Der Garen Huerto Tlatelolco von Gabriela Vargas
© Adam Wiseman

Ende der Grauzone

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS ADAM WISEMAN
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Mexiko-Stadt kämpft gegen die Luftverschmutzung – und errichtet einen grünen Schutzwall: Üppige Pflanzenpracht auf Dächern, in Gärten und sogar an Autobahnpfeilern soll Luft und Leben verbessern.

Gabriela Vargas blickt vom Hügel des Huerto Tlatelolco über ihr Reich. Blühende Kirschbäume wiegen sich im Wind, in den Beeten warten Pak Choi und Tomaten groß wie Tennisbälle auf die Ernte. „Ich wusste nicht einmal, dass ein Salat Blüten haben kann“, sagt die 47-Jährige. Bis sie vor 17 Jahren mitten in Mexiko-Stadt mit dem Gärtnern anfing. Heute erntet sie Bananen, streicht über Kapuzinerkresse, während sie den Geruch von Lavendel und Salbei einatmet. Vargas hat eine grüne Oase im Zentrum der Hauptstadt geschaffen. Ein Häusermeer umgibt ihren Garten, rund 22 Millionen Einwohner in der Metropolregion und ein Gewirr von Zubringerstraßen und Autobahnen. Mexiko-Stadt gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt – doch Vargas und ihre Mitstreiter haben sich ein neues Stück Freiraum erobert.

Jahrzehntelang galt D. F., wie die Stadt als Kürzel für „Distrito Federal“ von vielen genannt wird, als Inbegriff einer wildwuchernden Metropole, die aus allen Nähten platzt. Die ultimative Verkehrshölle, eine Megacity, umhüllt von einer milchigen Glocke aus Smog. Mexiko-Stadt litt permanent unter Atemnot, jeder Spaziergang war so anstrengend wie ein Marathon.

Zwar gab es immer schon Grünflächen: den Park Chapultepec, die Schwimmenden Gärten im Bezirk Xochimilco und die Parks in den Vierteln Roma oder Condesa. Doch angesichts der Millionen Autos und Fabrikschlote, die 2014 noch mehr als 50 Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen in die Luft pusteten, wirkte ihr tapferes Grün geradezu rührend, eher lächerlich.

Seit 17 Jahren aktiv für die grüne Sache: Gabriela Vargas ...

© Adam Wiseman
Gabriela Vargas in ihrem Garten

... in ihrem Garten, der Freiluftalternative zum Supermarkt

© Adam Wiseman
Der Ángel de la Independencia auf dem Paseo de la Reforma

Goldener Beschützer: der Ángel de la Independencia auf dem Paseo de la Reforma

© Adam Wiseman
Lila Blüten der Jacaranda-Bäume im Parque México

Blätterdach in der Betonwüste: die Baumkronen des Parque México, garniert mit lila Blüten der Jacaranda-Bäume

© Adam Wiseman

MEX

,

  Aber mittlerweile verwandeln Aktivisten wie Vargas Brachflächen in blühende Gärten, machen aus grauen Autobahnpfeilern begrünte Säulen oder züchten auf den Dachterrassen Gemüse für die Restaurants in den Szenevierteln. Selbst Vargas staunt über das Tempo dieser grünen Bewegung, die es seit etwa zehn Jahren gibt. Bei der mexikanischen Spielart von Urban Gardening handelt es sich nicht um aufgehübschte Ziergärten. Mehrere große öffentliche Gartenprojekte existieren in Mexiko-Stadt, und die sind auf Produktivität getrimmt. Über 1,5 Tonnen Gemüse und über 300 Kilogramm Obst erntet allein Vargas von ihren Beeten und Bäumen. Vor 17 Jahren begann ihr Projekt mit dem eigenen Balkon, dann engagierte sie sich in den Schulen der Nachbarschaft. Sie erinnert sich an Kinder, die in der Schule erstmals Spinat probiert hatten und daraufhin bei den Eltern einen Ge­müsegarten einforderten. Vor vier Jahren fand Vargas die Brache des heutigen Huerto Tlatelolco. Sie karrte unzählige ­Fuhren Schutt und Müll vom Gelände – und pflanzte.

Wir leben in einer Großstadt. Was wir daraus machen, liegt an uns

Gabriela Vargas, Garten-Aktivistin

„Das Wetter ist hier das ganze Jahr hindurch ideal, wir können im Grunde alles anpflanzen“, sagt Vargas. Mehr als 30 Freiwillige umschwirren die mit rotem Backstein abgetrennten Beete, gießen, harken und schütteln, auf dass die über 90 verschiedenen Arten von Gemüse, Früchten und Kräutern wohl gedeihen. Einige reisen stundenlang mit der U-Bahn aus den Außenbezirken zum Huerto, um die Hände in kühle, feuchte Erde graben zu können. Der Garten steht offen für alle, der Eintritt ist umsonst, nur die Ernte wird bezahlt – nach Gewicht. Neben gesunder Nahrung mögen die Besucher des Huerto Tlatelolco aber noch etwas anderes mitnehmen, eine Botschaft. „Der Garten soll ein Katalysator sein, die Besucher sollen merken, dass Selbstanbau lohnt“, wünscht sich Vargas, „nicht nur für die Gesundheit, sondern auch finanziell.“ Also veranstaltet sie regelmäßig Workshops zum Gartenbau und lädt Schulklassen in den Huerto. Die nächste Generation soll nicht 30 Jahre brauchen, um endlich zu erfahren, dass ein Salat Blüten hat.

Begrünte Autobahnsäulen an der Via Verde in Mexiko-Stadt

Grüne Straße: An 50 Säulen der Periférico-Autobahn hängen seit einiger Zeit Efeu, Fuchsschwanz und Aralia

© Adam Wiseman

  Das Problem: Die Stadt bietet kaum Platz zum Wachsen. Auch Vargas’ Garten entstand auf einer Brachfläche, die das große Erdbeben von 1985 hinterlassen hat. Doch diese Lücken sind mittlerweile aus dem Stadtbild verschwunden. Wenn also eine Erweiterung in die Breite nicht möglich ist, dann eben anders – so dachte der Architekt Fernando Ortiz Monasterio. Seine Lösung: Ab nach oben! „Via Verde“ nennt er sein Projekt, grüne Straße, und tatsächlich ist mitten auf der Periférico-Autobahn ein Garten entstanden. Der Autobahnring hat vor ein paar Jahren eine zweite Etage erhalten, bis zu 30 Meter hoch, und ist seitdem ein Asphaltmonster auf Stelzen, eine der meistbefahrenen Straßen der Stadt. Jede Sekunde stoßen hier Hunderte Busse und Lkw schwarze Wolken in die Luft, wie bewegliche Vulkane.

Ortiz’ Garten trotzt den Abgasen. An 50 Säulen des Highways hängen seit neun Monaten Efeu, Fuchsschwanz und Aralia, ein grüner Teppich auf einer Länge von einem Kilometer. In den nächsten 18 Monaten sollen noch weitere 650 Säulen hinzukommen. Dann werden die begrünten Stelzen auf einer Gesamtfläche von mehr als 40 000 Quadratmetern für bessere Luft sorgen. Und für weniger Stress – der visuelle Kontakt zwischen Mensch und Grün sorge nämlich automatisch für bessere Laune, so Ortiz. „Wir können in D. F. nicht warten, bis die Regierung die Situation verbessert“, sagt er kämpferisch, „wir müssen die Dinge selbst in Angriff nehmen.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt vor, dass neun Quadratmeter Grün pro Einwohner nötig seien, um chronische Atemprobleme zu verhindern. Mexiko-Stadt kommt auf gerade mal 5,3 Quadratmeter. Bis 2030 müssen also weitere 30 Millionen Quadratmeter Grünfläche geschaffen werden. Ein sehr ehrgeiziges Ziel – doch Ortiz und sein Team wollen ihren Beitrag leisten. Sie streben eine Balance an zwischen Umwelt und Stadt. „Ich wollte meinen Feind, den Beton, ausnutzen, ihn zum Komplizen machen für grünes Bauen“, sagt Ortiz.

In Madrid entdeckte er vertikale Gärten und sah sofort das Potenzial für Mexiko, wo es „keinen Platz in der Breite gibt, aber in der Höhe“. Jahrelang trägt Ortiz die Idee mit sich herum, tüftelt ganze Nächte hindurch mit Ingenieuren und Technikern, entwirft die Grundlagen seines späteren Via-Verde-Projekts: Sensoren für den Lichteinfall, die Temperaturkontrolle und den Wasserverbrauch. „Manche Bewohner haben in der Stadt nicht einmal ein Glas Trinkwasser pro Tag zur Verfügung. Deshalb sammeln wir Regenwasser über die Drainagen der Autobahn und bereiten es für die Säulen auf.“ Dazu kommt ein dreilagiger Filzteppich, auf den Taschen eingenäht werden – die „Wohnungen“ der einzelnen Pflanzen. Die gesamte Technik stammt aus Mexiko, und längst interessieren sich auch Länder wie Japan, die USA oder Deutschland für das Konzept. Ortiz ist sehr stolz darauf. Die Via Verde ist auf lange Sicht angelegt, Ortiz spricht von 20, 50, sogar 100 Jahren Lebensdauer. „Große Fehler können wir hier eigentlich nicht mehr machen“, sagt Ortiz, „denn die haben wir alle vorher in kleineren Projekten gemacht.“

Koch Irving Chavéz Playas erntet auf der Terrasse des Porco Rosso

Koch Irving Chavéz Playas erntet auf der Terrasse des Porco Rosso

© Adam Wiseman
die Huertos Concretos von Lily Foster

Lily Foster in ihren Huertos Concretos

© Adam Wiseman
Toskanischer Kohl auf der Terrasse des Porco Rosso

Toskanischer Kohl auf der Terrasse des Porco Rosso

© Adam Wiseman
Der Huerto Roma Verde in Mexiko-Stadt

Der Huerto Roma Verde ist ein weiteres grünes Projekt in der Stadt

© Adam Wiseman

 Der Feldzug für gesundes Essen und bessere Luft erfasst nach und nach ganz Mexiko-Stadt, am Boden wie in der Luft. Auch die Stadtverwaltung zieht mit und unterstützt die Verwandlung von Grau zu Grün: „Plan Verde“ heißt das Programm, das die Umweltbehörde bereits 2007 ins Leben rief, samt Steuererleichterungen und Subventionen. 1,2 Millionen Euro an Zuschüssen vergab die Stadt im Jahr 2014. Bis 2030, so der Plan, soll Mexiko-Stadt – auch dank begrünter Dachterrassen – wieder durchatmen können. Insgesamt 28 Dachterrassen mit einer Fläche von zusammen 60 000 Quadratmetern wurden bepflanzt. Wer heute die Dächer vieler Museen, Krankenhäuser oder Banken betritt, landet nicht mehr zwingend auf Zementwüsten mit Wassertanks, sondern wandelt immer häufiger an Limettenbäumen entlang, an Kumquatsträuchern und Zucchinistauden.

Der Koch Roberto „Bobby“ Craig war einer der Ersten, die die Dachterrassen im großen Stil als Gärten für seine Restaurants nutzte. Der Sohn eines US-Amerikaners und einer Mexikanerin ist in Mexiko-Stadt geboren. Mehr als 20 Restaurants betreibt der 36-Jährige mittlerweile, verteilt auf mehrere ­Distrikte – und viele von ihnen decken weite Teile ihres täglichen Bedarfs an Lebensmitteln durch einen kurzen Gang aufs Dach.

Karte von Mexiko-Stadt

1 Huerto Tlateloco Garten
2 Parque Chapultepec
3 Via Verde
4 Restaurant Porco Rosso
5 Schwimmende Gärten von Xochimilco

© Adam Wiseman

„Die Überlegung war ganz einfach“, sagt Craig, während er auf der Terrasse des Porco Rosso im Viertel Roma an Rosmarin und Lavendelstauden zupft, „eine Tomate, die 2000 Kilometer zurücklegt, schmeckt garantiert nicht so gut wie eine frisch gepflückte.“ Seit 2006 schufen er und sein Geschäftspartner sich eine Infrastruktur für frische Produkte mit kurzen Lieferwegen. Der Plan Verde der Regierung kommt ihnen gelegen. „Wenn wir es schaffen, den Platz in der Stadt zu nutzen, können wir unseren Gästen wunderbar frische Produkte anbieten. Ohne die Lieferkosten, ohne noch mehr CO2.“ Ob Umweltaktivist, Architekt oder Koch – die Bewohner von Mexiko-Stadt entdecken ihren grünen Daumen. Gabriela Vargas ist sehr motiviert: „Das ist der Ort, an dem wir leben, die Großstadt“, sagt sie, „doch was wir ­daraus machen, liegt an uns.“ Dann steigt sie langsam hinab von ihrem Hügel Richtung Auberginen. Es ist Erntezeit.