Luis Ochoa versorgt das Industriegebiet am Highway 30 mit Empanadas, leckeren Teigtaschen
© Malte Jäger

Gegessen wird, was auf die Straße kommt

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS MALTE JÄGER

Food-Trucks haben die ganze Welt erobert, doch losgerollt ist die Bewegung in ­Portland, Oregon. Hier stehen viele ­Küchenchefs und Gourmetköche freiwillig auf der Straße

Die Liebesgeschichte von Genevieve Rades und Scott Fitzsimons klingt, als habe sie die Stadt Portland selbst geschrieben. Kennengelernt haben sich beide in einem Food-Truck, der „Carolina Barbecue“ servierte, vor zehn Jahren. Vor sechs Jahren starteten sie ihren eigenen Truck, aus dem heraus Barbecue serviert wird. Sie stehen früh auf, bereiten alle Zutaten vor, malochen in Zweitjobs, und täglich Punkt elf Uhr lachen sie den Portlandians entgegen. Jeden Tag, bis heute. „Wir sind immer noch völlig verknallt ineinander. Gott sei Dank! Ich muss ihn ja jeden Tag sehen“, sagt Rades. Der Burger mit Pulled Pork, gezupftem Fleisch, zerfließt am Gaumen – man schmeckt die Liebe. Portland, das ist die Stadt der Indies, der Hipster, der Alternativen. Portland, das ist aber auch: ein Kulinarik-Königreich. Und Ursprung der aktuellen Food-Truck-Bewegung, die von hier aus um die Welt gerollt ist. In Oregon, amerikanischer Westen, Indian Summer, zu Füßen des Mount Hood, hat alles begonnen.

Ansammlungen von Food-Trucks nennt man in Portland „Pods“. Der größte Pod befindet sich an der 10th Street zwischen Washington und Alder. Mehr als 60 Wagen reihen sich um den Block, keiner gleicht dem anderen. Neu manche, alt andere, die einen geschmückt, die nächsten puristisch. Wer hier einen Platz bekommt, hat es geschafft, jedenfalls in der Foodie-Hierarchie. Kein Wunder, dass Rades und Fitzsimons so gut gelaunt sind.

Sie sind auch Teil einer langen Tradition, denn in gewisser Weise waren die Chuckwagons, Planwagen, die früher die Siedler versorgten, die ersten Food-Trucks. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen sie mit dem Oregon Trail in die Gegend. Pods, die legitimen Nachfolger der Wagenburgen, gibt es seit den 1980er-Jahren. Damals probierten sich erstmals Köche auf Rädern aus. Weil das Gesetz verbot, Straßen zu okkupieren, belegten sie die Parkplätze – und richteten ihre Theken zum Trottoir aus. Erst nur wenige, dann immer mehr. Irgendwann war aus der Idee ein Trend geworden, der über die Stadt hinausstrahlte. Seither sind Fressattacken hier normal. Die Auswahl ist kolossal, immer wird man fündig. Besonders wenn man gar nicht sucht.

Best of Foodtrucks

1. Picklopolis - Vielleicht muss so aussehen, wer sein Leben mit Gewürzgurken bestreitet: David Barber, fantastische Mischung aus Marcel Marceau und Groucho Marx, hat mit pickles die Stadt überschwemmt. Er variiert sie saucetriefend im Brot an Rindfleisch, mit Enteneiern und zu Bohnenbrei, samstags auf dem Campus und mittwochs im Shemanski Park. Früher führte Barber ein Restaurant, hat er längst aufgegeben, auch der Kinder wegen. Das Gurkenbusiness ist familienfreundlicher. „Ich würde nie wieder tauschen “, sagt er, die Bartenden zwirbelnd.

1. Picklopolis | Vielleicht muss so aussehen, wer sein Leben mit Gewürzgurken bestreitet: David Barber, fantastische Mischung aus Marcel Marceau und Groucho Marx, hat mit Pickles die Stadt überschwemmt. Er variiert sie saucetriefend im Brot an Rindfleisch, mit Enteneiern und zu Bohnenbrei, samstags auf dem Campus und mittwochs im Shemanski Park. Früher führte Barber ein Restaurant, hat er längst aufgegeben, auch der Kinder wegen. Das Gurkenbusiness ist familienfreundlicher. „Ich würde nie wieder tauschen“, sagt er, die Bartenden zwirbelnd.
picklopolis.com

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2. Olé Latte Coffee - Cafés gibt es zuhauf in Portland. Aber einen Kaffee-Truck? Da hat Todd Edwards Mut zur Lücke bewiesen. Seine Röstungen können sich sehen und schmecken lassen. Bedienung Samantha Elie, hauptsächlich Studentin und nebenjobbend Kaffeefee, hat ein Dauer-Abo auf ihr Lächeln. Sie mag den Standort wegen der nachbarschaftlichen Fürsorge. Bestes Beispiel: die Kreidetafel. Wer zwei Kaffee kauft, aber nur einen trinkt, zieht darauf eine Strich. Der Bonusbecher geht gratis an Obdachlose aus dem Viertel, bezahlt ist er ja schon. Ein bisschen Koffeinwärme gegen die kalten Straßennächte. Was, wenn keine Kreidestriche auf der Tafel notiert sind, Sam? Sie lächelt: „Da ist noch nie vorgekommen, wir Portlandians geben Acht aufeinander.“ www.olelatte.com

2. Olé Latte Coffee | Samantha Elie, hauptsächlich Studentin und nebenjobbend Kaffeefee in Todd Edwards' Kaffee-Truck, mag den Standort wegen der nachbarschaftlichen Fürsorge. Bestes Beispiel: die Kreidetafel. Wer zwei Kaffee kauft, aber nur einen trinkt, zieht darauf einen Strich. Der Bonusbecher geht gratis an Obdachlose aus dem Viertel, bezahlt ist er ja schon. Ein bisschen Koffeinwärme gegen die kalten Straßennächte. Was, wenn keine Kreidestriche auf der Tafel notiert sind, Sam? Sie lächelt: „Das ist noch nie vorgekommen, wir Portlandians geben acht aufeinander.“
olelatte.com

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3. Wolf and Bear's - Macht optisch was her. Das liegt auch, aber nicht nur an der Bedienungspunkerin. Bei Wolf and Bear's werden vegetarische Pitas bereitet, die sich an der Küche des Mittleren Ostens orientieren. Petersilie, selbstgestampfter Hummus, Zwiebeln und Limone, dazu Peperoni, Tahini und grüne Chilisauce. In einer Stadt, die Frische und Exotik gleichermaßen feiert, passt das perfekt und ist konsequenterweise regelmäßig auf allen Bestenlisten vertreten. www.eatwolfandbears.com

3. Wolf and Bear's | Macht optisch was her. Das liegt auch, aber nicht nur an der Bedienungspunkerin. Bei Wolf and Bear's werden vegetarische Pitas bereitet, die sich an der Küche des Mittleren Ostens orientieren. Petersilie, selbstgestampfter Hummus, Zwiebeln und Limone, dazu Peperoni, Tahini und grüne Chilisauce. In einer Stadt, die Frische und Exotik gleichermaßen feiert, passt das perfekt und ist konsequenterweise regelmäßig auf allen Bestenlisten vertreten.
eatwolfandbears.com

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4. Kargi Gogo - Bevor er Bestellungen aufnimmt, muss Sean Fredericks erst mal aufklären. Das kann dauern. Georgische Küche bekomme man bei ihm, ja, genau, wie bitte? Sie wissen nicht, was und wo Georgien ist? Puh, also, tja, da bei Russland, bisschen südlicher, die Ecke der Welt. Weit weg. Viele Kunden kommen an seinen Truck spaziert, weil sie hier Essen aus dem amerikanischen Südosten vermuten. Georgien, im Amerikanischen Georgia, klar, die Verwechslung liegt nah. Aber Fredericks war für den Peace Chord am Kaukasus, und das Käsebrot mit zerschlagenem Spiegelei obenauf kündet bis heute davon. Einmal, sagt er, sei eine Gruppe Georgier vorbei gekommen. Die hätten nicht schlecht gestaunt, dass sie ihre eigene Kulinarik kriegen. Dann muss Fredericks zurück zur Theke. Ein Kunde sagt, er stamme aus Atlanta in Georgia, na das sei ja ein Zufall. www.kargigogo.com

4. Kargi Gogo | Bevor er Bestellungen aufnimmt, muss Sean Fredericks erst mal aufklären. Das kann dauern. Georgische Küche bekomme man bei ihm, ja, genau, wie bitte? Sie wissen nicht, was und wo Georgien ist? Puh, also, tja, da bei Russland, bisschen südlicher, die Ecke der Welt. Weit weg. Viele Kunden kommen an seinen Truck spaziert, weil sie hier Essen aus dem amerikanischen Südosten vermuten. Georgien, im Amerikanischen Georgia, klar, die Verwechslung liegt nah. Aber Fredericks war für den Peace Corps am Kaukasus, und das Käsebrot mit zerschlagenem Spiegelei obenauf kündet bis heute davon. Einmal, sagt er, sei eine Gruppe Georgier vorbeigekommen. Die hätten nicht schlecht gestaunt, dass sie ihre eigene Kulinarik kriegen. Dann muss Fredericks zurück zur Theke. Ein Kunde sagt, er stamme aus Atlanta in Georgia, na, das sei ja ein Zufall.
kargigogo.com

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5. The Dump Truck - Mehr als 500 Trucks stehen in Portland herum, die Auswahl ist gewaltig, aber die Dumplings vom Dump Truck sollte kein Foodie missen. Auf den Punkt gedämpft und liebevoll ins Salatbett drapiert, bringen sie China an den Gaumen. Die Idee kam den beiden Besitzern Julia und Reid (nicht im Bild) im Jahr 2007, als sie arbeitsbedingt in Peking weilten. Täglich kehrten sie damals in die Garküche eines gewissen Mr. Ma ein, der schließlich zustimmte, seine Rezeptgeheimnisse für die Teigtaschen mit dem jungen Liebespaar zu teilen. Der Rest ist Geschichte. Erfolgsgeschichte. www.dumptruckpdx.com

5. The Dump Truck | Mehr als 500 Trucks stehen in Portland herum, die Auswahl ist gewaltig, aber die Dumplings vom Dump Truck sollte kein Foodie missen. Auf den Punkt gedämpft und liebevoll ins Salatbett drapiert, bringen sie China an den Gaumen. Die Idee kam den beiden Besitzern Julia und Reid im Jahr 2007, als sie arbeitsbedingt in Peking weilten ...

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5. The Dump Truck - Mehr als 500 Trucks stehen in Portland herum, die Auswahl ist gewaltig, aber die Dumplings vom Dump Truck sollte kein Foodie missen. Auf den Punkt gedämpft und liebevoll ins Salatbett drapiert, bringen sie China an den Gaumen. Die Idee kam den beiden Besitzern Julia und Reid (nicht im Bild) im Jahr 2007, als sie arbeitsbedingt in Peking weilten. Täglich kehrten sie damals in die Garküche eines gewissen Mr. Ma ein, der schließlich zustimmte, seine Rezeptgeheimnisse für die Teigtaschen mit dem jungen Liebespaar zu teilen. Der Rest ist Geschichte. Erfolgsgeschichte. www.dumptruckpdx.com

... Täglich kehrten sie damals in die Garküche eines gewissen Mr. Ma ein, der schließlich zustimmte, seine Rezeptgeheimnisse für die Teigtaschen mit dem jungen Liebespaar zu teilen. Der Rest ist Geschichte. Erfolgsgeschichte.
dumptruckpdx.com

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 Stadtauswärts, am Willamette River, taucht urplötzlich ein zahnpastaweißer 1970er Chevy auf. Gucken, bremsen, nachfragen. Street-Food, im Niemandsland aus Zügen und Strommasten, echt? Auftritt Luis Ochoa, der urmexikanische Küche zubereitet, gedacht für – ja, für wen eigentlich? Er überlegt kurz, grinst dann: „Für die, die gucken, bremsen, nachfragen.“ Einem Kumpel gehört der Bereifungsbetrieb samt Gelände, deshalb darf Ochoa hier parken. Die Mechaniker sind seine besten Kunden. Er war schon Maître de Cuisine und Souschef, aber das hat ihm nicht gereicht. „In meinem Chevy bin ich Koch, Kellner, Kassierer und Tellerwäscher“, sagt Ochoa. „Und wisst ihr was? Ich liebe es!“ Das alles ließe sich als Schönfärberei abtun, allzu häufig bekommt man die Antwort zu hören in Portland. Oder bedeutet es einfach, dass sie wahr ist? Ochoa hat keine Lizenz für die City, deshalb versorgt er das Industriegebiet mit Tortillas, Empanadas und Mexicola. Ein paar Wochen später wird er die Zulassung erhalten und zum Bürokomplex Montgomery Park wechseln.

Weltweit streben Köche danach, im Restaurant zu kochen, eine Küchenmannschaft zu befehligen. In Portland ist Ochoas Weg üblicher, der vom Küchenchef zum Food-Trucker. Von oben nach unten. Weil das hier relative Begriffe sind, Fragen der Perspektive. In Portland ist oben dort, wo man sich wohlfühlt.

Wenn du hart arbeitest und kochen kannst, wirst du hier immer auf den Füßen landen

Rick Gencarelli, Inhaber von Lardo Sandwiches

Rick Gencarelli kennt beide Seiten. Ihm gehört Lardo, ein Sandwichladen mit drei Filialen. Von 2010 bis 2012 war Gencarelli Food-Trucker, man merkt es noch: Diese kumpelige Kundennähe lernt man nur auf der Straße. Gencarelli, Grundsympath, Vollkontakt-Gastronom, 120 Angestellte, hat sich verändert und ist sich doch treu geblieben. Vor einem Jahr hat er seinen Truck zurückgekauft. Nicht für sich, sondern für alle. Er vermietet ihn jetzt tageweise als Pop-up-Bühne an Köche, die ihr Konzept testen wollen. „Danach wissen sie, ob die Leute Lust auf die Idee haben. Und, noch wichtiger: ob sie selbst Lust darauf haben“, sagt er. Gencarelli will ein Mentor sein, der die nächste Straßenküchen-Generation an den Start bringt. Er, der Sandwiches schichtete und sich fragte: Was möchte ich eigentlich machen? Was ist mein Traum? Bis ihm aufging, dass es genau das ist: Sand­wiches machen. Besser als alle anderen, am besten die besten der Stadt. Er erfand Saucen, besann sich auf seine italienischen Wurzeln, baute riesige, saftige Pastrami-Sandwiches. Gencarellis Lektion: „Wenn du hart arbeitest und kochen kannst, wirst du in Portland immer auf deinen Füßen landen.“ Er würde nie wieder wegziehen. Unmöglich, sagt er. Man kann es verstehen.

Portlands Skyline ist bescheiden, Natur- und Erholungsflächen waren den Stadtplanern wichtiger

Portlands Skyline ist bescheiden, Natur- und Erholungsflächen waren den Stadtplanern wichtiger

© Malte Jäger
Gemüse ist sein Fleisch: Wer auf einem der vielen Farmers Markets einkauft, stärkt sein grünes Gewissen – und kann mit Joshua Gulliver plaudern

Gemüse ist sein Fleisch: Wer auf einem der vielen Farmers Markets einkauft, stärkt sein grünes Gewissen – und kann mit Joshua Gulliver plaudern

© Malte Jäger
Portlands Restaurants haben einiges zu bieten, hier frittierten Rosenkohl mit Edelsalamiplatte im Tasty n Alder

Portlands Restaurants haben einiges zu bieten, hier frittierten Rosenkohl mit Edelsalamiplatte im Tasty n Alder

© Malte Jäger
Genevieve Rades und Scott Fitzsimons von A Little Bit Of Smoke sind ein Team und ein Paar

Genevieve Rades und Scott Fitzsimons von A Little Bit Of Smoke sind ein Team und ein Paar

© Malte Jäger
Auf dem Bordstein essen, vom Bordstein aus Streetart bewundern. In Portland ist beides gleichzeitig möglich

Auf dem Bordstein essen, vom Bordstein aus Streetart bewundern. In Portland ist beides gleichzeitig möglich

© Malte Jäger
Gedämpften Kraken im Bambusboot serviert ein Food-Truck im Stadtteil Richmond

Gedämpften Kraken im Bambusboot serviert ein Food-Truck im Stadtteil Richmond

© Malte Jäger
„Stadt der Brücken“ wird Portland genannt, etliche queren den Willamette River

„Stadt der Brücken“ wird Portland genannt, etliche queren den Willamette River

© Malte Jäger
Sein Food-Truck war einer der besten der USA, heute führt Rick Gencarelli drei Sandwich-Läden

Sein Food-Truck war einer der besten der USA, heute führt Rick Gencarelli drei Sandwich-Läden

© Malte Jäger
Was ein echtes Pulled Pork nach Carolina-Art sein will, das knackt, tropft und spritzt

Was ein echtes Pulled Pork nach Carolina-Art sein will, das knackt, tropft und spritzt

© Malte Jäger
Wagenburg im Südosten Portlands. Für Food-Trucks gelten die gleichen Küchenvorschriften wie für Restaurants

Wagenburg im Südosten Portlands. Für Food-Trucks gelten die gleichen Küchenvorschriften wie für Restaurants

© Malte Jäger

 Mit Portland ist es wie mit einer großartigen Frau: Man verliebt sich sofort und maßlos, und dann – lässt die Liebe einfach nicht nach. Sie bleibt, wächst sogar noch, weil man ständig Neues entdeckt und das Bekannte seinen Reiz bewahrt. Es ist kitschig, es ist schön. Natürlich wird auch Portland rasant durchgentrifiziert. Die Mieten steigen, große Firmen verdrängen kleinere. Manche reden vom „neuen Seattle“. Das Magazin Monocle hat Portland trotzdem zur lebenswertesten Stadt der USA gewählt. Gehört zur großen Liebe nicht auch, dass man um sie kämpft? Am meisten kämpfen die Köche. Sie wagen, scheitern, reüssieren. Sie sind der Motor, der Portland in Bewegung hält.

Das sieht auch Liz Crain so. Sie sitzt im Tasty n Alder, feines Fingerfood, gehobene Preise. Crain war früher Kellnerin, heute arbeitet sie als Bloggerin und Autorin. Sie hat den „Food Lover’s Guide to Portland“ geschrieben und das Portland Fermentation Festival organisiert. Wer sich den Hype erklären lassen will, ist bei ihr genau richtig. Es gibt Focaccia, koreanisches Hühnchen und Pimientos in Meersalz. Die Portland-Formel, nach Crain: Jeder kann sich ausprobieren, die Kosten für einen Food-Truck sind überschaubar, erstens. Zweitens die Lage – im Willamette Valley wächst alles frisch und satt. Drittens die Menschen, für die Essen nicht nur Sättigung bedeutet, sondern Lebensqualität und soziale Bindung. Viertens die Haltung dieser Menschen, große Ketten zu meiden und lokale Anpacker zu unterstützen. „Jeden Tag eröffnen neue Restaurants, Bars, Cafés und Trucks. Es ist eine Explosion!“, ruft Crain, so laut, dass ein paar Nerds von ihrem Ricotta-Pancake aufschauen.

Ein Bierbrauer, der Fahrräder mag? Oder ein Radler, der auch Bier trinkt? Christian Ettinger will sich nicht festlegen. Er füllt beide Rollen aus.

Ein Bierbrauer, der Fahrräder mag? Oder ein Radler, der auch Bier trinkt? Christian Ettinger will sich nicht festlegen. Er füllt beide Rollen aus

© Malte Jäger
Und so hängen in seiner Hopworks Urban Brewery alte Radrahmen über der Theke, kehren Hipster hier genauso ein wie Sportfanatiker. "Wir werden größer und größer, ich habe keine Ahnung, wo das enden soll", sagt Ettinger

Und so hängen in seiner Hopworks Urban Brewery alte Radrahmen über der Theke, kehren Hipster hier genauso ein wie Sportfanatiker. „Wir werden größer und größer, ich habe keine Ahnung, wo das enden soll“, sagt Ettinger

© Malte Jäger
Unter dem Teppich geblieben: Viele Portlandians nehmen den Begriff Street Food wörtlich. Warum am Tisch stehen, wenn man auch auf dem Trottoir sitzen kann? Komfort ist immer Einstellungssache

Unter dem Teppich geblieben: Viele Portlandians nehmen den Begriff Street Food wörtlich. Warum am Tisch stehen, wenn man auch auf dem Trottoir sitzen kann?

© Malte Jäger
Komfort ist immer Einstellungssache

Komfort ist immer Einstellungssache

© Malte Jäger
Portland, in einem einzigen Ort verdichtet: Die Beer Porches im Stadtteil St. John's bilden die Stadt ziemlich gut ab. Hier ist das Bier natürlich Craft, ausgeschenkt wird in Einweckgläsern.

Portland, in einem einzigen Ort verdichtet: Die Beer Porches im Stadtteil St. John's bilden die Stadt ziemlich gut ab. Hier ist das Bier natürlich Craft, ausgeschenkt wird in Einweckgläsern

© Malte Jäger
Portland, in einem einzigen Ort verdichtet: Die Beer Porches im Stadtteil St. John's bilden die Stadt ziemlich gut ab. Hier ist das Bier natürlich Craft, ausgeschenkt wird in Einweckgläsern. Die verspulten Kellner erzählen ausführlich von ihren Bandprojekten, ehe sie die Bestellung notieren. Und im Hof laufen alte Kinofilme auf Leinwand

Die verspulten Kellner erzählen ausführlich von ihren Bandprojekten, ehe sie die Bestellung notieren. Und im Hof laufen alte Kinofilme auf Leinwand

© Malte Jäger
Cider boomt in Portland, viele Brauer machen sich selbstständig mit dem Apfelweingetränk. Reverend Nat's Hard Cider gehört dazu. Man verkostet zwischen den riesigen Stahltanks, das Lagerhallenambiente wirkt herrlich improvisiert. Kein Wunder, immerhin hat Begründer Nat West in einer Garage angefangen

Cider boomt in Portland, viele Brauer machen sich selbstständig mit dem Apfelweingetränk. Reverend Nat's Hard Cider gehört dazu. Man verkostet zwischen den riesigen Stahltanks, das Lagerhallenambiente wirkt herrlich improvisiert. Kein Wunder, immerhin hat Begründer Nat West in einer Garage angefangen

© Malte Jäger
Portland: Gegessen wird, was auf die Straße kommt

Den besten Nachtblick auf Downtown Portland hat man vom Dach des Hotels The Nines. In der Rooftop Bar wird viel Gin-Tonic getrunken und noch mehr Smalltalk gemacht

© Malte Jäger

 Um Portlands Food-Bewegung wirklich zu verstehen, geht man in der Nahrungskette noch weiter zurück. Bis an den Ort, wo sie alle – Maîtres, Sandwichketten-Betreiber, Food-Trucker – ihre Zutaten einkaufen. 23 Bauernmärkte gibt es in Portland, an fast jedem Wochentag mehrere und gerecht auf die Viertel verteilt. Frische ist das oberste Gebot in dieser Stadt, der Zugang zu ihr ein Grundrecht. Shemanski Park, ein verregneter Morgen downtown, trotzdem herrscht dichtes Gedränge, alle kaufen für ihren Arbeitslunch ein. Babelartig türmen sich Kohlköpfe und Karotten, leuchten reife Tomaten, Melonen groß wie Medizinbälle. Joshua Gulliver betreut den Stand der Gathering Together Farm und sieht aus, als wäre er ins Karohemd hineingeboren worden. Jeden Mittwoch kommt er aus Philomath mit sieben Paletten an, fährt zwei Paletten zurück. 300 Kilometer am Steuer, es lohnt sich. „Wir haben ein einmaliges Publikum hier, viele Köche, die sich für den Abend bevorraten“, sagt er. Folgt man seinem Blick, entdeckt man eine ganze Reihe von Koch­hauben in der Menge, mal hierhin, mal dorthin wippend. Gulliver stammt aus Massachusetts, zog aber nach Oregon, weil hier gefarmert würde, wie er sich das erträumt: saisonal und bio, ohne Pestizide, mit gutem Gewissen. Und weil Portland eine ständige Party ist, aber ohne den Kater danach. Ein bisschen entspannt, ein bisschen spleenig. Alles kann, nichts muss.

Und so steht man am Abend bei Tidbit und trinkt ein Feierabendbier, was nichts bedeutet, weil man auch schon ein Nachmittagsbier hatte. Tidbit ist das After-Work-Dorf der Stadt, bestehend aus Trucks, Craft Beer und Folk, der heiligen Dreifaltigkeit des Hipsters. Bestellungen flirren durch die Spätsommerluft: Pizza für Al Pacino! Thai für Britney Spears! Die Namenswitze sind hier fast Volkssport. Gerne würde man ewig weitergucken, lauschen, trinken. Aber plötzlich, in den Hof gesungen: Oktopus für Mick Jagger! Man muss dann mal los. Essen ist fertig.


Tipps für Portland

Hopworks Brewery

Craft Beer und Fahrräder, passt das zusammen? In der Brauerei von Christian Ettinger schon!

hopworksbeer.com

St. Johns bridge

Sakraler Augenöffner: Der Blick von der Stahlbrücke ist toll, der Cathedral Park darunter auch.

8600 NW Bridge Ave

Ace hotel

Zentral gelegen, mit Bar und Café: Das Industrial-Design erfüllt kühnste Hipster-Träume.

acehotel.com/portland

Powell’s books

Der legendäre Shop führt über eine Million Bücher, alte wie neue – und ist bis 23 Uhr offen.

powells.com

Alle Tipps auch bei

foursquare.com/lufthansa


Moritz Herrmann kommt aus Hamburg und war auf der Henri-Nannen-Journalistenschule. Hat auch mal ein Jahr in Indien gelebt, aber seine innere Mitte nicht gefunden, deshalb reist er weiter. Für das Lufthansa Magazin zuletzt nach Las Vegas, Kuba, Brüssel und Portugal. Bringt sich aus jedem Land ein Getränk mit, gibt der Redaktion davon nichts ab. Für andere Magazine schreibt er Langstrecken über Gesellschaft, Gescheiterte und Sport.


Malte Jäger lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. In seiner Arbeit erforscht er vor allem die menschliche Natur: Warum leben Menschen, wie sie leben? Das will er herausfinden, verstehen und mit anderen teilen. Jäger fing nicht aus technischem Interesse an zu fotografieren. Auch nicht, weil das schon immer sein Hobby gewesen wäre. Vielmehr nutzt er das Medium Fotografie, um hinter die Kulissen zu schauen, dorthin, wo er ohne Kamera niemals Zugang hätte.

maltejaeger.de