Das geheime Wissen der Mammas

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Wo die Einheimischen speisen, wird auch der Reisende glücklich – wenn er sich vor lauter Weltläufigkeit nicht selbst austrickst.

Jeder kennt die Situation. Eine fremde Stadt, sommers, es ist heiß, man hat sich den ganzen Vormittag lang die Füße wund­spaziert, die Beine brennen auch, es quält einen der Durst und vor allem: der Hunger. Gleichzeitig ist nirgends ein gutes Restaurant zu finden, denn jenes, das Freunde so dringlich empfohlen haben, sucht man schon seit einer guten Stunde vergebens. Ungläubig starrt man auf den vom Handschweiß schon ganz labberigen Stadtplan – und wird dann: hungerböse. Hungerböse beschreibt den Zustand, in den der Mensch bei akuter Unter­zuckerung gerät. Die Symptome sind Konzentrationsschwierigkeiten, latente Aggressivität, ein größtenteils freigelegtes Nervenkostüm.

Ein anderes schönes Wort der neudeutschen Sprache ist „Lifehacks“. Es beschreibt selbst gebastelte Strategien, um Problemen des Alltags auf ungewöhnliche Weise zu begegnen. Clevere Tricks also – und einen solchen Trick habe ich erfunden. Er löst das eingangs beschriebene Problem der Restaurantwahl. Ich war in Italien, in Venedig, mit meiner Frau. Ja, sie geriet in das hungerböse Stadium. Und ja, wir suchten ein bestimmtes Lokal, schon seit geraumer Zeit. Meine Frau setzte sich seufzend auf eine Stufe der Seufzerbrücke, weigerte sich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen, mehr noch: Sie drohte damit, mir eine Gondel überzuziehen, sollte sie nicht bald das versprochene Essen bekommen. Ich musste also improvisieren – aber zum Glück hatte ich ja diese idiotensichere Methode entwickelt, wie man in Italien ohne jegliche Ortskenntnis, egal wo zwischen Bolzano und Siracusa, ein gutes Restaurant erkennt. Ich marschierte in die nächste Gasse, blickte in ein paar Lokale und hatte schon das Richtige gefunden.

Bald saßen wir in einer nicht sonderlich gemütlichen Kneipe mit Neonbeleuchtung. „So ist das hier“, sagte ich, „oft sind Restaurants oberflächlich betrachtet banal, ja hässlich, das Essen jedoch …“ Ich blickte gen Himmel und machte eine Geste wie Pavarotti kurz vor dem Höhepunkt einer Arie. Meine Frau fragte misstrauisch: „Und wie hast du nun dieses Lokal auserkoren?“ Ich beugte mich über den Tisch, sprach leise. „Schau dich um, was siehst du?“ Meine Frau wandte ihren Kopf, sagte dann: „Alte Menschen.“ – „Genau“, bestätigte ich triumphierend. „Das Lokal ist voller alter Menschen. Alter Frauen, um genau zu sein. Nun – wenn in Italien jemand über das Essen Bescheid weiß, dann sind es alte Frauen. Die Mütter bewahren das Erbe der italienischen Kochkultur. La Mamma weiß, wie es geht. Wenn also hier so viele ältere Damen speisen, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass man an diesem Ort isst, wie man essen sollte: günstig und gut, mit ehrlichen Produkten gekocht, alles fatto in casa und a mano, wie der Italiener sagt. Alles claro?“

Ich war sichtlich stolz, mein geheimes Wissen der genialen Restaurantauswahltechnik mit jemandem zu teilen, sah mich jedoch einer gerunzelten Stirn gegenüber. Ich fragte: „Was?“ – „Na ja, ich frage mich nur …“ – „Was?“ – „Weshalb deine italienischen Omas alle kein Italienisch sprechen.“ Ich richtete mich auf, legte die Hände an die Ohren, als wären es NSA-Abhör­muscheln, und tatsächlich hörte ich ein munteres Palavern der alten Damen, das eindeutig nicht Italienisch war. „Kommt mir spanisch vor“, sagte meine Frau, und da kam auch schon der Kellner mit der in Plastik eingeschweißten Speisekarte in vier Sprachen. „Deuts?“, fragte er grimmig, und ohne eine Antwort abzuwarten, haspelte er herunter: „Sehr empfehle kanne iche specialissima Spaghetti mitte Musseli.“

Das Essen war miserabel – die Pasta verkocht, versalzen, die Muscheln geräuschvoll sandig, der Wein vom Aceto Balsamico weder in Farbe noch in Geschmack zu unterscheiden. Und dann verließ die Seniorengruppe aus Spanien lärmend das Restaurant, in dem daraufhin Ruhe einkehrte und nur noch zwei Menschen saßen, schweigend: meine Frau und ich. Zwischen uns lag die Rechnung, die meine Frau an sich nahm. „Günstig war es ja“, sagte sie dann und lächelte. Immerhin.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.