Nachbar Gorilla

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  • INTERVIEW TIM CAPPELMANN

Im Bwindi-Regenwald von Uganda traf der Fotograf Jiro Ose die seltenen Berggorillas – seine Bilder zeigen Tiere, Menschen und die einzigartige Natur des ostafrikanischen Landes

© Jiro Ose

Herr Ose, für Ihre Aufnahmen sind Sie den Berggorillas im Bwindi-Regenwald ganz nah gekommen. Wie haben die Tiere auf Sie reagiert?

Als wir das erste Mal auf die Gorillas stießen, haben sie uns für eine Weile sehr genau beobachtet, bevor sie sich wieder normal verhielten. Wenn man ihnen in die Augen guckt, ist es fast so, als würde man einem Menschen in die Augen sehen – sie sind uns sehr ähnlich. Ich habe schnell eine besondere Verbindung zu ihnen gespürt, anders als sonst bei Tieren. Ein Jungtier in der Gruppe wurde dann neugierig, so wie es auch Menschenkinder sind, und näherte sich uns bis auf Armlänge. Es spielte sogar mit einem der Ranger, den es kannte. Schließlich kam die besorgte Mutter und schob es weg.

War Ihnen auch mal mulmig?

Überhaupt nicht. Zu Beginn war ihre Körper­größe schon etwas einschüchternd, aber man merkt sofort, wie intelligent die Tiere sind. Und dass siekein Interesse daran haben, Menschen zu verletzen, so lange sie sich nicht bedroht fühlen. Sie leben zwar in freier Wildbahn, sind aber an uns Besucher gewöhnt. Ihr Verhalten hat ohnehin sehr oft menschliche Züge. Ich fühlte mich ein bisschen an eine Familie erinnert, die man in ihrem Wohnzimmer beobachtet: Der Vater sitzt in einer Ecke und wacht über die ganze Situation, die Mutter kümmert sich um die Kinder, die Kinder wollen vor allem spielen. Ein Jungtier hat sich sogar ein Kameraobjektiv, das auf dem Boden lag, geschnappt und zu einem Spielzeug umfunktioniert. Am Ende ging der Vater dazwischen und warf das Objektiv in einen Busch. Zum Glück blieb es heil.

Wie lange konnten Sie sich in der Nähe der Gorillas aufhalten?

Eine Stunde ist die maximale Zeit, die geführte Gruppen mit den Gorillas verbringen dürfen. Das ist natürlich eine für den Schutz der Tiere sinnvolle und wichtige Regel, aber für mein Gefühl war die Zeit viel zu kurz. Jede ihrer Bewegungen hat mich fasziniert, ich hätte viel länger bei ihnen bleiben und sie beobachten können.

Die internationale Weltnaturschutz­union IUCN listet Berggorillas aufgrund ihrer geringen ­Population noch immer als eine stark gefährdete Art. Kommt der offiziell angestrebte „sanfte“ Tourismus den Tieren tatsächlich zugute?

Die Situation hat sich in den vergangenen ­Jahren auf jeden Fall gebessert, auch dank des Go­rilla-Tourismus, der zu einer wichtigen Einnahme­quelle in Uganda geworden ist. Berggorillas leben in zwei kleinen Gegenden im östlichen Afrika, zwischen dem Virunga-Massiv und dem Bwindi-Regenwald. Seitdem in Ruanda, der Demokratischen ­Republik Kongo und Uganda spezielle ­Wildschutzgebiete ­geschaffen wurden, ist die Population von rund 620  Tieren im Jahr 1989 auf zuletzt etwa 880 ­Tiere angewachsen. Als 1991 der Bwindi ­Impenetrable ­National Park und der Mgahinga Gorilla National Park errichtet wurden, hatte das allerdings auch eine hässliche soziale Kehrseite: Die Batwa-Pygmäen, eine indigene Volksgruppe, die traditionell als Jäger und Sammler in den Wäldern lebte, wurden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben. Ihnen wurde von heute auf ­morgen die Existenzgrundlage entzogen.

Wie gehen die Verantwortlichen in Uganda heute damit um?

In den letzten Jahren hat sich dank individueller Initiativen und privater Spenden, auch von ausländischen Besuchern, sowie der Hilfe von Nichtregierungsorganisationen die Lage der Batwa verbessert. Viele arbeiten mittlerweile selbst im Gorilla-Tourismus als Ranger, Tourguide oder in den Lodges.

Grünes Raster: Terrassenberge in Uganda

Grünes Raster: Terrassenberge in Uganda

© Jiro Ose
Familientreffen: verspielte Berggorillas im ­Mgahinga-Gorilla-Nationalpark

Familientreffen: verspielte Berggorillas
im ­Mgahinga-Gorilla-Nationalpark

© Jiro Ose
Beim Trekking kann man die ­bedrohte Art beobachten – und in Lodges mit Aussicht wohnen

Beim Trekking kann man die ­bedrohte Art beobachten – und in Lodges mit Aussicht wohnen

© Jiro Ose
Seit 1991 leben einige Berggorillas geschützt in Nationalparks; die indigenen Batwa wurden dafür aus den Wäldern, ihrem Zuhause, vertrieben

Seit 1991 leben einige Berggorillas geschützt in Nationalparks; die indigenen Batwa wurden dafür aus den Wäldern, ihrem Zuhause, vertrieben

© Jiro Ose

Wie waren Sie denn während der Gorilla-Trekking-Tour untergebracht?

Es gibt jede Menge Auswahl, von luxuriösen Lodges bis zu simplen Zelten. Wir verbrachten eine Nacht im Zelt im Garten eines Hauses, das auf einer kleinen Insel im See lag. Die Hausbesitzer waren sehr freundlich, sie kochten traditionelles Essen für uns, wir saßen am Lagerfeuer, spielten Musik und sangen gemeinsam. Die nächsten Nächte zelteten wir aufeinem Campingplatz, dann blieben wir in einer einfachen Unterkunft in einer der Gemeinden am Eingang des Nationalparks. Die letzte Nacht war ich dann in einer sehr komfortablen Lodge untergebracht, ein ­angenehmer Abschluss der Reise.

Empfinden Sie den Öko-Tourismus in Uganda vor allem als Verkaufsargument, oder verfolgen die Anbieter ernsthaft nachhaltige Ziele?

Ich habe die verantwortlichen Tourenanbieter, mit denen ich zu tun hatte, als authentisch und glaubwürdig wahrgenommen. Zwar ist das Konzept Ökotourismus in Uganda noch neu und gerade erst dabei, sich zu etablieren. Auch der Wildlife-Tourismus generell hinkt im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern noch etwas hinterher. Aber mir scheint, jeder ist daran interessiert, dass die verschiedenen Interessengruppen in der Region, also Tourismus­anbieter, Batwa, andere Einheimische, Regierungsvertreter und Naturschützer, gut zusammenarbeiten.

Und welche Probleme sehen Sie?

Die sichere Fortbewegung, der Transport der Touristen. Autofahren ist hier wirklich gefährlich, der Verkehr in Uganda ist gerade außerhalb der Städte eine echte Herausforderung. Die Straßen sind nicht asphaltiert, man braucht Vierradantrieb. Ich habe die schlimmsten Überholmanöver erlebt und einen Unfall direkt vor mir, bei dem ich Erste Hilfe leisten und einen Mann vor dem Verbluten retten musste. Das inländische Flugverkehrsnetz ist nicht gut ausgebaut, man ist auf Autos und Busse angewiesen.

Ein Batwa-Mädchen riecht an Blumen, die es auf einer der vielen kleinen Inseln im Bunyonyi-See gepflückt hat. Besucher können mit Kanus den See erkunden und auf den Inseln übernachten

Ein Batwa-Mädchen riecht an Blumen, die es auf einer der vielen kleinen Inseln im Bunyonyi-See gepflückt hat. Besucher können mit Kanus den See erkunden und auf den Inseln übernachten

© Jiro Ose
Angehörige der Batwa bei der Feldarbeit in der Nähe des Mgahinga Gorilla Nationalparks

Angehörige der Batwa bei der Feldarbeit in der Nähe des Mgahinga Gorilla Nationalparks

© Jiro Ose
Nicht nur Berggorillas, auch die stark gefährdeten Goldmeerkatzen sind in Uganda heimisch und können (mit etwas Glück) beobachtet werden

Nicht nur Berggorillas, auch die stark gefährdeten Goldmeerkatzen sind in Uganda heimisch und können (mit etwas Glück) beobachtet werden

© Jiro Ose

Was sollen Ihre Aufnahmen den Betrachtern mitteilen?

Ich möchte mit meinen Bildern Geschichten erzählen. Ich bin auf kein Thema festgelegt, aber ein inhaltlicher Schwerpunkt meiner Arbeit ist es, auf soziale Probleme aufmerksam zu machen. Fotos haben die Kraft dafür. Handwerklich geht es mir im Unterschied zu Bewegtbildern in der Fotografie darum, einen besonderen Moment festzuhalten. Die Kunst besteht darin, eine Situation oder Szenerie zu finden, sich im bestmöglichen Licht zu positionieren und auch warten zu können, um diesen perfekten Moment einzufangen. Manchmal hat man Glück – und manchmal klappt es nicht. Wenn Menschen meine Bilder nicht nur verstehen, sondern auch fühlen, was ich fotografiert habe, bin ich mit meiner Arbeit zufrieden.

Sie sind erst kürzlich nach Uganda gezogen. Was gefällt Ihnen am Leben dort?

Das Land ist zwar sehr arm, aber die Menschen sind ausgesprochen freundlich und entspannt. Politisch ist die Lage im Unterschied zum Südsudan oder Kongo relativ stabil, deswegen gibt es in Uganda auch ziemlich viele Flüchtlingslager. Das alltägliche Leben ist, nehmen wir den halsbrecherischen Verkehr einmal ausdrücklich aus, ziemlich sicher. Ich muss nicht fürchten, überfallen zu werden.

Ich wäre gern noch viel länger bei den Gorillas geblieben

Und ich war überwältigt, wie grün und landschaftlich schön und abwechslungsreich das Land ist. Selbst in der Hauptstadt Kampala sieht man überall Bäume, die Artenvielfalt ist ungeheuer groß. Die Tierdichte ist zwar nicht so hoch wie in Kenia oder Tansania, aber Löwen und Elefanten leben hier auch, dazu noch die Berggorillas – und dafür sind die Nationalparks viel weniger von Touristen überlaufen.

Was wird ihre nächste Arbeit sein?

Ich weiß noch nicht, vielleicht im Südsudan. Zuletzt habe ich ein Projekt beendet, bei dem ich Menschen aus der Schwulen-, Lesben, Bisexuellen- und Transsexuellen-Szene begleitete. Eine Zeitlang existierte in Uganda ein Gesetz, wonach Homosexuelle zu lebenslanger Haft verurteilt werden konnten, ursprünglich sogar zur Todesstrafe. Es ist wieder abgeschafft, aber für mich war es ein Anlass, diese Menschen zu fotografieren und in Videos zu interviewen.


 

 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.