Ab in die Walachei!

Bären, Wölfe, Luchse: Nirgendwo in Europa gibt es davon so viele wie in Rumänien – jetzt soll ein ­privater Nationalpark die Bestände schützen

Ich schick dich in die Walachei“, sagte mein Großvater früher zu mir, wenn ich ihm mal wieder furchtbar auf die Nerven ging. Die Walachei war der Inbegriff des Nirgendwo, des Weitweg, des Ungewissen, der Einsamkeit und der Wildnis. Allein in der Walachei ist man verloren, so dachte ich.

Jetzt kann ich sie sehen, von einem Hügel im benachbarten Transsilvanien, das auf Deutsch auch den angestaubten Namen „Siebenbürgen“ trägt. Vor mir liegt eine wellige Landschaft in Hunderten von Grüntönen, die aussieht, als wäre sie mit Samt überzogen. An einigen Hängen wachsen dichte Wälder, andere sind lichter, dort vermischt sich das helle Grün der Sprösslinge mit dem dunklen der alten Riesen. In der Ferne zeichnen sich die zackigen Umrisse der Făgăraş-Berge am Horizont ab. Dort, auf der anderen Seite der Berge, liegt die Walachei.

Wild und einsam ist es schon hier auf diesem Hügel, auf den mich Christoph Promberger geführt hat. Als Wolfsforscher ist der Deutsche vor mehr als 20 Jahren in die Karpaten gekommen. Er hat sich in die Natur verliebt und ist geblieben. Nun lebt der 50-Jährige im Dorf Şinca Nouă, knapp 200 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bukarest. Das Auto haben wir im Tal stehen gelassen, wir sind einem Trampelpfad gefolgt, vorbei an kleinen Häusern, die an kein Stromnetz angeschlossen sind, mit einzelnen Solarpaneelen auf dem Dach und rußig rauchenden Schornsteinen. Während unserer Wanderung hat Promberger von seiner Vision erzählt, vom Nationalpark, den er gründen möchte, von den Wölfen und Bären und der Bürokratie. „Ich will einen europäischen Yellowstone aufbauen“, hat er gesagt.

Natur­schützer Christoph Promberger mit einem seiner Pferde

Natur­schützer Christoph Promberger mit einem seiner Pferde

@ Jörg Modrow
Tracht und Trauung: Gäste einer Hochzeits­feier in Podu Dâmboviței

Tracht und Trauung: Gäste einer Hochzeits­feier in Podu Dâmboviței

@ Jörg Modrow
Grüße aus Transsilvanien

Grüße aus Transsilvanien

@ Jörg Modrow
Straßenszene in Şinca Veche

Straßenszene in Şinca Veche

@ Jörg Modrow
Abenteurer erholen sich von der Tages­etappe

Abenteurer erholen sich von der Tages­etappe

@ Jörg Modrow
Ein Braunbär am Futterplatz

Ein Braunbär am Futterplatz

@ Jörg Modrow
Verkauf selbst gepresster Säfte am Straßenrand

Verkauf selbst gepresster Säfte am Straßenrand

@ Jörg Modrow
Wird schon wieder: Aufforstung am Dâmbovița-Tal

Wird schon wieder: Aufforstung am Dâmbovița-Tal

@ Jörg Modrow

 6,7 Millionen Hektar Wald gibt es in Rumänien, das ist rund ein Viertel des Landes. Es gibt nur wenige Länder in Europa, in denen so viele Raubtiere leben. Mehr als 2500 Wölfe sollen durch die Wälder streifen, dazu kommen rund 6000 Braunbären und etwa 1500 Luchse. Sie alle brauchen den Wald zum Leben. Ich will durch Transsilvanien und die Walachei reisen, will diese Wildnis erfahren, solange es sie noch gibt. Denn der Wald wird immer kleiner – große Flächen wurden und werden noch immer gerodet. Sogar in den rumänischen Nationalparks wird Holz geschlagen, manche Naturschutzgebiete existieren nur noch auf dem Papier.

Promberger kämpft gegen das Verschwinden der Wälder. Er will in den Südkarpaten einen privaten Nationalpark gründen und von eigenen Leuten überwachen lassen. 2600 Quadratkilometer groß soll er werden, etwa zehnmal so groß wie der Nationalpark Bayerischer Wald. 1000 Quadratkilometer wollen Promberger und seine Frau Barbara über eine eigens gegründete Stiftung kaufen. Die übrigen 1600 Quadratkilometer, so hofft er, wird die rumänische Regierung als Beigabe schützen.

Das Gebiet liegt zwischen den Städten Braşov (Kronstadt) und Sibiu (Hermannstadt), dies- und jenseits der Făgăraş-Berge, in Siebenbürgen und der Walachei. „Anfangs haben wir nur unberührten Wald aufgekauft“, sagt Promberger, „aber jetzt haben wir angefangen, auch gerodete Flächen zu kaufen und sie wieder aufzuforsten.“ Wir erklimmen die letzte Steigung und stehen auf einem Hügel, wo Pferde in aller Ruhe grasen. Rund um ein kleines Lagerfeuer sitzen eine Handvoll Reiter.

Gemeinsam mit seiner Frau hat Promberger nach dem Abschluss seines Wolfsforschungsprojekts einen Pferdehof mit Gästehaus aufgebaut. Von dort aus nehmen sie Besucher mit auf tage- und wochenlange Ausritte durch die wilde Landschaft. Geschlafen wird in Zelten, gekocht am Lagerfeuer. Auch ich schwinge mich am nächsten Morgen auf ein Pferd und reite mit der Gruppe durch die Natur. Auf 400 Meter Höhe wächst lichter Buchenwald, der wirkt, als sauge er Sonnenlicht auf, um es mit doppelter Kraft wieder auszustrahlen. Stundenlang reiten wir querfeldein, durch kleine Bäche und wucherndes Unterholz.

Tiere sind die bessere Gesellschaft

Nelu Moşu, Wildhüter

 Es ist ein Paradies für Reiter, keiner grenzt hier sein Grundstück von dem der Nachbarn ab. Nie müssen wir absteigen, um ein Zauntor zu öffnen. Wir sehen Krallenspuren von Bären an Baumrinden, Pfotenabdrücke von Wölfen im matschigen Boden, wir hören einen Hirsch hinter einer Hecke rascheln. Wer Tiere sehen will, braucht Glück und viel Geduld. Am ehesten entdeckt man sie an den Futterstellen. Dort stehen noch immer die kleinen Holzhütten, in denen früher Jäger den Tieren auflauerten. In solch einer sitze ich am Abend zusammen mit einem Dutzend anderer Besucher. Ich starre auf eine Lichtung, auf der zwei halbe Schweine liegen, dazu gibt es Mais, Kekse und tafelweise Schokolade. Naturbeobachtung hatte ich mir romantischer vorgestellt, doch so, erklärt man mir, lassen sich die Bären nun einmal am besten anlocken. Langsam senkt sich die Dämmerung. Als kaum mehr Farben zu erkennen sind, hoppelt der erste Bär aus dem Wald hervor, stellt sich auf, hält die Nase in den Wind und läuft zielstrebig in Richtung Schokolade.

In jahrelanger Aufklärungsarbeit hat Promberger die Jäger der Region davon überzeugen können, sich für den Natur- und Tierschutz wenn nicht zu begeistern, dann doch wenigstens zu interessieren. Auf lange Sicht verdient man heute mehr daran, Touristen zu den Beobachtungsplätzen zu führen, als wenn man die Tiere illegal tötet. Schokolade und Kekse hatte Promberger dabei nicht im Sinn, die Süßigkeiten tun den Mägen der Tiere nicht gut, ihren Zähnen erst recht nicht. Er will in seinem Park ein paar Beobachtungsplätze an den Routen aufbauen, wo die Wildtiere ohnehin kreuzen. Bis die fertig sind, arrangiert er sich mit den kariösen Methoden der Einheimischen.

Draculas Schloss in Bran

Draculas Schloss in Bran

@ Jörg Modrow

 Denn wichtiger als die Ernährung der Tiere ist ihm, dass sie überhaupt am Leben bleiben. Dafür haben Promberger, seine Frau und einige ihrer Freunde einen eigenen Jagdverein gegründet, die alleinige Lizenz für das Gebiet erworben und einen ehemaligen Jäger angestellt, Nelu Moşu. Zu ihm fahre ich am nächsten Tag, mit einem Allradwagen in Richtung Süden, ich überhole Ochsenkarren und Lastpferde. Kurz hinter Schloss Bran, das als Graf Draculas Wohnstätte bekannt geworden ist, finde ich mich in einer Parade geschmückter und laut hupender Wagen wieder, sie halten am Straßenrand, heraus steigt eine Flut von Frauen in rot-goldenen, mit Stickereien verzierten Trachten und Männern in schnörkellosen Anzügen. Sie winken mir zu, laden mich ein zu einer Hochzeitsfeier. Ich lasse mich auf Hochzeitsfotos verewigen, dann fahre ich weiter.

Bald darauf bin ich endlich in der Walachei, im Nationalpark Piatra-Craiului, auf Deutsch Königsstein. Ich fahre am Lauf der Dâmbovița entlang, die hier noch ein mäandernder Bach ist. In dieser Gegend hat Promberger seine ersten 160 Quadratkilometer Wald gekauft. Auf einigen Hängen sieht man die frischen Baumsprösslinge, die der Wind bewegt. Nelu Moşu wartet an einer kleinen Brücke. Heute arbeitet er als Wildhüter, zählt die Hirsche, Wölfe und Bären, legt in harschen Wintern das Futter aus und achtet darauf, dass nicht gewildert wird. Moşu hat seine Mütze tief ins Gesicht gezogen, seine Arme vor der Brust gekreuzt, seine schwieligen Hände in die Achselhöhlen geklemmt. Er schaut von einem Baumwipfel zum nächsten, als suche er etwas. Sein Leben lang ist er gewandert, immer durch die Wälder seiner Heimat.

Sein ehemaliges Revier liegt auf der anderen Seite der Berge. Der rumänische Diktator Nicolae Ceauşescu war regelmäßig dorthin gekommen, um Bären zu schießen. Allerdings nur alle zwei bis drei Jahre, in der Zeit dazwischen blieben die Tiere ungestört. „Niemand traute sich, im Revier des Präsidenten zu wildern“, erzählt Moşu. Der Mann hat sein halbes Leben im Wald verbracht, er weiß, welche Wege die Bären nehmen und wo sich die Wölfe zum Schlafen niederlegen. „Nach dem Ende des Kommunismus ging vieles schief“, sagt er, die Wilderei begann. 3000 bis 7000 Euro bekamen Jäger für das Fell, das Fleisch und den Kopf eines Bären. Von dem Geld kann man in Rumänien über ein Jahr lang leben.

„Wir haben auf diesen 160 Quadratkilometern heute gerade mal noch 10 bis 15 Bären, vier Wölfe, 20 Stück Rotwild“, sagt Moşu. Aus der Jackentasche zieht er seine Digitalkamera und blättert bedächtig durch. Ein Bär, zwei Rehe, noch ein Bär.  Ein paar Schafe und Rinder von hinten. Moşu zeigt die Fotos, wie andere Menschen ihre Familienbilder präsentieren würden. Er hat aufgehört zu sprechen, er lächelt nur noch, sein Blick ist ruhig geworden. „Menschen machen mir Angst“, sagt er, „Tiere sind die bessere Gesellschaft.“

Meinem Opa waren Tiere auch oft lieber als Menschen. Vielleicht hätte er mich nicht so oft verbal in die Walachei schicken sollen. Schade, dass er nicht selbst mal durch diese Wälder reiten konnte. Ich bin mir sicher, es hätte ihm gefallen.