Touristen nehmen ein Selfie vor dem Uhrengeschäft Drubba am Titisee auf
© Tanja Demarmels

Schwarz, Wald, Gold

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS TANJA DEMARMELS
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Er lockt so viele Besucher wie nie zuvor: der Schwarzwald. Die einen wollen Besinnung und Romantik, die ­anderen Kirschtorte und Kuckucksuhr. Doch wo liegt die Wahrheit? Eine Suche in der deutschesten Region Deutschlands.

Man hört sie, bevor man sie sieht. Ein eifriges Murmeln, das anschwillt in der Stille. Sie kommen. Da, die ersten Schatten im Morgennebel. Beige Outdoorjacken und grünliche Mayser-Anglerhüte werden sichtbar, Bügelfaltenhosen und Goretex-Ärmel. Eine Gruppe Chinesen, Koreaner und Singapurer auf Rundreise, „Loving Europe“ heißt ihr Trip. Zehn Tage über den Kontinent, und heute steht Deutschland auf dem Programm. Das heißt: der Titisee im Schwarzwald. Viel mehr wird es nicht, weniger aber auch nicht. Es ist neun Uhr in der Früh, auf dem Parkplatz herrscht noch Ruhe. Ein Tag nur ist eingeplant. An diesem einen Tag soll sich für die Asiaten all das verdichten, was deutsch ist. Doch was ist das?

Zehn Kilometer südwestlich des Sees steigt Achim Laber in seinen alten Audi 80. Lachend steuert er über die Pfade, die sich an den Feldberg drücken. Laber lacht viel, er mag seinen Job als Ranger. Weißtannen säumen die Strecke. Der Feldberg ist das älteste und größte Naturschutzgebiet Baden-Württembergs. Hier steht der Gelbe Enzian unter Schutz, hier hat die Alpine Gebirgsschrecke überlebt, auch der Luchs ist zurück. Man kann sagen: Am Feldberg ist der Schwarzwald ganz bei sich. Laber, seit gut einem Vierteljahrhundert im Amt, ist es auch. „Der Schwarzwald füllt mich aus, er atmet in mir, er ist in mir“, sagt er. Überlegt dann, ob das komisch klingt, und schiebt nach: „Das höre ich auch von den Wanderern, die zu uns kommen. In Deutschland findet derzeit eine unglaubliche Rückbesinnung auf den Wald statt.“

Da hat Laber recht. Seit zwei Jahren flüstert sich der Förster Wohlleben mit seinen Fibeln über Bäume und Tiere durch die Buchcharts. Magazine wie Wald und Landlust feiern die Flucht ins Grüne. Die Deutschen und der Wald, das ist eine besondere Beziehung. Schon die Germanen verehrten ihn als Götterhort. Im Wald besiegte Hermann der Cherusker die römischen Legionen. Wald ist deutscher Urmythos. Wald ist grimmsche Märchenwelt. Wald ist Romantikrefugium. Als deutscher Exportschlager wird der Wald nur von Bier, Pünktlichkeit und Lederhosen getoppt. Den Wald bedichteten Goethe, Eichendorff, Rilke. Und wohl nur in Deutschland konnte eine Naturschutzpartei wie die Grünen so groß werden. Vielleicht ist nichts deutscher als der deutsche Wald, und vielleicht ist der deutsche Wald nirgendwo so deutsch wie im Schwarzwald. Man kann hier wunderbar Klischees prüfen, weil im Schwarzwald zwei Sehnsüchte zusammenfallen: die der Deutschen nach dem Wald und die der Ausländer nach dem Deutschen. Eine Schwarzwald­reise ist gelebte Anthropologie.

Dirndl in einem Trachtengeschäft im Schwarzwald

Tracht neu interpretiert

© Tanja Demarmels
Eine Kuckucksuhr aus Pappe der Kult AG in Gaggenau

Die Kult AG in Gaggenau vertreibt Kuckucksuhren aus Pappe

© Tanja Demarmels
Das Freiburger Münster

Das Freiburger Münster

© Tanja Demarmels
Die Strumbel-Installation „Verstehen ist ein Gefühl von Heimat“

Die Strumbel-Installation „Verstehen ist ein Gefühl von Heimat“ in Grafenhausen

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Eine Lichtung im Schwarzwald im Sonnenschein

Idyll im Sonnenschein

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Der Künstler Stefan Strumbel

Der Künstler Stefan Strumbel

© Tanja Demarmels

  Also wandert die Erzählung jetzt nach Freiburg, in eine Boutique im Viertel Wiehre. Kim Schimpfle schneidert hier Trachten, und natürlich möchte man reflexhaft maulen: Trachten, muss das sein? Trägt doch keiner mehr, nur zum Oktoberfest, und da nur als Folklore! Damit liegt man schon falsch. „Erstens sind wir im Schwarzwald und nicht in Bayern“, erklärt Schimpfle. „Und zweitens gibt es bei uns ständig Anlässe für Tracht: einen Geburtstag, eine Party, ein Firmenevent.“ Das Textil sei hier kein Klischee, sondern moderne Normalität, so sieht es die Designerin. Sie hat sich alles selbst beigebracht und schneidert Trachten-Couture, figurbetonte Entwürfe, bunte Röcke, digital bedruckt, aber mit Postkartenmotiven von 1900. An der Wand hängt ein Hirschgeweih, auf dem Regal steht eine ausgestopfte Ente. „Man verliert sich heute schnell in der Online-Welt, deshalb ist Heimat wieder ein Anker für die Leute“, sagt Schimpfle.

Heimat. Noch so ein Schlagwort, ein schwieriges. Längst zum Kampfbegriff geworden. Vermintes Terrain, seit nationalistische Parteien in Europa erstarken. Da muss man aufpassen. Am Ende geht es hier auch um die Frage, ob es einen ungefährlichen, entstaubten Heimatbegriff geben kann. Und ob man bei der Antwort weiter ist als Restdeutschland, weil im Schwarzwald schon immer vieles verortet wurde, was als deutsch gilt. Kim Schimpfle findet, Heimat, das könne doch total positiv sein, wenn man es modern interpretiert. Auf einer Tracht, die sie gerade erst fertiggeschneidert hat, steht: „Schwarzwald, o Heimat! Was bist du schön!

Ein japanischer Tourist posiert am Titisee

Alles im Rahmen: Am Titisee ist das Touristenglück nur einen Klick entfernt

© Tanja Demarmels

  Die Asiaten kreuzen mittlerweile mit einem Ausflugdampfer über den Titisee. „Beautiful! Beautiful!“ Ihre Verzückung hallt spitz über das Wasser. Sie fotografieren alles. Den Wald, den See, den Reporter. Sich selbst mit Reporter vor Wald und See. Den Erklärungen, die aus dem Lautsprecher scheppern, hört niemand zu. Aber als am Südufer eine Frau in Tracht aus einer Holzhütte tritt und dem Boot winkt, schreit eine Chinesin: „So fantastic! This is my Deutschland!“ Sie breitet dazu ihre Arme aus und dreht sich im Kreis. Es sieht aus, als sei sie in Trance.

 

Illustrierte Karte des Schwarzwalds

1 Teufelsstein
2 Kult AG Pappuhren
3 Mummelsee
4 Balzer Herrgott
5 Brauerei Rothaus
6 Titisee
7 Feldberg
8 Schwarzwald

© Cristóbal Schmal

Jahr für Jahr meldet der Schwarzwald neue Besucherrekorde, und das nicht nur wegen der asiatischen Gruppen, die sich hier ihre Dosis Deutschland abholen. Auch Araber, Israelis und Amerikaner kommen. In 2015 wurden 7,95 Millionen Gäste gezählt, so viele wie nie zuvor. Knapp 30 Prozent davon kamen aus dem Ausland, Tendenz steigend. Jedes Jahr neue Best­marken. Natürlich ist der Schwarzwald nicht arm an Sehens­wertem. Allein in Baiersbronn werden acht Michelin-Sterne erkocht. Baden-Baden lockt als Kurort mit Casinos. Es gibt riesige Wasserfälle und winzige Dörfer. Das Klima ist auch im Herbst noch großartig mild, die Luft klar, der Blick weit. Das ist schon sehr viel, aber es ist noch nicht alles. Da ist noch etwas, nur schwerlich zu erklären. Die Briten, die man in Freiburg trifft, ­nennen es raunend „the mystique of the Black Forest“.

Eine asiatische Reisegruppe bestaunt Kuckucksuhren

Die asiatische Reisegruppe bestaunt Kuckucksuhren

© Tanja Demarmels
Gasse in der Freiburger Altstadt

Für einen Ausflug in die Freiburger Altstadt reicht die Zeit nicht

© Tanja Demarmels

  Einer, der versucht, diese Mystik auszuleuchten, mit den Mitteln der Kunst, ist Stefan Strumbel. Er ließ Kruzifixe zu Pop-Art umbauen und riesige Kuckucksuhren in Neonfarben aufstellen. Er wurde zum Shootingstar, mit Shows in Schanghai, London, New York. Strumbel hat zur Popularität dieser Gegend in der Welt beigetragen. Er hat wie kaum ein anderer Künstler das Thema Heimat seziert, dekonstruiert und verdichtet, oft an der Grenze zum Kitsch. Strumbels Atelier ist in Offenburg im Mittleren Schwarzwald, aber an einem vergraupelten Nachmittag kann man ihn in Grafenhausen treffen. Vor der Rothaus-Brauerei steht sein neues Werk: zwei rostrote Tannenzapfen, 15 Meter hoch, sechs Tonnen schwer. Strumbel, jugendlicher Typ, starker Redner, Schiebermütze im Fischgrätmuster, beide Arme tätowiert, schaut hoch und sagt: „Mit Heimat werde ich nie durch sein, das ist nie komplett abgeschlossen. Das bin absolut ich. Ich liebe den Schwarzwald.“

Vor 15 Jahren, als er anfing, dieses Feld zu beackern, da hat noch keiner über Heimat geredet. Strumbel holte das Thema aus der Versenkung, mit Ironie, Farbe, mit Verve. Und heute? „Heute ist Heimat ein Trend, und man muss aufpassen, dass der Trend nicht kippt. Dass es kein leeres Gefühl wird. Heimat darf gerne für ein Besinnen und Geborgenheit stehen. Für Rückzug und Weltabgewandtheit sollte es nicht stehen.“ Es ist ein toller, ein kluger Satz von Strumbel, einer auch, der den Schwarzwald ziemlich gut beschreibt. Die ständige Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne. Die korrespondierenden Fragen: Was ist echt, was nur Kulisse? Ein Klischee ist ein Klischee, aber war es früher nicht mal etwas ganz anderes? Trägt denn nicht jedes Klischee einen wahren Kern in sich?

Strumbel baut sein Atelier in Offenburg aus. Einmal hat er versucht, in Berlin zu leben und zu arbeiten, er hat bald aufgegeben. Zu viel Party, zu viel Ablenkung, zu viel Hauptstadt. Er kehrte in den Schwarzwald zurück. Seinen Schwarzwald. Strumbel kann Heimat nur zu Kunst machen, wenn er Kunst in der Heimat macht. Der Regen perlt an den gewaltigen Tannenzapfen ab. Sie werden ewig hier stehen.

Ranger Achim Laber am Feldberg

Ranger Achim Laber wacht über „seinen“ geliebten Feldberg

© Tanja Demarmels

  Ein Schwenk zurück zum Feldberg. Ranger Laber ist am Ziel. Feldberggipfel, 1493 Meter, unglaubliche Sicht. Im Süden flimmern die Alpen, im Westen schimmern die Vogesen. Die Sonne versinkt am Horizont, prismagleich spult der Berg durch die Farben. Wird erst rot, dann gelb, dann braun, am Ende kippt er in ein Ölschwarz. Hier oben scheint es ganz einfach, die Faszination Schwarzwald zu verstehen. Laber späht durch sein Fernglas und sagt: „Wahnsinn. Oder?“ Es ist noch nicht lange her, da wurde er gefragt, ob er eine Flüchtlingsunterkunft im Tal leiten könne, man suche jemanden mit Erfahrung. Laber kann gut mit Menschen. Organisation kann er auch. Also sagte er zu, aber zögernd, da er als Ranger aussetzen musste. Aus Wochen wurden Monate. Als Laber auf seinen Posten zurückkehrte, war ihm bange, die Natur könnte in seiner Abwesenheit kaputtgegangen sein. Aber alles war schön wie immer. Das hat den Ranger nachdenklich gemacht. Laber hat gemerkt, dass er den Wald mehr braucht als der Wald ihn.

Der deutsche Wald ist Urmythos, Märchenwelt und Exportschlager wie Bier

Und am Ende landet man im Schwarzwald immer bei der Kuckucksuhr. Erst recht die Touristen. Am Titisee steht eine Shoppingmeile, und im Keller der Meile stehen die Asiaten vor einer Wand aus Uhren. Vorführung. Ein Werkstattmitarbeiter zeigt die Modelle. Erklärt das Pendelwerk, die Orgelpfeifen, die Preise. Die Gruppe oooht und aaaht. So manches Gehäuse kostet mehr als ein Kleinwagen. Die Vorstellung, wie in Tausenden chinesischer Wohnungen schwere deutsche Uhren hängen und ihr Kuckuck-Kuckuck ins Teezeremoniell rufen, ist durchaus charmant. „Haben Sie Wünsche, was die Uhr können soll?“, fragt der Vorführer. Ein Taiwanese: „Mit einer Bauernfigur, die zur vollen Stunde ein Weißbier hebt, gibt es das?“ Gelächter.

Nachmittags fahren die Asiaten im Bus ab. Das war es also. Weg aus Deutschland, weiter in die Niederlande. Nicht nur Kuckucksuhren haben sie gekauft, auch Thermoskannen, Messersets und Edelstahlpfannen. Alles made in Germany.