© Dustin Aksland

Ein Dorf in Manhattan

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS DUSTIN AKSLAND

Auf nach Harlem! Die Jazzkeller gelten noch als Geheimtipp, Soulfood bereits als Kult: Der Norden von New York entwickelt sich zum Trendviertel

„Da oben könnten Unruhestifter sein“, sagt der Fotograf. Wir gehen trotzdem hoch, rauf zu den Felsen im Marcus Garvey Park, mitten in Harlem. Ein junger Mann schaut kurz von seinem Tablet hoch, als wir oben ankommen, und lächelt. Das Plateau ist leer, nur hinten in der Ecke sind drei junge Mädchen. Sie tanzen. Der Beat, zu dem sie sich bewegen, schallt blechern aus ihren Handylautsprechern.

Unruhestifter. Klischees über Harlem sitzen tief in den Köpfen, wohl auch in denen der meisten New Yorker. Vor 40 Jahren war Harlem ein gefährliches Pflaster, heute finden in den ­breiten Alleen nur noch Schaukämpfe statt: Ein Hundesitter mit ­Pudel­-
armee pflügt sich durch eine Gruppe Schulkinder, Geschäfts­leute laufen Slalom, Jogger rennen um die Wette. Die wohlhabende Mittelschicht ist eingezogen, Professoren und Direktoren gönnen sich ein Eigenheim in Harlem und zahlen dafür drei ­Millionen Dollar statt zehn, wie im restlichen Manhattan üblich. Mit ihnen kamen Starbucks, Dunkin’ Donuts und H&M. Bald eröffnet an der Hauptstraße der Biosupermarkt Whole Foods, ­darüber reden hier alle.

Wir schauen durch die Zweige der Bäume hinab auf das Viertel. Harlem erstreckt sich vom oberen Ende des Central Park über den größten Teil des nördlichen Manhattan. Im Westen fließt der Hudson, östlich der Harlem River. Reihenweise ziehen sich die Brownstone-Häuser durch die Nachbarschaft, Hunderte nebeneinander, die rostrote Fassade und die Treppe vor der Haustür haben alle gemeinsam. Straßenschluchten und Hochhäuser wie im Süden Manhattans gibt es hier nur wenige. Alleen wie der Malcolm X Boulevard sind großzügig angelegt, die Häuser meist nur vierstöckig. Harlem gehört zwar zu Manhattan und bedeckt fast ein Drittel der Insel – doch bleibt es ein Dorf in der Stadt, vielen New Yorkern und Touristen unbekannt.

 

Bühne unter Bäumen: Brianna, Alliyah und Sade tanzen im Marcus Garvey Park

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NYC

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 Jacqueline Orange zog vor 14 Jahren aus Chicago nach Harlem. Schon in ihrem ersten Jahr dort kam ihr die Idee, Besucher in die Vorzüge dieser unterschätzten Nachbarschaft einzuweisen. Die ehemalige Bankerin weiß um die Schätze, die das Viertel zu bieten hat: Kuchenbäckereien, die seit Generationen von einer Familie betrieben werden, und Kunden, die jedes dieser Familienmitglieder beim Namen nennen können. Das mächtige Soulfood, nach dessen Verzehr man sich ohnmächtig niederlegen und von goldenen Maisfeldern träumen möchte. Die Musik! Vom kleinsten Kellerclub bis zu den großen Konzertbühnen kann jedes Etablissement von den Berühmtheiten erzählen, die dort ihre ­ersten Karriereschritte taten. Die Stadtführungen unter dem Titel „Taste Harlem“ bietet Jacqueline Orange, 54, noch heute an. Ihre beliebteste Route ist die „Historical Food Tour“, auf der sich die Teilnehmer durch Restaurants und Cafés der Nachbarschaft kosten können.

An einer Ampel trainiert Daniel Robinson täglich seine Oberarme ...

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... gegenüber liegt das Red Rooster.

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Familie an der Ecke des Malcolm X Boulevard

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Harlems Gesichter: Schülerlotsin
Hilda Garcia ...

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... die ehemalige Bankerin Jacqueline Orange bietet Stadtführungen an

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 Lange galt Harlem als „Food Desert“, die Nahrungswüste, weil sich nur wenige Supermärkte und Restaurants hierher trauten. Auch das hat sich geändert. Das Auftauchen von Bioläden wird in den USA stets als untrügliches Zeichen der Gentrifizierung gewertet: „Das Viertel entwickelt sich rasend schnell“, sagt Jacqueline Orange. Erst neulich hätten drei Sushi-­Restaurants auf einmal eröffnet. „Ich bin gespannt, wie lange die sich halten“, sagt Orange. Besucher warnt sie oft vor, Harlem sei eine „Schlafzimmer-Gemeinde“. Die meisten Geschäfte würden zur Mittagszeit, einige erst am Nachmittag öffnen. Viele Bewohner arbeiten downtown und kehren erst abends wieder nach Harlem zurück. John Reddick, 63, ein Freund und Kollege von ­Orange, übernimmt die historischen Führungen bei Harlem Taste. Der Architekt lebt seit den 1980er-Jahren in Harlem und erzählt lebhaft von der Geschichte des Viertels. Die berühmteste Zeit ist wohl die der Harlem Renaissance in den 1920er-Jahren, die Jazzlegenden wie Duke Ellington und Josephine Baker hervorbrachte. Ende des 19. Jahrhunderts zogen Millionen Afroamerikaner aus den Südstaaten in den Norden, um in Chicago, Detroit oder New York Arbeit zu finden. In Harlem etablierte sich eine afroamerikanische Mittelschicht. Aus der Bewegung gingen auch Billie Holiday und Louis Armstrong hervor.

Heute kennt jeder New Yorker zwei Dinge in Harlem: das Restaurant Sylvia’s, das seit mehr als 50 Jahren das beste Soul Food von New York serviert, und das Apollo Theater. Auch heute findet dort jeden Mittwoch die „Amateur Night“ statt, bei der Unbekannte im musikalischen Wettstreit gegeneinander antreten. Auf der Bühne hinter den roten Samtvorhängen stellte sich schon mancher Musiker der Bewertung durch das Publikum. ­Jimi Hendrix oder die Jackson Five kannte kaum jemand, bevor sie im Apollo bei der Amateur Night gewannen. „Harlem ist als Marke bekannter als Chanel“, pflegt John Reddick zu sagen. „Egal wen man fragt, von Harlem hat jeder schon einmal gehört.“

Vorreiterin in Sachen Kunst: Elizabeth Dee zieht mit ihrer Galerie nach Harlem

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 Wie so häufig sind es auch in Harlem die Kreativen, die das hippe Potenzial einer Nachbarschaft zuerst entdecken. Elizabeth Dee, 42, richtete sich hier vor etwas mehr als vier Jahren in dem Loft eines ehemaligen Hotelturms ein. „Ich habe nach einer Nach­barschaft mit mehr Vielfalt gesucht“, sagt sie. Ihre Galerie, die Elizabeth Dee Gallery, saß damals noch, wie so viele andere, in Chelsea. Um diesem Mikrokosmos zu entkommen, beschloss Dee, auch ihre Ausstellungsräume nach Harlem zu holen. Wo die Fifth Avenue die 126. Straße kreuzt, hat die zierliche blonde Frau nun ein Areal von etwa 1000 Quadratmetern angemietet. Die großen Fensterfronten auf den zwei Stockwerken sind noch verhangen, im Inneren schmücken Graffiti die Wände, Bauschutt liegt zusammengekehrt in der Mitte des weitläufigen Erdgeschosses. Der Umzug der etablierten Galerie in den Norden Manhattans war auch der New York Times eine Meldung wert. „Ich habe viele aufgeregte Anrufe von Kunden und Kollegen erhalten“, erzählt Elizabeth Dee. Sie stehe mit etwa 30 weiteren Galerien in Kontakt, berichtet Dee, die folgen wollen und nach passenden Räumen in Harlem suchen. Die Anwohner Harlems begegnen dem Zulauf mit Skepsis. Diejenigen, die wegen der vergleichsweise günstigen Mieten nach Harlem ziehen, können sich die vielen Restaurants, die gerade eröffnen, gar nicht leisten, vermutet Jacqueline Orange. Und auch die Mietpreise passen sich der verstärkten Nachfrage rasch an. „Die neuen Geschäfte können uns nur Gutes bringen, wenn sie die Bewohner an ihrem Erfolg teilhaben lassen“, sagt sie.

Harlem ist als Marke bekannter als Chanel

John Reddick, Architekt

Ganz ähnlich sieht das Marcus Samuelsson, 46. Er führt zwei Restaurants in Harlem und ist Initiator eines Food-Festivals. 2010 eröffnete er den Red Rooster am Malcolm X Boulevard, zwei Blocks vom Apollo Theater entfernt. Der prominente Koch ist in den Medien so etwas wie der Botschafter von Harlem. Auch er wurde von der intimen Atmosphäre des Viertels angezogen: „Ich wollte Teil einer Gemeinschaft sein, und Harlem war schon immer der Ort, an dem sich die Leute auf der Straße unterhalten, wo jeder dazugehört.“ Diese Gemeinschaft versucht Samuelsson jetzt auch zu unterstützen, indem er zum Beispiel fast nur Leute aus der Gegend beschäftigt. Wandel sei nie zu verhindern, sagt der Koch. Aber mit der Energie und den Ressourcen der Menschen, da ist er sicher, kann Harlem etwas Gutes daraus machen.


Inside Harlem

Bill’s Place

Während der Prohibition diente der kleine Raum im Souterrain als geheime Bar, „Speakeasy“ genannt. Jetzt finden hier freitags und samstags Jazzkonzerte statt.

billsplaceharlem.com

 

Sugar Hill Market

Auf dem Designmarkt in der Galerie La Maison d’Art verkaufen lokale Produzenten ihre Ware, zum Beispiel afrikanisch inspirierte Mode oder Keramik.

sugarhillmarket.com

Studio Museum

Die Ausstellungen zeigen hauptsächlich Arbeiten afroamerikanischer Künstler. 1968 gegründet, war es das erste Museum in den USA mit diesem Konzept.

studiomuseum.org

 

The Marmara Manhattan

Gut gelegen: Wer im Marmara nächtigt, braucht nur vier U-Bahn-Stationen bis mitten ins Herz von Harlem – in New York ist das bloß ein Katzensprung.

manhattan.marmaranyc.com