffalo Bills Ledersattelriemen.“ Obwohl ich nicht sicher war, ob Buffalo Bill je einen Sattel benutzt hatte.

Beim Architekten zu Hause dann warteten, schon dekantiert, auf dem Sideboard aus Teakholz nebst den Weinen zur Vor- und zur Nachspeise zwei spezielle Flaschen für den Hauptgang: Es waren unterschiedliche Jahrgänge aus dem Hause Château Cheval Blanc. Als ich „Cheval Blanc“ hörte, dachte ich selbstverständlich an einen Weißwein, er war jedoch eindeutig von einem dunklen Rot. Ich verzog mich auf die Toilette, zückte mein Smartphone, um mir Informationen zu beschaffen. „Der Wein von Cheval Blanc wird als einer der exotischsten und zugleich profundesten Bordeaux-Weine angesehen. Er ist gekennzeichnet von einer eleganten Zurückhaltung, bei voller Präsenz aller Elemente hervorragenden Rotweines, Fruchtaromen, Tannine, Textur, langer Nachhall, Ausgewogenheit.“ Das las ich einmal, zweimal, dreimal, und merkte es mir so gut ich konnte. Dann sah ich leider auch: Der Cheval Blanc ist kaum unter 500 Euro pro Flasche zu haben. Schweiß trat auf meine Stirn.

 

Als wir nach Hause fuhren, wusste ich, dass wir nie wieder von des Architekten Bordeaux würden trinken dürfen

  Wir aßen die Vorspeisen. Nett war das Gespräch, munter der Abend. Dann gelangten wir zur ersten Flasche Cheval Blanc, von dessen verschnörkelter Schrift auf dem Etikett mir schwindlig wurde. Alle lobten den Wein. Ich sagte: „Er ist gekennzeichnet von einer eleganten Zurückhaltung, bei voller Präsenz aller Elemente hervorragenden Rotweines …“ Alle nickten. Wir kamen zur zweiten Flasche. Der Gastgeber schenkte ein und fragte meine Frau direkt: „Und was findest du? Wie verhält sich nun der 1982er im Vergleich zum 1990er?“ Ich hüstelte, um das Geräusch zu übertönen, das aus dem Kopf meiner Frau zu kommen schien. Es klang wie das Scheppern einer kaputten Computerharddisk. Sie dachte nach, nahm noch einen Schluck, schloss die Augen, verschob die Flüssigkeit im Mund wie Zahnspülwasser, ja, es klang ganz so, als starte eine Waschmaschine mit dem Einweichprogramm. Der Gastgeber schaute neugierig. Die Ohren am Tisch wurden größer und größer. Meine Frau schluckte, dann setzte sie an, etwas zu sagen, hielt einen Moment inne, hob nochmals das Glas, hielt es leicht schräg, drückte ein Auge zu, blickte einäugig in das Glas wie eine Wahrsagerin in ihre Kugel, und sagte schließlich, und es klang eher wie eine Frage denn wie eine Antwort: „Ähm … er ist … äh … weniger sauer?“ Als wir nach Hause fuhren, wusste ich, dass wir nie wieder von des Architekten Bordeaux würden trinken dürfen.

Es gibt eine Theorie. Diese Theorie besagt, dass Frauen gar nicht besser schmecken und riechen als die Männer, sondern bloß besser verbalisieren können, was sie schmecken oder riechen. Ihnen fallen die Wörter leichter zu und schneller ein. Aber auch diese Theorie halte ich für ganz und gar falsch. Und ich glaube behaupten zu dürfen, dass ich weiß, wovon ich spreche.